Bagdad Brennt: Bagdad-Blog als Bühnenshow

Volkstheater zeigt die kleinen Tragödien der irakischen Realität.

„Ich lüge, ich kann keine Irakerin sein, das ist immer die erste Reaktion, die ich im Netz bekomme. Erstens, weil ich einen Internetzugang habe – Iraker haben kein Internet. Zweitens, weil ich mit einem Computer umgehen kann – Iraker wissen nicht, was Computer sind. Und drittens können Iraker kein Englisch – also bin ich ein fake.“

Mit diesem Text führt die junge Berliner Schauspielerin Katharina Vötter die Figur, die sie im Schwarz-Weißen Salon im Stück „Bagdad brennt“ spielt, ein: die Bloggerin „Riverbend“, die vor, während und nach dem Irak-Krieg ungefilterte Nachrichten angereichert mit schwarzem Humor, Ironie und bitterem Sarkasmus aus der irakischen Hauptstadt übers Internet in alle Welt schickte.

Die Regisseurin Esther Muschol ist nicht die Erste, die versucht, das Stück auf die Bühne zu bringen: In New York, Edinburgh, Bielefeld, Göttingen lief „Baghdad Burning“ oder „Bagdad brennt“ bereits. Was könnte man da nicht alles anstellen: Pyrotechnische Einlagen, Videoclips und Multimedia-Spektakel; würde doch gut zu diesem Stoff passen, oder? Muschol verlässt sich lieber ganz auf ihre einzige Figur auf der Bühne, wobei „Bühne“ es übrigens nicht ganz trifft.

Riverbend, die Bloggerin (Vötter), erzählt davon, wie sie eine Expertin in den Disziplinen Flugzeug- und Fahrzeugerkennung geworden ist, wie sie die Knallerei einer AK-47-Kalaschnikow von jener eines M-16-Sturmgewehrs unterscheiden kann. Und man nimmt es der Schauspielerin – die nun so gar nicht irakisch aussieht – ab, wenn sie von den zwei Arten, in Bagdad zu erwachen, berichtet: auf die langsame Tour oder blitzschnell. Langsam, das ist, wenn die Hitze hochkriecht, weil der Strom wieder einmal ausgefallen ist und der Ventilator an der Decke zum Stillstand kommt. Für die Variante „blitzschnell“ gibt es eine Reihe von möglichen Ursachen: Bombenexplosion, Schießerei, Razzia.

„Bagdad brennt“ handelt vom ganz alltäglichen Wahnsinn in der irakischen Hauptstadt, in der die Menschen inmitten der Tragödie ihren Humor behalten und eine junge Frau um eine Normalität ringt, die es längst nicht mehr gibt. Die traurigste Geschichte wird übrigens gleich zu Beginn erzählt: Es geht um den Stolz des Landes, die 500 verschiedenen Sorten von Palmen im Irak. „Von kurzen, gedrungenen Bäumen mit einem Schopf von planlosen grünen Wedeln bis hin zu hochgewachsenen, schlanken Palmen mit Blätterkronen, die in ihrer Perfektion fast symmetrisch scheinen.“ Kurz nach der Besetzung wurden sämtliche Palmen an der Flughafenstraße von der US-Armee gefällt – aus Sicherheitsgründen. Eine Tragödie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2009)

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