Darwinismus-Debatte: „Ich kann eine Intervention Gottes nicht ausschließen“

Der Wiener Physiker Anton Zeilinger über den Zufall in der Physik, die Möglichkeit Gottes und die Grenzen der Evolutionstheorie.

Die Presse: Lässt die Evolutionstheorie noch einen Raum für Gott?

Anton Zeilinger: Na, selbstverständlich. Aber ich erinnere mich noch, wie mein Religionslehrer uns einst erklärt hat, warum die Evolutionstheorie falsch ist... Wenn die Kirche behauptet, dass für die Entstehung des Lebens oder des Bewusstseins eine Intervention Gottes notwendig gewesen sein muss, dann ist das eine Position, die sie verlieren muss. Ich sage immer zu Theologen: Warum wollt ihr Gott in seiner Macht einschränken? Wenn Gott die Welt so geschaffen hat, dass für die Entstehung des Lebens seine Intervention nicht notwendig ist, warum gesteht ihr ihm das nicht zu, warum seid ihr so kleingeistig?

 

Wo sehen Sie Lücken im Weltbild der Biologie?

Zeilinger: Für die Mutation, die spontane Änderung der Erbinformation verwenden auch Biologen das Wort Zufall – und geben damit zu, dass hier etwas ist, das man nicht immer im Detail erklären kann. In dem Moment, wo quantenmechanische Prozesse eine Rolle spielen – und das ist sicher bei einigen Mutationen der Fall –, heißt das, dass im Prinzip keine kausale Erklärung möglich ist. Also darf ich als Biologe nicht behaupten, dass ich alles erklären kann. Das heißt nicht, dass ich gezwungen werde, eine Intervention Gottes anzunehmen. Das heißt aber, dass ich es nicht ausschließen kann. Das wäre unseriös. Und wenn ein Theologe kommt und sagt, er sieht da eine gewisse Chance für ein Eingreifen Gottes, dann muss ich sagen: Das kann ich nicht widerlegen. Das ist natürlich eine Glaubensfrage. Wie es so schön heißt: „The Lord loves to hide.“

 

Bietet der quantenmechanische Zufall also eine Luke für Theologie?

Zeilinger: Man muss zwei Fragen unterscheiden. Die eine ist: Kann man sich einen Gott vorstellen, der am Anfang des Universums steht, sei es über Naturgesetze oder Anfangsbedingungen? Das kann man als Naturwissenschaftler nie widerlegen und als Theologe nie beweisen. Die zweite Frage ist: Kann es einen Gott geben, der nach wie vor in die Welt eingreift, was ja für viele Religionen eine zentrale Annahme ist? Und wie könnte das stattfinden, ohne den Naturgesetzen zu widersprechen? Da ist das Einzelereignis in der Quantenphysik sicher eine Möglichkeit. Ich möchte nicht sagen: Dort ist es. Aber dort muss der Naturwissenschaftler sagen: Hier sind Grenzen meiner Erklärungsmöglichkeiten.

 

Wieso sind heute Physiker eher bereit als Biologen, von den Grenzen der Naturwissenschaft zu sprechen?

Zeilinger: Wie war es denn mit der Physik im 19.Jahrhundert? Erinnern wir uns an die Antwort von La Place auf die Frage nach Gott: „Diese Hypothese benötige ich nicht.“ So geht es den Biologen vielleicht heute: Sie brauchen das noch nicht. Sie können noch alles wunderschön in einem kausalen, materialistischen Bild durchziehen. Die sind noch nicht so weit. Die kommen noch drauf, dass man nicht alles beantworten kann. Ich habe einmal in einem Vortrag gesagt, dass das Kausalgesetz in der Quantenphysik durchbrochen wird. Da ist dann ein Biologe zu mir gekommen und hat gesagt: „Das kann man doch nicht machen! Wir versuchen seit 1900, die Biologie der Physik nachzubauen. Jetzt kommen die Physiker und ziehen uns den Teppich unter den Füßen weg!“ – Natürlich ist das Forschungsprogramm der Biologie sehr erfolgreich. Man muss es sicher durchziehen, bis man ansteht. Aber dass man eines Tages anstehen wird, ist für mich ziemlich klar.

 

Anton Zeilinger diskutiert heute, 12.2., um 19Uhr mit Andrea Barta, Susanne Heine, Gerd B.Müller und Alfred Pfabigan zum Thema „Charles Darwin. Entzauberung der Welt... Beleidigung des Menschen?“ Aula der Wissenschaften, Wien 1, Wollzeile 27A

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2009)

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