Nachruf Susanne Almassy: Echte Damen müssen nicht lieb sein

Sie hätte gern Bernhard gespielt. Sie spielte viel Boulevard, aber auch Klassiker von Lessing bis Feydeau – und Musical. Die Salondame starb mit 92.

Susanne Almassy.
Susanne Almassy.
(c) APA (Münster Margit)

Besuch bei Susanne Almassy. Lang ist es her. Man hat die Grande Dame des Öfteren auf der Bühne bewundert – und genauso, schlank, elegant, eloquent erscheint sie auch im richtigen Leben. Sie bietet Tee an und wirkt stark irritiert, berichtet, ihr Mann sei krank, Grippe: „Wenn er mich ansteckt! Ich hab doch Vorstellung!“, ruft sie aus. Ja, auch das war die echte Almassy: Herb, unbeirrt von Widrigkeiten des Daseins oder Mitgefühl mit nächsten Menschen, ihrer Berufung ergeben. Journalisten kennen das – ein wenig.

Geboren wurde die Tochter eines Offiziers in Wien. Als Salondame erhielt sie die meisten Hymnen. Als solche bleibt sie in Erinnerung, auch wenn sie Strindberg, Albee, Shakespeare, Lessing und Eugene O'Neill gespielt, von Thomas Bernhard geträumt hat. Mit ihrem Temperament, das nicht nur geschmeidig, sondern auch schneidend, geradezu eisig sein konnte, wäre sie auch bei Bernhard zum Star geworden, z. B. in einem Stück wie „Am Ziel“, in dem vorgeführt wird, wie sich Mutter und Tochter zerfleischen, was auch komische Momente hat.

In der Tragik der Komik war Almassy absolut daheim, auch wenn sie damit oft nur Boulevardstücke zierte: „Sie lassen dem Schauspieler viel mehr persönliche Freiheit. Man muss da Figuren fast neu erschaffen, muss die Unmittelbarkeit und Trockenheit des englischen Textes wiederherstellen, den die Übersetzer regelmäßig ruinieren.“ So sagte sie einmal. Wie wahr.

 

Ironisch, mokant, stets wissend

„Die Almassy“, welche ihr „von“ in einer naturgegeben aristokratischen Haltung sichtbar machte, war Charakter-Schauspielerin und „Salonschlange“, sie war aber auch einmal eine bildschöne Diva beim Film, so ein bisschen Garbo und ein bisschen Dietrich. Auf den alten Fotos erkennt man sie kaum. Sie war eben damals ein Typus, wie man ihn gerne gesehen hat. Später sah man sie noch viel lieber, aber da war sie schon mehr in sich selbst hineingewachsen, ein Original.

Der Weg zum Theater war für die attraktive Blondine mit dem mokanten Lächeln nicht einfach. Almassy wollte Pianistin werden. Nach einer Verletzung wechselte sie zum Schauspiel, nicht zur Freude ihrer Eltern. Sie war nie im Theater gewesen – und da sollte ein Mädchen aus gutem Hause wohl auch eher nicht hin. Weil sie nach einem Kurzauftritt in „Jedermanns“ Tischgesellschaft 1937 keinen Job fand, beschloss sie, Jus zu studieren. Da kam das Engagement nach Gera (Thüringen). Danach folgte schon Hamburg. Auch in München, Basel, Zürich, am Burgtheater, am Volkstheater ist Almassy aufgetreten. Einen Gutteil ihres Lebens war sie – und gern – auf Reisen. Sie liebte Hotels. Anders als man annehmen sollte, wurde sie erst spät in der Josefstadt heimisch, die sie 1994 zum Ehrenmitglied ernannte. In der Zeit, als ihr Mann Rolf Kutschera Direktor des Theaters an der Wien war, war sie auch eine markante Musical-Größe, in „Gigi“ (mit Heesters) und in „Das Lächeln einer Sommernacht“ (nach Ingmar Bergman mit Zarah Leander). Rührend und ironisch sang Almassy „Wo sind die Clowns?“. In über 100 Stücken stand sie auf der Bühne. Sie spielte in Schnitzlers „Einsamem Weg“, in Molnars „Schwan“, in Peter Shaffers „Laura und Lotte“, in Hofmannsthals „Unbestechlichem“, Noël Coward, oder Eugène Scribe. 1998 trat sie in den Kammerspielen in „Zwei ahnungslose Engel“ letztmalig auf. Außerdem drehte Almassy zwanzig Filme und TV-Produktionen, mit O. W. Fischer, Curd Jürgens, Hans Moser.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2009)

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