Akademietheater: Zu viel Musik für Mayröcker

Nicht ideal, aber trotzdem berührend: Die Uraufführung "Requiem für Ernst Jandl" zum 90. Geburtstag von Friederike Mayröcker überforderte die Ohren.

(c) APA/HERBERT NEUBAUER

Zum 90.Geburtstag von Friederike Mayröcker am Samstag hatte im Akademietheater ihre Totenklage für Ernst Jandl Premiere. Das Paar lebte über 50Jahre getrennt zusammen, die schlanke, schwarzhaarige Beauty und ihr „Beast“. Wer Jandls grandiose Ein-Mann-Performances nicht selbst erlebt hat, kann sie im Internet auf YouTube nachhören, den notorischen Otto mit seinem Mops, „das röcheln der mona lisa“(sic!), ein „akustisches Geschehen für eine Stimme und Apparaturen“, auch Frivoles wie die „Altwiener Fut-Oper“ oder das abgründige „von zeiten“, welches den Ingrimm über die Zumutung Leben herzzerreißend komisch und lakonisch beschreibt.

Malerischer, fragmentarisch, voll Naturmystik rückt Friederike Mayröcker der Sprache zu Leibe – und manchmal parodierte sie ihren Gefährten. „in der küche ist es kalt/ist jetzt strenger winter halt“, schrieb EJ, FM antwortet: „in der Küche stehen wir beide/rühren in dem leeren Topf/schauen aus dem Fenster beide/haben 1 Gedicht im Kopf.“

 

Sprechen über das Unaussprechliche

Mayröcker ist gut, Musik ist gut, mag sich Hermann Beil, der die szenische Einrichtung der Uraufführung im Akademietheater gestaltet hat, gedacht haben, wie gut muss erst Mayröcker mit Musik sein. Ein Irrtum – wie die Bezeichnung „szenisches Melodram“, Trauer sollte man nicht als melodramatisch denunzieren. Mayröcker – die am Samstag selbst im Publikum saß – sprach vom Band ihren Text, die deutsche Schauspielerin und Sängerin Dagmar Manzel rezitierte.

Musiker Lesch Schmidt und sein Orchester lieferten dazu eine Mischung von modernen Klassikklängen und Jazz. Ein Requiem ist eine Totenmesse mit Musik, aber das Ergebnis hier ist teilweise eine Ohrenpein, die daran erinnert, dass Menschen, die dem Wort ergeben sind – zu ihnen gehört doch eigentlich auch Hermann Beil –, heute auf der Bühne wie im Leben sich oft nicht mit der Beschallung des Gesprochenen anfreunden können. Es ist merkwürdig, dass Mayröckers verschwenderisch bildhafte Texte nie auf Bühnen fanden. Das hätte schon vor vielen Jahren stattfinden müssen: Jetzt, da das Burgtheater sparen muss, kann von solch wagemutigen Unternehmungen natürlich erst recht nicht die Rede sein. „Requiem für Ernst Jandl“ ist ein schmaler Band von 44Seiten, der im Sommer nach Jandls Tod im Jahr 2000 entstanden ist, ein Selbstgespräch gegen die überwältigende Trauer, die stumm macht, aber auch im Sinn von Ingeborg Bachmanns „Erklär mir, Liebe“ oder Erichs Frieds „Es ist/was es ist / sagt die Liebe“ eine Hymne an die ganz großen Gefühle.

Da sind die scheinbar banalen Alltagsangelegenheiten, die plötzlich schief sitzen, weil einer fehlt: „Ach, und dass du die Kalenderblätter umwendest usw. wie aufmerksam usw. Und ich nach Hause kommen werde, sage ich, und du nicht da sein wirst, sage ich...“ Von glücklichen Erinnerungen an Meran ist die Rede, und von Betrug: „Was habe ich versäumt, überhört, was hat er verborgen vor mir?“ Aber vielleicht spielt das jetzt alles gar keine Rolle mehr, denn buchstäblich alles ist: EGAL, groß geschrieben.

 

Standing Ovations für die große Poetin

Kritiker rühmten das Unsentimentale des Textes, er ist aber auch formal interessant, eine Art Kunstgestammel, welches das chaotische innere Wogen illustriert. Apokalyptiker Samuel Beckett wird zitiert. Und natürlich spielt auch die Natur mit, vom Zitronenfalter bis zum karierten Wald. Die Erzählerin will den Fön in die Badewanne werfen, aber ihre Erfinderin hat weitergeschrieben, zuletzt erschienen Notizen unter dem Titel „cahier“. „Ich lebe in Bildern, ich sehe alles in Bildern, meine ganze Vergangenheit“, meinte Mayröcker in einem Interview, und in einem anderen spricht sie von der Sinnlosigkeit des Todes: „Was passiert mit all unseren Gedanken?“ In der Akademietheater-Produktion ist jeder Teil – Musik, Wort – für sich genommen recht perfekt, aber weder stellt sich die Aura sonstiger Begegnungen mit Mayröckers tiefer, rauer Märchenerzählerstimmer ein, noch kann sich die suggestive Intimität des Textes richtig entfalten. Am besten funktioniert noch die meditative Bebilderung mit Fotos aus den verschiedenen Lebensphasen des Dichterpaares FM und EJ. Gern mehr würde man auch von der brechtisch-herben Künstlerin Dagmar Manzel hören. Am Ende der Aufführung wurde Mayröcker mit Standing Ovations gefeiert.

Hoch Ö1! Der Kultursender widmete der Dichterin einen vielfältigen Schwerpunkt. Helmut Wiesner zeigt zu Silvester wieder im Gasthaus Lechner Jandls „Humanisten“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2014)

Kommentar zu Artikel:

Akademietheater: Zu viel Musik für Mayröcker

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen