Die stille Größe des Widerstands

Das Schauspielhaus Graz betreibt mit „Prinzessin Eisenherz“ Vergangenheits-Bewältigung. Franzobels fabulöses Drama über die NS-Zeit: bunt, böse, bizarr. von Norbert Mayer

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Im Schlussapplaus gab es Standing Ovations für Milli Deutsch. Die 88-Jährige war Gast bei der Uraufführung von „Prinzessin Eisenherz“ im Schauspielhaus Graz. Deutsch ist diese Prinzessin. Sie hat dem Widerstand gegen die NS-Diktatur geholfen. 60 Jahre lang schwieg sie darüber, dass sie 1944/45 Partisanen in ihrer Wohnung in Eisenerz versteckt hatte. Dann erzählte sie dem Dichter Franzobel ihre unglaubliche Geschichte, ganz ohne Eitelkeit.

Der Autor machte daraus ein zweistündiges Doku-Drama, das allein durch die Präsenz der Frau in kurzen Filmszenen berührt. In Graz wurde am Freitag Geschichte aufgearbeitet, nah dem Alltag, mit dem für Franzobel typischen Maß an Skurrilität. Und das war gut so. Regisseur Georg Schmidleitner hat das Schauspiel behutsam und geschickt umgesetzt. Nach einem Doku-Einstieg an Pulten ziehen sich die Schauspieler zeitgemäße Kostüme an. Nazi-Rock, Volksempfänger, Hitlerbild, Rehbock-Trophäe – willkommen in der Ironie der Ostmark!


Er nennt sich Adolf. Wie wird man zum Widerstandskämpfer? Bei Franzobel wirkt es wie Zufall, auf welcher Seite man steht. Die schwangere Milli (Verena Lercher) ist nicht politisch. Großflächig steht einmal auf der Bühne eine Stickerei: „Rein die Hände, rein der Mund, rein das Herz zu jeder Stund.“ Das ist Millis Welt. Ihr Mann ist an der Front, die Schwiegereltern (Seraphine Rastl und Sebastian Reiß) sind polternde Nazi-Mitläufer. Er nennt sich Adolf, seine Hand hebt sich ständig reflexartig zum Hitlergruß. Keine guten Voraussetzungen, um Regimegegner zu verstecken. Doch Milli tut es, aus reiner Menschlichkeit, nimmt die Schulfreundin Mitzi (Susanne Weber) auf, die von der Gestapo gesucht wird, eineinhalb Jahre lang! Phasenweise finden auch die Partisanen Lipp (Gerhard Liebmann) und Titsch (Alexander Rossi) bei ihr Unterschlupf. Schließlich gibt sie auch noch der schwangeren Berlinerin Kuppi (Steffi Krautz) Quartier, einer früheren Arbeitskollegin.

Zwei Schwangere, die Schwiegereltern wie aus einem Bauernschwank, ein besoffener Ortsgruppenleiter und eine hundertprozentig führertreue Hebamme (beide werden von Thomas Frank lustvoll übertrieben gespielt) ergeben genug Stoff für Situationskomik. Da werden Geburten zum Versteckspiel, lässt Franzobel bei bösen Kalauern die Sau raus. Doch die Übertreibungen sind in überzeugende dokumentarische Passagen eingebettet, die auch chorisch werden.

Das Ensemble hat in Eisenerz zeitgeschichtlich gefärbte Clips (Kata Buschek) gedreht, die im Hintergrund abgespielt werden, auch die echte Frau Deutsch kommt ins Bild, und im Stück erscheint zudem der Sohn in moralisierender Vorschau. Auf der Bühne (Stefan Brandtmayr) sind Modelle von Häusern aus Eisenerz aufgebaut, wie in einem militärischen Planspiel. Harmonisch fügen sich Details zum Ganzen, der Regisseur hat den zuweilen doch amorphen Text in Form gebracht.

Im jungen Ensemble beeindrucken Krautz und Lercher. Milli ist stark und sensibel zugleich, Lercher spielt sie mit nobler Ruhe. Kuppis Rolle ist rasant angelegt, doch Krautz überzeugt auch mit Zweifel; das Stück handelt vom Dilemma der Loyalität, in ihr nimmt es fantastische Gestalt an. „Prinzessin Eisenherz“ ist didaktisch bemüht, aber nicht penetrant, das Schreckliche kontrastiert mit dem Komischen, Sentiment wird nicht gescheut – in bester Volksstück-Tradition.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2009)

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