„Das Konzert“, konventionell und amüsant

Felix Prader inszeniert Hermann Bahrs Ehekomödie mit einigen sonderbaren Einfällen. Insgesamt aber ist die Aufführung sehenswert. Regina Fritsch bezaubert als leidgeprüfte Ehefrau mit staunenswertem Facettenreichtum.

FOTOPROBE AKADEMIETHEATER 'DAS KONZERT'
FOTOPROBE AKADEMIETHEATER 'DAS KONZERT'
FOTOPROBE AKADEMIETHEATER 'DAS KONZERT' – APA/ROLAND SCHLAGER

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Selbst gute Freunde können mit ihrem Mitleid nerven, wenn einen der Partner betrügt. Gesichtswahrung ist daher oberstes Gebot – und Marie Heink ist darin eine Meisterin. Sie liebt ihren Göttergatten, Gustl, den umschwärmten Pianisten, seine Verehrerinnen erträgt sie wie seine Abenteuer. Als eine besonders freche Göre sie mit dem Betrug ihres Mannes konfrontiert, greift sie zu komödiantischer Kleinkunst und zieht dem Mädel den Boden unter den Füßen weg. Den Ehemann von Gustavs Verehrerin küsst sie zwar innig, so ein jüngerer Galan, das wäre doch was! Aber es soll eben nicht sein, man kehrt zum ehelichen Schachspiel zurück. Diese bürgerliche Frau, die stets emotional flexibel bleibt – bleiben muss, konturiert Regina Fritsch in allen Phasen grandios.

 

Edles Kammerspiel mit Kammerton

Sonst ist an diesem „Konzert“ von Hermann Bahr, das seit Samstagabend in Felix Praders Regie im Akademietheater zu sehen ist, wenig atemberaubend. Der in Zimmerschlachten versierte Schweizer, der u.a. Stücke von Yasmina Reza („Kunst“, „Dreimal Leben“) und Albees schrilles Drama „Die Ziege“ inszeniert hat, versucht, an alte legendäre „Konzert“-Aufführungen mit Robert Lindner, Susi Nicoletti oder Peter Weck zu erinnern. Prader hätte sich mehr trauen können.

Immerhin, es gibt kein Überdrehtheit. Wenn das junge Paar am Ende durch das Hüttenfenster flüchtet, ist das so ziemlich der einzige schräge Moment an diesem Abend. Der Text ist sorgfältig einstudiert, das Tempo stimmt, die Pointen sitzen. Wollte man dieses „Konzert“ mit der Aufführung der Festspiele Reichenau im Südbahnhotel 2010 vergleichen – das Publikum ist ähnlich –, müsste man freilich sagen, dass Götz Spielmanns Inszenierung mit all ihren Fehlern (Gekreische im ersten Teil) besser war, vor allem Joseph Lorenz als Gustav Heink. Stefanie Dvorak erfreute damals als Delfine Jura. Im Akademietheater spielt sie jetzt die Rolle zum zweiten Mal – und wirkt teils süßlich, teils verkniffen. Prader hatte ein paar seltsame Ideen: Fräulein Wehner ist kein Dienstmädchen, sondern eher eine Assistentin (Liliane Amuat ist trotzdem köstlich). Die älteren Damen im Gefolge des Pianisten wirken etwas lächerlich. Bitte bessere Rollen für temperamentvolle bzw. sensitive Kaliber wie Brigitta Furgler und Elisabeth Augustin. Herzig, aber diesmal etwas steif und dressiert wirkt Alina Fritsch als Intrigantin Eva Gerndl, noch ein halbes, aber schon ganz schön böses Kind in der weißblauen Festuniform der Ursulinen.

 

Allzu neckischer Poseur Gustav Heink

Den Naturcharmeur Peter Simonischek hätte die Regie lieber in Ruhe lassen sollen. Der Mann muss nichts mehr beweisen, schließlich hat er u.a. in Alvis Hermanis' gewagter Film-noir-Variante von Schnitzlers „Weitem Land“ den Hofreiter gespielt und in Inszenierungen Andrea Breths („Zwischenfälle“ und eben auch den amourös-wirren Architekten im Stück „Die Ziege“). Als Gustav Heink muss Simonischek mit aufgeblasener Föhnwelle forciert-neckisch posieren. Wenn ihm später die Rechnung für seine Seitensprünge präsentiert wird und er teils grantig, teils bockig Ausflüchte sucht, wirkt Simonischek viel überzeugender. Ganz bei sich, goldrichtig, lakonisch und urkomisch: Branko Samarovski als Hüttenwirt Pollinger. Barbara Petritsch erfreut als Pollingers Gattin mit Zopfgirlande und harschen, aber auch sehnsüchtigen Tönen, die Frau möchte unbedingt einen netten, zärtlichen Mann.

Der wahre Star des „Konzerts“ ist seit jeher der Dr. Jura, Gatte der Delfine, Alter Ego des Autors, ein beredter Kenner der Frauen und des Lebens, der aber doch auch immer überrascht wird: Diese marginalen Unsicherheiten eines Menschen – der viel weiß, aber doch immer wieder jählings von fremden Emotionen und unbewussten Kräften hier- und dorthingezogen wird – sind in dieser Aufführung deutlicher zu sehen als sonst, da der Dr.Jura oft als blendender Bonmotschleuderer à la Oscar Wilde auftritt: Florian Teichtmeister spielt den Dr.Jura. Neben Fritsch zeigt er die genaueste Studie einer Figur, die in sparsamen Bewegungen präzis umrissen ist. Teichtmeister profitiert schauspielerisch sichtlich von seinem Wechsel von der Josefstadt an das Burgtheater. Das Publikum wirkte begeistert, aber auch gespalten: „Langweilig“ fanden die einen die Aufführung, „sehr witzig und treffend“ die anderen. Bei all den Experimenten in der Burg wirkt diese Produktion jedenfalls sehr konventionell, aber psychologisch fein gesponnen.

1909, als das „Konzert“ in Berlin herauskam, warf bereits der Erste Weltkrieg seine Schatten voraus: Bosnien-Krise, Nationalitätenkonflikte, Wettrüsten, Terror auf dem Balkan, Wirtschaftskriege, Scharmützel der Großmächte. Bahr, der deutsch-nationale Notarsohn aus Linz, der sich zum smarten Intellektuellen wandelte, kämpfte für Klimt und die Moderne. Sein Erfolgsstück „Das Konzert“ geht meist gut, könnte aber eine originelle Neubelebung vertragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2015)

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