Punk-Theater und Pinguine in der Wüste

"Geronnene Interessenslage" von Clemens Mädge im Schauspielhaus: Teils treffend, teils spröde.

Schöpfungsgeschichte 2015: eine Welt voll mürrischer oder verzweifelter Menschen. Margarethe Tiesel als Gottes „Göttergattin“ Anna im Schauspielhaus.
Schöpfungsgeschichte 2015: eine Welt voll mürrischer oder verzweifelter Menschen. Margarethe Tiesel als Gottes „Göttergattin“ Anna im Schauspielhaus.
Schöpfungsgeschichte 2015: eine Welt voll mürrischer oder verzweifelter Menschen. Margarethe Tiesel als Gottes „Göttergattin“ Anna im Schauspielhaus. – (c) Alexi Pelekano

Da schnarcht einer im Zustand fortgeschrittener Schlafapnoe, es klingt, als würde ein Riese knurren oder ein 100-Jähriger. Wir bekommen ihn nicht zu sehen, es ist Gott Otto. Ein Schatten fällt an die hintere Bühnenwand: der Sensenmann. Figuren mit Ganzkörper-Strumpfmasken und bizarren Perücken kommen und gruppieren sich in einem Bilderrahmen. Ein Kreuz und ein Warndreieck leuchten, eine Palette mit Baumaterial, schwarz verpackt, wartet auf ihren Abtransport. Sie wird später von oben herabfallen und jemanden töten.

Im Volkstheater zeigte der Lüneburger Clemens Mädge (31) im Vorjahr „Ausnahmezustand Menschsein“ nach Shakespeares „Sturm“. „Geronnene Interessenslage“, seit Freitagabend im Wiener Schauspielhaus zu sehen – eine Uraufführung –, ist schwerer zu entschlüsseln. Es geht um eine Schöpfungsgeschichte, einen abwesenden Gott, der seiner Frau Anna (Margarethe Tiesel) eine desolate Welt hinterlassen hat, um die sie sich widerwillig kümmern muss. Der Titel des Stücks verweist auf starre Fronten, wir sehen heillose Verstrickung in banale Verrichtungen, Routine, die das Leben bestimmt und zerstört: Aufstehen, arbeiten oder die Nacht durchmachen, Liebschaften, Suche nach Liebe, mal eine Reise, mal ein Ausflug ins Grüne – das war's. Aber: Die Anarchie wächst.


Killing the Dream. „We walk in circles. We love in circles. We talk in circles. We live in circles. I can't live like this.“ Wir leben in Kreisen, wir lieben in Kreisen, wir reden im Kreis, so kann ich nicht leben. Killing the Dream hieß die kalifornische Hardcore-Punkband, die von 2002 bis 2011 ihre Wut über das Sosein der Welt hinausschrie. Mädge wählte ihren Song „Resolution“ als Motto für sein Drama. Popmusik und die Verarbeitung wissenschaftlicher Erkenntnisse könnten der Theaterkunst einen ähnlichen Kick verschaffen wie die 1968er-Revolution oder die Einführung von Film auf der Bühne.

„Geronnene Interessenslage“ wandelt aber auch auf den Spuren von Ewald Palmetshofer. Robert Borgmann, der im Akademietheater sein Stück „Die Unverheiratete“ herausbrachte – die Aufführung wurde heuer zum Berliner Theatertreffen eingeladen –, hat das Mädge-Stück im Schauspielhaus inszeniert. Die Menschen-Hamster in ihrem Rad, umgeben von einem elektronischen Klangteppich, sind nicht festzumachen, sondern mehr Spielfiguren – und es gibt auch keine konventionelle Handlung. 90 Minuten dauert die heftig beklatschte Aufführung. Sie zieht sich teilweise hin, als würde sie Stunden dauern, hat jedoch auch manchmal amüsante Passagen, wenn in Flashs die kuriose Sinnsuche beleuchtet wird, die doch viel mit unserem Leben zu tun hat. „Where is my future?“, fragte die US-Alternative-Rock-Band Dredg in den 1990ern. Auch von ihr steht ein Zitat bei Mädge: „Wir leben wie Pinguine in der Wüste.“ Der Text hat etwas Jugendliches, das ältere Leute an ihre Sturm-und-Drang-Zeit erinnert, voller ungeduldiger Fragen, was das Ganze soll und wann es endlich weitergeht. Theater verbindet Alte und Junge.


Beckett ist besser. Die Schauspieler sprechen mit einem Ernst, als würde es sich mindestens um Schiller handeln. Vielleicht ein Nachteil. Anscheinend ist Regisseur Borgmann nicht der Comedy-Typ, oder er wollte dem Autor gerecht werden, dessen Welt-und Gottesvision indes mehr Bedeutung vorspiegelt als ihr innewohnt. Wer vor Jahrzehnten Ionescos „Stühlen“, seinen „Nashörnern“ oder Becketts „Endspiel“ atemlos lauschte, wird sich mit dieser Westentaschenvariante von absurdem Welttheater schwer anfreunden können.

Dem Ensemble sieht man wie immer gern zu: Myriam Schröder als Gratsche, „Akkordeon-Spielerin in den Kneipen der Welt“, ein Nachtvogel und eine Schnapsdrossel mit hochhackigen Schuhen und weißer Walle-Perücke, nymphomanisch und tragisch, Nicola Kirsch als Volksschullehrerin Matuschka zwischen Pedanterie und Lebensgier, Gideon Maoz als Angestellter Paul „in irgendeiner Firma, in irgendeiner Branche“, vielleicht ein Klient von Partnerbörsen im Internet, jedenfalls wie Gratsche ständig auf der Suche, Steffen Höld als pensionierter Literaturprofessor Goldwasser und Tiesel, die diese schrägen Typen mit lakonischen Befehlen auf dem Boden halten will.

„Was sind das für schwarze Löcher?“, fragt irgendwann Frau Lehrerin Matuschka alarmiert – und wir ahnen, es sind die schwarzen Löcher im Universum, die mussten auch noch irgendwie ins Drama rein, fehlt nur noch eine Prise Sartre. Den Beitrag mit der reichsten Substanz leistet an diesem Abend Brecht: „Ich sitze am Straßenhang / Der Fahrer wechselt das Rad / Ich bin nicht gern, wo ich herkomme / Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre / Warum sehe ich den Radwechsel / Mit Ungeduld?“ Ja warum? Buddha wüsste wohl Rat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2015)

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