Dramenfund: „Der Wolfi hat es immer gesucht!“

Wolfgang Bauers Stück „Der Rüssel“ ist aufgetaucht, es sei „toll“, sagt der Grazer Dichter Alfred Kolleritsch: über eine merkwürdige Verlustgeschichte.

Wolfgang Bauer - Stets ein Fremder in mir
Wolfgang Bauer - Stets ein Fremder in mir
Wolfgang Bauer – (c) ORF (Johannes Cizek)

Eine merkwürdige Geschichte: In der Dokumentenmappe eines steirischen Komponisten, die im Leibnitzer Stadtmuseum liegt, finden Archivare ein Theaterstück, es heißt „Der Rüssel“ und stammt vom Grazer Dramatiker Wolfgang Bauer. Ein Stück, das Bauer sozusagen verloren und bis zu seinem Tod nie wiedergefunden hat.

„Der Wolfi hat sein Leben lang danach gesucht“, sagt Alfred Kolleritsch zur „Presse“. Der Grazer Dichter und Herausgeber der Literaturzeitschrift „Manuskripte“, der Wolfgang Bauer schon früh gefördert hat, hat das Drama gelesen. Was hält er davon? „Ein tolles Stück! Es ist der Höhepunkt seines Theaters mit absurder Tendenz, eine Mischung aus den ,Mikrodramen‘ und kleinen frühen Stücken.“

 

Wer hat es „verschustert“?

Aber wie ist das Stück unter die Papiere des im Jahr 2000 verstorbenen Komponisten Franz Koringer geraten? Nur das vierte Bild dieser „Tragödie in elf Bildern“ war bisher bekannt, es wurde 1970 in der Literaturzeitschrift „Ver Sacrum“ abgedruckt. „Der Wolfi hat immer geglaubt, er hat es dem Otto Breicha gegeben und der hat es verschustert“, sagt Kolleritsch.

In Wirklichkeit hat Bauer, wie man jetzt weiß, das Stück 1962 dem Dichter Alois Hergouth geschenkt, der Text ist mit einer Widmung an Hergouth versehen. Dieser wiederum gab das Drama offenbar an den Komponisten Franz Koringer weiter, vielleicht als Anregung für eine Vertonung. „Der hat es weiter nicht beachtet“, meint Kolleritsch. „Und der Wolfi hat einfach vergessen, dass er sein Stück dem Hergouth gegeben hat.“

Mitte März wird „Der Rüssel“ nun zum ersten Mal vollständig veröffentlicht, und zwar in den „Manuskripten“, ein Kommentar von Elfriede Jelinek dazu sei schon eingetroffen, sagt Kolleritsch. Im Ritter-Verlag wiederum wird der Text gemeinsam mit weiteren unveröffentlichten Werken aus dem Nachlass anlässlich von Bauers zehntem Todestag (26. 8. 2005) erscheinen.

Das absurde Volksstück erzählt eine Familiengeschichte in den Bergen, in der allerlei Merkwürdiges wie plötzliche Tropenhitze oder die Geburt eines Elefanten passiert. „Trotzdem hat es ein starkes realistisches Konzept“, meint Kolleritsch. „Es scheint mir auch gut aufführbar, wenn man heute noch diese Art des Theaters aufführen möchte. Der ganze frühe Bauer fließt darin ein, umso merkwürdiger, dass das Stück so verloren gegangen ist.“

Auch Bauer-Herausgeber Thomas Antonic von der Uni Wien betonte gegenüber dem „Standard“, der Text sei keinesfalls ein Jugendwerk. Entstanden sei „Der Rüssel“ ziemlich sicher im Sommer 1962. Im selben Jahr wurden die ersten beiden Einakter Bauers, „Der Schweinetransport“ und „Maler und Farbe“, im damals neu gegründeten Grazer Forum Stadtpark uraufgeführt. Damals war Bauer stark vom absurden Theater eines Eugène Ionesco sowie von Camus und Sartre beeinflusst.

 

Bekannt mit „Magic Afternoon“

„Magic Afternoon“ machte Bauer dann international bekannt. In der Folge wurden Bauers Stücke in vielen Ländern aufgeführt. Weitere große Erfolge waren „Change“ (1969 am Wiener Volkstheater unter der Direktion von Gustav Manker uraufgeführt), „Silvester oder das Massaker im Hotel Sacher“ (mit Helmut Qualtinger im Volkstheater), „Film und Frau“ („Shakespeare the Sadist“, 1971 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg), und „Gespenster“ (1973 in den Münchner Kammerspielen). Ab Ende der 1970er-Jahre hatte Bauer mehr Erfolg im englischsprachigen Raum als in Deutschland und Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2015)

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