Gekachelte Körper im ROI-Stress

Wiener Schauspielhaus: Ewald Palmetshofers „Faust hat Hunger...“ begeistert total.

Spaß ist es keiner, aber man muss trotzdem oft lachen. Im Schauspielhaus wurde Donnerstagabend „faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete“ von Ewald Palmetshofer (30), Kultautor aus dem Mühlviertel, uraufgeführt; von ihm war u. a. die Hamlet-Paraphrase „hamlet ist tot. keine schwerkraft“ zu sehen. Felicitas Brucker hat die Textfläche, die leicht an Elfriede Jelinek erinnert, inszeniert. Was musste man bei „Faust“ schon für peinigende Aktualisierungen ertragen!

Und jetzt das! Herrlich subversive Poesie im Gewand einer Soap. Drei Pärchen machen Party. Eines hat ein kleines Kind. Das Kind ist eigentlich allen lästig und nur als eine rauschende Schimäre vom Babyfon vorhanden. Faust und Grete werden repräsentiert durch T-Shirt und Ballettröckchen, die von jeweils anderen Akteuren übergestreift werden. Keiner ist erpicht, sich in die beiden historischen Figuren zu verwandeln. Palmetshofers These: Wenn Gott tot ist, der Materialismus in Form eines Güterstroms durch Leiber zieht, deren Schluckmechanismus ausgeschaltet ist, bleibt als Erlösung nur die Liebe. Doch sie findet keinen Halt mehr in inwendig gekachelten Körpern. Deren Besitzer schauen lieber auf die Wertschöpfung, als sich hinzugeben. Eine Zeit lang investiert man wie verrückt, dann will man seinen ROI (Return on Investment).

Doch oh weh, das Objekt der Begierde ist nicht nur durchsichtig, sondern auch leer. Die seltsamen Rituale der Paar-WG sind urkomisch. Grillen, Musikhören, Rauchen auf dem Balkon, Reden schwingen, die keiner hören will: „Freunde von Freunden treffen sich bei Freunden, bring what you eat.“ Faust und Grete stürzen in diesem faden Einerlei plötzlich archaisch ineinander. Minutenlang verschlingt einer den anderen im Kuss. Doch bald würgt Faust an dieser Gräte. Sie faselt ihm etwas vor von den Widersprüchen des weiblichen Wesens. Ist sie womöglich magersüchtig? Flugs ist der Mann eine Wolke und verdingt sich in einem Krisengebiet als Latrinenbauer. Doch wie es so geht mit schnellen Verbindungen und schnellen Trennungen, bald ist er wieder da. Grete hütet derweil das WG-Kind, denn die Pärchen haben sich zur Wellness abgesetzt.

Nachdem die Exliebenden noch einmal kräftig zusammengekracht sind, tritt die Katastrophe ein, die hier nicht verraten werden soll und im Übrigen Rätsel aufgibt. Nur so viel: Von der Marter bleibt ein Marterl.

Die Schauspieler (Max Mayer, Nicola Kirsch, Steffen Höld, Katja Jung, Vincent Glander, Bettina Kerl) sind neuerlich hinreißend. Sie lassen diesen schwierigen Text, der gelesen eher wirr wirkt, dermaßen mit jugendlichem Temperament springlebendig werden, dass es einen vom Sitz reißt.

ERST FAUST, DANN FREUD

Ewald Palmetshofers „Faust“ ist am 4., 5., 21., 22., 27., 28. April im Schauspielhaus zu sehen. Im Mai: Wiederaufnahme der Freud-Erkundung: „Freud und die Folgen“ beginnt mit „Kokain“ am 5./6. 5. und endet mit „Tabu“ am 26. 6. ? 01/317 01 01-18

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2009)

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