Das Dorf ist auch heute kein Hort des Idylls

Róbert Alföldi inszeniert im Volkstheater mit maximaler Dramatik Julius Hays »Haben«. Das Ensemble mit Erni Mangold an der Spitze ist großartig.

(c) Clemens Fabry

„Wer nix erheirat' und nix ererbt, bleibt a arms Luader bis dass er sterbt.“ Grammatikalisch etwas eigenwillig, aber treffend, dieser Mundartspruch aus Omas Zeiten. In einem ungarischen Dorf verbinden die Frauen das eine mit dem anderen: Erst heiraten sie, dann werden sie Witwen und erben, manche gleich mehrmals hintereinander.

„Arbeitertheater von anno Schnee“, befand eine Besucherin der Premiere von Julius Hays „Haben“ Freitag im Volkstheater. Jedenfalls beruht das Stück aus den 1930er-Jahren auf einer wahren Geschichte, die schlimmer war als das Drama: „Der Teufel von Tiszazug“ wurde die Hebamme genannt, die in den 1920er-Jahren Frauen Gift gab, damit sie ihre Männer beseitigen und deren Grundbesitz an sich bringen – 160 Morde waren in Szolnok verübt worden, bevor erster Verdacht aufkam.


Brechts Feind. Julius Hay (1900–1975): Von Brecht wurde er als Verräter am Marxismus attackiert; im II. Weltkrieg lebte er in der Sowjetunion; Hay pries Stalin, der ihn vor den Nationalsozialisten bewahrt hatte, denen Hays jüdische Familie zum Opfer fiel; er wurde ein Wortführer des ungarischen Aufstandes 1956 gegen die Sowjetunion, war drei Jahre in Haft, konnte sich in die Schweiz absetzen. Er starb im Tessin. Über sein politisches Engagement schrieb Hay in seinen Memoiren: „Ich habe mein Ziel nicht erreicht. Für die Verwirklichung meiner Träume muss die Welt sich einen anderen, einen noch nicht bekannten Weg suchen.“

Die politische Komponente von „Haben“ ist dank saftiger Figuren durchaus nicht penetrant im Agitprop-Stil gehalten, wie manchmal bei Brecht, von dessen intellektuellem Raffinement Hay allerdings weit entfernt ist. Wer übers Land reist, wird – keineswegs nur für Ungarn typisch – die von Hay gezeichnete Atmosphäre immer noch vorfinden: Die Macht liegt bei Großgrundbesitzern, Großunternehmen, danach kommen Polizei, Kirche, die Leute wirken gemütlich, geben sich aber auch auf – oder bespitzeln einander.

Die kühle Distanz, eine Spezialität des deutschen Regietheaters, ist Regisseur Róbert Alföldi, in seiner Heimat selbst zum Oppositionellen gegen das Orbán-Regime geworden, absolut fremd. Alföldi fiel den kulturellen Säuberungen der Regierung zum Opfer, bis 2013 war er Intendant des Ungarischen Nationaltheaters in Budapest. Fast zwei Dutzend Schauspieler sind auf der Volkstheater-Bühne, die Proben sollen phasenweise stürmisch gewesen sein. Das Ensemble ist teilweise in Auflösung. Anna Badora übernimmt das Haus kommenden Herbst von Michael Schottenberg. Jedoch: Das Theater triumphiert über alle Irritationen.


Hart, aber nicht zynisch. Ein Maisfeld mit Klapptüren symbolisiert das dörfliche Leben. Eine Madonna steht in einem Glaskasten, die Kirche dient hier auch unheiligen Zwecken, unter der Madonna bewahrt die Hebamme das Arsen auf – und das junge Paar vergnügt sich in der Kirche, ein Schockmoment, aber im Ernst, wo sollen zwei Menschen, die ständig beobachtet werden, Schutz suchen? Die Schauspieler übertreffen sich selbst, sogar die guten. Erni Mangold repräsentiert als Hebamme ein System, dem offenbar schon ihre Vorgängerinnen folgten: Sie ist die Herrin über Tod und Leben, eine schlaue, mit unbewegter Miene, aber nicht zynisch, bloß pragmatisch.

Andrea Bröderbauer wirkt ein wenig müde als Mari, die beim Advokaten in der Stadt arbeiten wollte, bald wieder ins Dorf zurückmusste, in dessen Mühlen sie zermahlen wird, das Angestrengte passt durchaus zur Rolle. Annette Isabella Holzmann ist grandios-facettenreich als listige Zsófi, die Tochter des nicht minder eindrucksvollen Haymon Maria Buttinger als reichen Bauern, der wild und wie ein höchstens 30-Jähriger Ringelreihen tanzt mit seiner schönen Braut Mari, deren Herz dem jungen Polizisten Dani gehört: Aaron Friesz, der von der Jungen Burg kommt, wirkt etwas gezähmt gegenüber seinen dortigen Auftritten.

Weitere Wunderbare: Patrick O. Beck, endlich einmal kein lächerlicher Priester, sondern ein Mann, den sein Amt und seine Gelübde herumreißen; Martina Stilp als Maris Mutter; Claudia Sabitzer als Witwe Biró, die fürchtet, dass ihr Mord durch Maris Tat auffliegt. Fast wunderbar: Alexander Lhotzky als Inspektor, der Ruhe haben und Ruhe bewahren will; Ronald Kuste als hektischer Doktor, der Kürbissuppe und Krapfen pampft; Rainer Frieb als alter Vágo, der mit dem Maurer (Matthias Mamedof) Stimmung für die entlassenden Melker macht, die Obrigkeit wittert revolutionäre Umtriebe. Fast drei Stunden mit einer Pause dauert dieser atemlose, über weite Strecken auch atemberaubende Abend, eine Freude für Freunde des Emotionalen ohne Melodramatik, es gibt auch ein paar komische Momente.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2015)

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