Kosmostheater: Schwangere Krim und Mamas ohne Vornamen

Neun Autorinnen vermessen im Kosmostheater das „Mutterland“: Teils politisch, teils poetisch.

Bettina Frenzel

Russland und die Ukraine haben die Krim geschwängert. Jetzt stehen beide im Gerichtssaal, parlieren lauthals in ihrer jeweiligen Sprache und wollen offenbar wissen, wem das Kind gehört. Die Richterin kann ihrem Gebrüll, Gesang und Gezeter nicht folgen, technische Probleme mit den Dolmetschern, lässt sie per Lautsprecher wissen. Die Krim sitzt hochschwanger und vollkommen entspannt in der Mitte. „Ich verstehe beide“, versichert sie wiederholt. „Ich lasse mich von Saatgut genauso befruchten wie von Blut.“

Die Erde ist nicht monogam – auch so kann man das Schlagwort „Mutterland“ dramatisch umsetzen. Der „Prozess gegen die Krim“ der Autorin March Hold wird derzeit gemeinsam mit acht weiteren Kurztheaterstücken im Kosmostheater aufgeführt. Das „Theater mit dem Gender“, wie es sich nennt, hatte zu einem Dramatikerinnen-Wettbewerb zum Thema „Mutterland“ aufgerufen, die Siegerstücke wurden von der Regisseurin und Burg-Schauspielerin Elisabeth Augustin inszeniert.

Hat da jemand Vaterland gesagt?

Das Ergebnis ist ein Medley aus Erzählungen über Mutterschaft, starke und schwache, gefangene und ausbrechende Frauen, Mädchen auf der Suche nach ihren Wurzeln, Söhne, die sich von ihren Wurzeln trennen wollen und eine Mama, die nicht mehr nur Mama sein, sondern ihren Vornamen zurück haben will. Nicht immer sind diese Geschichten stringent, nicht immer so witzig, wie sie wohl gemeint sind. Einige Stücke sehen das „Mutterland“ durch die politische Linse, der überaus gelungene Gerichtsprozess um die Krim etwa, oder „Wälderweiberwut“ von Nadine Kegele: Da müssen vier Frauen, von der Enkelin bis zur Großmutter, in der Endphase des 30-jährigen Krieges im Bregenzerwald ihren Mann stehen. „Die Schweden kommen!“, heißt es immer wieder, mit ihnen drohen Vergewaltigungen und Schikane. Die Männer sterben an der Front, die Frauen verteidigen Haus, Hof und die eigene Ehre. Nach einem pantomimischen Kampf bleiben von den Schweden nur die Schuhe zurück, sie sind noch warm. Und da soll noch jemand vom „Vaterland“ sprechen!

Dieselben fünf Darsteller schlüpfen von einer Rolle in die nächste, agieren erstaunlich wandelbar im chaotischen Bühnenbild aus Grasbüscheln, Stroh und Strickleiter. So hangelt sich der kurzweilige Abend durch mehr oder weniger erfrischende, poetische, zynische und stereotypbeladene Szenen. Durch das weite Mutterland eben.

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