Wiener Festwochen: Der goldene König endet im Dreck

Widersprüchlich ist die Uraufführung von „Edward II. Die Liebe bin ich“. Nora Schlockers Inszenierung im Schauspielhaus beginnt fulminant, fällt jedoch ab.

FOTOPROBE ´EDWARD II. DIE LIEBE BIN ICH´
FOTOPROBE ´EDWARD II. DIE LIEBE BIN ICH´
FOTOPROBE ´EDWARD II – (c) SCHAUSPIELHAUS/ALEXI PELEKANOS (ALEXI PELEKANOS)

Andreas Beck, bisher amtierender Chef des Schauspielhauses, künftiger Intendant des Theaters Basel, ist noch gar nicht weg, schon ist er wieder in Wien – mit einer Koproduktion der beiden Häuser und der Festwochen. Am Dienstag wurde hier Ewald Palmetshofers „Edward II“ uraufgeführt, eine Nachdichtung zum gut 420 Jahre alten Königsdrama Christopher Marlowes, das die Homosexualität thematisiert. Drei Dutzend Charaktere des Originals werden auf ein Drittel reduziert. Die Spielzeit beträgt dennoch fast drei Stunden. Den Blankvers (in fragmentierter Form) behält der hochbegabte österreichische Dramatiker bei, der bei Beck 2007 als Hausautor begann und, wie viele des Ensembles, mit nach Basel zieht.

Rück- und Vorschau also. Auch die Inszenierung Nora Schlockers schafft einen Zwiespalt: Der Beginn ist toll, mit überraschenden Bildern, atemberaubend eigener Sprache. Aber mit der Zeit gerät die Aufführung in eine ermüdende Endlosschleife. Bald leiern manche Verse, zu viele Bilder werden platt. Das Stück rinnt nach der Pause aus, als leide es unter starkem Blutverlust wie Günstlinge und Rebellen, die gefoltert und geköpft werden, wie der abgedankte König, der zuletzt mit glühendem Eisen gespießt wird.

Man könnte auch sagen, die Staatsaktion wird fad, nachdem Gaveston, der Liebhaber König Edwards II., beseitigt worden ist und viel Privates wegfällt. Thiemo Strutzenberger, meist halbnackt und in aufreizenden grünen, goldenen oder roten Sport-Höschen, kann von allen im Ensemble am besten mit Palmetshofers Ton umgehen – fordernd, liebend, wissend um all den Schmutz, das Blut in verdorbener, gnadenloser Welt. Gaveston ist auch zur Gewalt fähig, reißt einem Bischof die Kleider vom Leib, beschmiert ihn mit Kot. Im Zusammenspiel mit dem von allen anderen gehassten Favoriten, den der König reich beschenkt, blüht auch Simon Zagermann als Edward II. auf. Sie schaffen Szenen homoerotischer Innigkeit, die sich vor allem über den Text ganz explizit ausdrückt. Dagegen wirken Theaterblut und -urin steril.

 

Schwarze Puritaner treffen El Dorado

Das damals Verbotene, hier öffentlich Ausgelebte ist nur der Anlass für Rebellion. Im Kern geht es nicht um persönliche Beziehungen, sondern um Macht. Ideal dafür die Bühne: Sie ist ein metallenes Podest samt Wand, mit hohen Stufen, auf drei Seiten gesäumt von Zusehern. Die sind also Zeugen, wenn der König 1307 vor den Großen des Landes auftritt, kurz nach dem Tod des mächtigen Königs Edward I., des Vaters. Bevor der neue Herrscher kommt, streut dessen Widersacher Mortimer (Michael Wächter) bereits das Gerücht, dass der zuvor verbannte Günstling von Edward II. zurückgeholt werde, dass sich der Adel dagegen wehren solle. Wie Puritaner aus Marlowes Zeit sehen die Peers aus, in Schwarz mit weißen Halskrausen, nur ein Bischof trägt eine Mitra und schwarze Frauenkleider. Doch da kommt der König in bodenlangem Mantel, ganz in Gold wie El Dorado, erklimmt die Höhe, als wäre er bereits ein barocker Sonnenkönig, nicht ein wilder Plantagenet aus dem fernen 14. Jahrhundert, hört sich aufrührerische Reden von dort unten an, zwischen Unsicherheit und Aggression schwankend. Er badet seinen fast nackten Liebling, gibt ihm einen Zungenkuss. Notdürftig stellt er Ordnung her, eine Koexistenz mit den Großen des Reiches, die ihn beschwören, sich um die Staatsinteressen zu kümmern. Sogar seine Gattin Isabella (Myriam Schröder), die sich, aus Berechnung wohl, ihrerseits mit dem Favoriten arrangiert und zugleich festere Bande mit Mortimer knüpft, scheint einzulenken.

Eine Stunde funktioniert dieses stilisierte Intrigenspiel, von Liebesszenen durchsetzt, prächtig. Auf Verbannung folgt falsche Versöhnung. Doch dann wiederholen sich diese Muster der faulen Kompromisse und wilden Rückschläge. Nun rächt sich, dass die Regie vor allem auf die dominante Sprache und auf Stilisierungen setzt, statt auf starke Dramatik. Das Spiel verliert an Spannung, die Rangeleien und Tänze werden verkrampft. Nur am Ende, als der mit Dreck bedeckte König bereits tot ist, gibt es noch einen großen Auftritt: Ein Kind ist Edward III. hier, doch der Neue nimmt sich sofort die Macht, verbannt, tötet, herrscht. Mortimer steigt ab, stürzt. Man bringt dem König einen bluttriefenden Kopf (einen Fußball). Den soll er treten. 50 Jahre wird Edward III. herrschen. Der perfekte Manager für den Hundertjährigen Krieg.

Die Uraufführung „Edward II. Die Liebe bin ich“ wurde von Nora Schlocker inszeniert. Bühne: Marie Roth, Kostüme: Sanna Dembowski, Musik: Hannes Marek.

Bis 2. Juni im Wiener Schauspielhaus, jeweils 20 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2015)

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