Burgtheater: Antigone auf dem Todestrip

Jette Steckel verpasst der großen Tragödie des Sophokles mächtig viel modernisiertes Pathos. Es funktioniert sogar – mit Aenne Schwarz als herber Titelheldin, Joachim Meyerhoff als irrem Kreon, mit toller Musik und starken Bildern.

Ungleiche Schwestern: Antigone (Aenne Schwarz, r.) will den toten Bruder Polyneikes gegen den Willen des Königs begraben, Ismene (Mavie Hörbiger) hilft ihr nicht bei dem von Kreon verbotenen Ritus.
Ungleiche Schwestern: Antigone (Aenne Schwarz, r.) will den toten Bruder Polyneikes gegen den Willen des Königs begraben, Ismene (Mavie Hörbiger) hilft ihr nicht bei dem von Kreon verbotenen Ritus.
Ungleiche Schwestern: Antigone (Aenne Schwarz, r.) will den toten Bruder Polyneikes gegen den Willen des Königs begraben, Ismene (Mavie Hörbiger) hilft ihr nicht bei dem von Kreon verbotenen Ritus. – (c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

König Kreon, der bei dieser Aufführung im ersten Akt halb nackt und herrisch auftritt, in grauer Unterhose, mit loser schwarzer Robe und zackig goldener Krone, ist am Ende von den Umständen gebrochen: Verloren steht er im dunklen Anzug an der Rampe, richtet sich die Krawatte, bis es ihn würgt, und sagt, als ob er über sich ein Urteil spreche: „Kein Mensch soll mich begraben.“

Mit einem ähnlich verfluchten Verdikt hat Thebens neuer König die Tragödie ausgelöst, an deren Ende noch weitere seiner nächsten Verwandten tot sind. Kreons Hybris: Er hat bei Todesstrafe ein Verbot der Bestattung seines Neffen Polyneikes verhängt, der Theben angegriffen hatte und im Kampf gegen den zugleich getöteten braven Bruder fiel. Nun liegt der Tote vor den Toren der Stadt, und nur eine ist bereit, Polyneikes die letzte, von Göttern geforderte Ehre zu erweisen. Seine Schwester, Antigone. Vergeblich fordert sie ihre kleinere Schwester Ismene auf, ihr zu helfen. Die bleibt gesetzestreu, während Antigone für Höheres zu sterben bereit ist und zugleich die Grundfesten der Ordnung gefährdet – ein Todestrip.

Wie hat die junge Regisseurin Jette Steckel diese Tragödie des Sophokles, die für ihn in Athen 442 vor Christus zu einem ungeheuren Erfolg wurde, ins Zeitgenössische umgesetzt? Mit Wucht, Intelligenz und Übermaß an Pathos, wie die knapp zwei Stunden lange, stark bejubelte Premiere am Sonntag im Burgtheater zeigte. Zum Gelingen tragen auch das Ensemble, ein vielstimmiger, von Oliver Masucci geleiteter Chor und originelle Musik bei. Gewaltig ist das Bühnenbild von Florian Lösche: 80 Leuchtröhren in einer mobilen, hochragenden Wand erzeugen Dämmerung, ein Schattenreich oder aggressives Blendwerk. Nicht nur das Schicksal schlägt die Menschen hier, auch Bauten und Klangkulissen drücken sie nieder.

Möchte man etwas einwenden gegen diese ziemlich originelle Aufführung, könnte man bemängeln, dass sie im Gefühl phasenweise übertrieben geraten ist. Doch das wäre kleinlich bei einer Arbeit, die aufs Megalomane zielt und hemmungslos Emotionen weckt. Verwendet wird eine tauglich-präzise Übersetzung der Tragödie aus dem Griechischen, die des Vaters der Regisseurin, Frank-Patrick Steckel. Sieben Darsteller bewältigen den spröden Text mit Konzentration. Die rauchig zarten bis rockig lauten Einlagen von Anja Plaschg (Soap & Skin) sowie Anton Spielmann (1000 Robota) bewirken, dass dieser Abend eine ganz eigene Atmosphäre der Gemeinsamkeit schafft. Der Chor ist überall – im Parkett, in den Rängen, auf und hinter der Bühne. Wir alle sind Polis, lassen uns mitreißen, von den Argumenten, mit denen uns die Agierenden überzeugen wollen. Man würde gern wissen, wie intensiv das Publikum damals vor fast 2500 Jahren an der attischen Tragödie teilnahm, ob die Leute berauscht waren beim erneuten Weben des Mythos, bekifft oder kritisch distanziert. Bei Steckel aber lautet die Devise: Lasst euch auf diese Geschichte mit allen Sinnen ein.

 

Die Zukunft, Baby, lautet: Mord

Bereits zur Einstimmung gibt es eine dämonische Figur: Auftritt Martin Schwab als blinder Seher Teiresias. Wumm, Zack, Krach! Mit dem Mikro in der Hand singt er verfremdet eine Ballade Leonard Cohens: „The Future“. Vom Tod ist die Rede und von Buße, von Nostalgie für die böse alte Zeit, denn das Kommende wäre noch schlimmer: „I've seen the future, baby: It is murder.“ Schon geht der Seher ab, mitten durchs Parkett. Von dort taucht auch der Chor auf, so wie Antigone (Aenne Schwarz) von Anfang an mitten unter uns ist und bald den toten Bruder auf die Bühne schleppt. Tanzend wird in Folge der schlimme Mythos der Sippe gezeigt, leicht bekleidet ist sie, barbusig erscheint Ismene (Mavie Hörbiger). Wesen aus Urzeiten.

Bei Auftritten des Boten gerät das Stück zur Komödie, Philipp Hauß glänzt in der Rolle. Aber den öffentlichen Diskurs auf der ins Parkett ragenden Rampe dominiert Kreons Zweikampf mit Antigone. Schwarz gibt eine von Anfang an widerborstige Titelheldin. Sie schüttelt ihr Haar, es staubt. Aus herbem Stoff ist diese Märtyrerin gemacht. Joachim Meyerhoff als Kreon verwendet souverän all das rhetorische Rüstzeug, das Mächtigen zur Verfügung steht, im Drohen wie im Scheitern. Ergreifend sind die Szenen, in denen er mit und um den Sohn kämpft. Mirco Kreibich spielt diesen Haimon, dem Antigone versprochen war, schwankend zwischen Gehorsam und Aufbegehren. Er bringt sich um, als er entdeckt, dass sich sein zur Strafe eingemauertes Mädchen erhängt hat. Das ist etwas dick aufgetragen, so wie des Königs zuckende finale Verzweiflung. Aber wen stört das noch? Theben ist doch vereint im kollektiven Schmerz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2015)

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