Gutenstein: Das Märchen darf Märchen sein

Regisseur Erwin Piplits erweist sich als großer Gewinn für Raimunds Posse „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“. Es gibt viele kleine schöne Ideen, tolle Optik.

Der naive Quecksie (Julian Loidl) und die böse-listige Prinzessin Zoraide (Ivana Rauchmann).
Der naive Quecksie (Julian Loidl) und die böse-listige Prinzessin Zoraide (Ivana Rauchmann).
Der naive Quecksie (Julian Loidl) und die böse-listige Prinzessin Zoraide (Ivana Rauchmann). – (c) Claudia Prieler

So schau ich dich im Frühlingsschein/Du mein geliebtes Gutenstein“, nun, zur Verfassung dieser Zeilen hätte es nicht unbedingt Ferdinand Raimund gebraucht. Aber die dortigen Festspiele sind ein passender Ort, um des Dichters Naturfantasien zu studieren. Heuer hat Erwin Piplits, mit seinem Wiener Serapionstheater seit Jahrzehnten eine Institution, Raimunds erstes Stück, den „Barometermacher auf der Zauberinsel“ (1823), inszeniert. Das Werk wurzelt noch tief im konventionellen Zaubertheater, hat nicht die dunklen, mysteriösen Untertöne späterer Dramen. Der Text ist trotz einiger Aktualisierungen weniger stark bearbeitet, als man annehmen würde. Es gibt viele Anklänge an Opern – von Mozart („Zauberflöte“, „Entführung“) bis „Carmen“.

Bartholomäus Quecksilber, ein pleitegegangener Barometermacher, dem ein Drucker den Garaus gemacht hat, indem er auf seine Barometer statt „warm“ „arm“ und statt „kalt“ „alt“ gesetzt hat, landet auf einer Insel. Eine Fee (hier gespielt von einem Mann) überreicht ihm ihre Zaubergaben: einen Stab, der alles zu Gold macht, ein Horn, das militärische Hilfe herbeiruft, und eine Schärpe, die an jeden beliebigen Ort entführt. Quecksilber freut sich und macht sich zu König Tutu auf, um dessen Tochter Zoraide zu freien. Diese aber ist ein böses Weib und will Quecksie seine Gaben stehlen. Zum Glück hat Zoraides beherzte Zofe Linda ein Auge auf den Burschen geworfen.
Die Anspielungen auf orientalische Märchen – wie sie in Wien stets beliebt waren – sind offensichtlich. Die Gaben- und Frauengeschichte könnte auf Raimunds verzwicktes Privatleben verweisen. „In dichterischem Übermut“ wollte er „weite Fernen“ durchschweben – wie es in der „Gefesselten Fantasie“ heißt. Doch plagte ihn Kastrationsangst, gute wie gemeine Frauen könnten ihm das Arbeiten unmöglich machen, seine „Gaben“ der Wirkung berauben. Piplits hat den „Barometermacher“ ohne krampfhaften Ehrgeiz inszeniert – und das ist wunderbar. Das Märchen bleibt Märchen – und das Komische ergibt sich fast von selbst. Die schauspielerischen Leistungen sind gemischt. Julian Loidl ist ein noch junger, forscher Barometermacher, Ivana Rauchmann eine passend zickige und hinterlistige Prinzessin, Sophie Resch begeistert als kokette, letztlich aber zielstrebig ihrem Galan Quecksilber zum Erfolg verhelfende Zofe. Kabarettist Christoph Fälbl, auch bekannt aus der ÖBB-Werbung, hat ein paar sichere Pointen als Waldbewohner Zazi. König Tutu (Rainer Spechtl) – stark beleibt und leidgeprüft – möchte hauptsächlich seine Ruhe haben und seine schwierige Tochter gut verheiraten. Piplits selbst taucht kurz als Doktor auf, der seine Patienten von der langen Nase befreien soll, die ihnen durch den Genuss von Feigen gewachsen ist: Die Figur mit riesiger Brille und ellenlanger Rezeptrolle erinnert an die Commedia dell'Arte.

 

Biedermeiergesellschaft im Park

Das Ensemble des Serapionstheaters verleiht dieser charmanten, entspannten Produktion einen multikulturellen Anstrich. Die kleine Truppe, die als Matrosen, Kämpfer, Hofstaat auftritt, punktet mit Tanz, Pantomime – und lässt an Shakespeares „Sturm“ denken.

Überhaupt ist in dieses scheinbar luftige Gebinde allerlei Gedankengut aus Piplits' langem Künstlerleben eingeflossen. Die schönen Kostüme stammen aus dem Fundus seiner 2014 verstorbenen langjährigen Gefährtin, Ulrike Kaufmann. Fein: Sohn Max Kaufmanns u. a. an asiatische Faltkunst erinnernde Bühnenbilder. Thomas Mandel und seine Musiker sorgen für klassische und jazzige Klänge. Zu Beginn des Abends sieht man die Spieler durch den Park hinter dem offenen Zelt wie eine müßige Biedermeiergesellschaft mit chinesischen Schirmen heranschlendern, es wirkt, als würde sie erst allmählich ins Theater eintauchen . . .

Am Schluss gab's viel Applaus. Das Raimund-Festival hat mit dieser Aufführung Profil und künstlerische Qualität gewonnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2015)

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