Wiener Festwochen: Ein flottes Triptychon

Antonio Latella hat das Schmerzhafte von Josef Winklers Prosa dramatisch verdichtet. Die Uraufführung im Schauspielhaus ist ein toller Crashkurs.

Anna Bertozzi
Anna Bertozzi
(c) Schauspielhaus

Drei fast nackte junge Männer in schlecht sitzenden Unterhosen aus italienischen Armeebeständen (Ausstattung: Annelisa Zaccheria) liegen gekrümmt auf Paletten. Sie sind der Schriftsteller (Steffen Höld), der Priester (Vincent Glander) und der Transvestit (Max Mayer). Im Hintergrund schält Catherine Schumann Erdäpfel neben einem Dutzend Bottichen. Still vollführt sie das 100 Minuten lang bei der Uraufführung am Dienstag im Wiener Schauspielhaus.

Die Männer aber bleiben nicht lange ruhig bei „Wild wuchern die Wörter in meinem Kopf. Ein Triptychon“, sie steigern sich in dieser Zeit in Weltschmerz und Raserei, denn sie sind eine unheilige Dreifaltigkeit, die den Kosmos des „Wilden Kärnten“ verkörpert, den der Autor Josef Winkler seit 30 Jahren monomanisch geschaffen hat.

 

Montagen aus sieben Romanen

Regisseur Antonio Latella hat nun Passagen aus sieben Romanen des Büchnerpreisträgers zu einem Drama montiert, von der Kärnten-Trilogie (1979–82), die über Kindheit und Jugend berichtet, bis zu „Roppongi“ (2007), einer letzten Abrechnung mit dem Vater. Gewalt in der Familie, Selbstmord, Sexualität in allen Schattierungen und das Kreuz mit der katholischen Kirche sind die Leitmotive dieser Bücher, eingebettet in das grausame und durch die Poesie des Autors veredelte Land. Kärnten ist anders bei Winkler, traurig und doch auch schön.

Bei Latella ist es vor allem schmerzhaft. Das Elegische mutiert zum plakativ Dramatischen. Sein flottes Triptychon könnte auch als eine Hommage an Pier Paolo Pasolini gedeutet werden, an diesem Abend fühlt man sich ins thesenhafte Theater der Siebzigerjahre versetzt. Anfangs zum Beispiel wird jenseits des Winkler-Textes kräftig typisiert; man hört das Geräusch einer Schreibmaschine, die Herren bilden Wortketten von A bis Z: Schriftsteller, Priester, Transvestit sagen Kombinationen wie „Apollinaire, Apostel, anal“, „Baudelaire, Blasphemie, blasen“, „Quasimodo, Quälen, queer“. Jetzt weiß man, was diese drei bewegt. Sie krümmen sich, recken sich, stehen auf und machen sich daran, den großen Choral des Schmerzes und der Lästerung anzustimmen. Die Darsteller brillieren bei diesem Crashkurs zum Kennenlernen des wilden Winkler, verkörpern eindrucksvoll Winklers Welt.

 

Die Toten dieses Dorfes

Seine Sprache lehnt sich an Litaneien an, ist Schuldbekenntnis und Kampfansage zugleich. Eine Passage erzählt explizit eine homoerotische Begegnung mit einem Knaben, in einer anderen wird das Trauma eines Selbstmordes angedeutet: „Ich kann mich nicht töten, denn ich trage die Toten dieses Dorfes seit Generationen in mir herum.“

Unterlegt wird dieses wilde Rezitieren mit elektronischem Geklapper, wabernden, sich steigernden Geräuschen, Kirchenglocken (Musik: Franco Visioli), aber auch mit Visualisierungen von schmerzhaften Ritualen, von Kreuzigungsszenen. Am Schluss stehen zwei seltsame kleine Holzfiguren im Scheinwerferlicht, Bauersleute, unerlöst. Hier ist Golgatha, ewig. „Wenn du nicht in einem Leichentuch lebst, kannst du nicht schreiben“, sagt der Schriftsteller, ehe er verstummt. Die schwarze Messe ist zu Ende.

WILD WUCHERN DIE WÖRTER

Das „Triptychon“ nach Texten von Josef Winkler wurde von Alexandra Millner zusammengestellt. Bei der Koproduktion von Schauspielhaus Wien, Wiener Festwochen und Nuovo Teatro Nuovo führte Antonio Latella Regie. Termine: 14., 15., 19., 27., 28. Mai, 20h. Karten: Tel.: 01/3170101-18.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2009)

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