Julian Crouch: "Brecht hat gern Krimis gelesen"

Bei den Salzburger Festspielen inszeniert Julian Crouch "Mackie Messer". Der Brite gesteht, dass in der "Dreigroschenoper" die Gangsterbraut Polly Peachum seine Lieblingsfigur ist.

Julian Crouch
Julian Crouch
Julian Crouch – (c) APA

Was macht den ungeheuren Erfolg der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill aus? Was war ihr Rezept?

Julian Crouch: Wenn ich dieses Geheimnis kennen würde, wäre ich ein viel erfolgreicherer Regisseur. Es bleibt ein Mysterium, warum dieses Stück ein Hit wurde. Jedes erfolgreiche Kunstwerk ist an seine Zeit gebunden, an den Kontext. Ein Erklärungsversuch wäre, dass es so grob zusammengefügt ist, in gewisser Weise ein „hot mess“, wie wir im Englischen sagen, ein wildes Durcheinander. Die „Dreigroschenoper“ ist weit davon entfernt, perfekt zu sein, sie entstand fast in Panik, noch im letzten Moment gab es starke Änderungen.

 

Die Proben vor der Uraufführung im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin waren 1928 alles andere als harmonisch...

Manchmal entsteht Außerordentliches unter außergewöhnlichen Umständen. Die Uraufführung war ein Riesenerfolg, aber es wird immer schwerer, diesen Erfolg zu wiederholen. Mir geht es bei der Inszenierung für die Salzburger Festspiele ähnlich wie bei der aktuellen Inszenierung des „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal, die ich mit Brian Mertes 2013 gemacht habe. Beide Stücke sind legendär. Brecht und Weill haben mit ihrer zynischen Oper bei allem Amüsement auch schockiert. Sie machten sich über das Bürgertum, aber auch über das Theater lustig.

 

Sie waren erstaunt über die Reaktionen des Publikums, dem Brecht unterstellte, aus falschen Gründen begeistert gewesen zu sein.

Die besten Werke entkommen der Intention ihrer Autoren. Sie lassen sich nicht vereinnahmen. Ich mag es als Regisseur, wenn Sachen ein wenig entgleiten und zum Allgemeingut werden.

 

Was war Ihr erster Eindruck von Brecht?

Mein Vater hat an einem College Drama unterrichtet. Ich lernte als Kind Brechts Stücke kennen. Mit vierzehn kam ich ans Schottische Jugendtheater und spielte bei „Der kaukasische Kreidekreis“ mit. Brecht ist der richtige Stoff für frühe rebellische Phasen. In meiner Jugend habe ich auch eine historische Aufnahme der „Dreigroschenoper“ gehört, mein Vater hat die Platte häufig gespielt. Lotte Lenyas Stimme hat mich fasziniert, die fremde Sprache, das Harsche, Mysteriöse. Das ist für mich eine romantische Erinnerung.

 

Wie visualisieren Sie die Szene? Berlin in den Zwanzigerjahren, oder doch London?

Wir haben es historisch vage als London ins Bild gesetzt, weil wir gegen das Klischee von Berlin 1928 ankämpfen wollten, gegen eine Museumsversion. Es stellt die schmutzige Unterwelt Londons dar. Brecht hat gern Krimis gelesen über dieses Milieu.

 

Die „Salzburger Dreigroschenoper“ heißt „Mackie Messer“. Weills Musik wurde von Martin Lowe adaptiert. Kann man das Moderne von damals überhaupt erneuern, indem man es ins Heute überträgt?

Damals war eine wirklich innovative Zeit, es wurde vieles neu strukturiert. Heute leben wir in der Postmoderne, in der alles bereits zerlegt wurde. Es ist also gar nicht mehr leicht, etwas zu finden, das man noch zertrümmern kann, oder etwas, das man bewahren sollte. Aber Weills Musik war damals wirklich revolutionär. Heute ist das, was er geschaffen hat, Mainstream, in Kabaretts und am Broadway. Man hört ihn aus Tom Waits und Nick Cave heraus. Wir experimentieren, indem wir zurückstehlen, das ist für uns ein einmaliges Experiment. Die Melodien und auch die harmonischen Strukturen bleiben allerdings erhalten. Es geht vor allem um neue Instrumentierung, um Verweise auf das Zeitgenössische.

 

Es heißt in der Bibel: „Du sollst nicht stehlen“. Haben Sie kein schlechtes Gewissen?

Auch Brecht und Weill haben sich aus verschiedenen Quellen bedient. Und das Generalthema dieser Oper ist doch ohnehin der Diebstahl.

 

Wer ist Ihre Lieblingsfigur im Stück?

Polly, die Tochter des Bettlerkönigs Jonathan Jeremiah Peachum. Sie spielt die Naive, ist für mich aber der härteste Charakter von allen. Sie weiß, was sie tut. Die wird mit manipulativer Kraft ihren Weg machen. Ich finde sie als größtes Monster dieser Oper attraktiv.

 

Ein Dilemma: Kann es moralisch sein, ein unmoralisches Stück aufzuführen?

Die Welt ist schlecht, das Stück hält ihr nur einen Spiegel vor. Also handelt es sich wohl um ein moralisches Stück in einer unmoralischen Welt. Wir erkennen unsere eigene Scheinheiligkeit. Es dieser feinen Gesellschaft zu zeigen ist besonders reizvoll. Das ist auch bei „Jedermann“ ein gewisser Kitzel.

 

So wie bei der Uraufführung gibt es auch in Salzburg 2015 viele Köche. Zwei Regisseure, Sie und Intendant Sven-Eric Bechtolf, einen musikalischen Gesamtleiter und einen Dirigenten. Kann das harmonisch sein?

Es ist harmonisch! Die einzige Schwierigkeit: das Zeitproblem. Bei den Festspielen laufen viele Produktionen mit ihren Proben parallel. Das erfordert minuziöse Logistik. „Jedermann“ und „Mackie Messer“ etwa teilen sich die Tonanlage. Das geht nicht immer glatt. Sven-Eric und ich haben sehr unterschiedliche Stile, aber ich arbeite unheimlich gern mit ihm zusammen. Er hört genau zu, macht keine Spielchen, ist sehr direkt. Wir haben differente Stärken, tendieren aber zu denselben Lösungen. Das ist die beste Zusammenarbeit, die ich bisher erfahren habe. Ich achte besonders auf das Gesamtbild. Wenn Sven-Eric bei den Proben ist, sieht man an seinem Gesicht, wie er den Text verarbeitet. Ihm verdanke ich auch beim „Jedermann“ sehr viel.

 

Wie hat sich diese Inszenierung entwickelt?

Wir bringen immer wieder neue Schauspieler hinein, gezwungenermaßen auch, weil einige im Sommer für Film und Fernsehen drehen und dann in der neuen Saison ersetzt werden. An der prinzipiellen Struktur ändern wir nichts, aber an den Feinheiten, etwa wenn wir, wie in diesem Jahr, einen neuen Teufel haben. Die Schauspieler hierzulande sind sehr am Konzeptiven interessiert. Das legt starke Betonung auf den Regisseur. Für mich ist das nicht so wichtig, ich bin meist nur ein halber Regisseur, bevorzuge es, mit einem Ko-Regisseur zu arbeiten. Inzwischen bin ich in einem Alter, in dem ich arbeite, um herauszufinden, was diese Arbeit bedeutet. Ich gehe nicht mit vorgeformten Konzepten an die Dinge heran, sondern lasse mich bereitwillig von dem überraschen, was sich ergibt, lerne noch immer dazu – wahrscheinlich sogar mehr von den Produktionen, die nicht so glatt gehen, als von Erfolgen. Ich habe Angst davor, mir einer Sache zu sicher zu sein.

Steckbrief

Julian Crouch: Der britische Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner begann seine Karriere als Masken- und Puppenbauer. Er wirkte unter anderem am National Theatre und an der English National Opera sowie am West End in London, beim Theater der Welt, den Wiener Festwochen, an der Met und am Broadway in NY. In Salzburg hat er 2013 mit Brian Mertes „Jedermann“ neu inszeniert.

„Mackie Messer“ hat unter der Regie von Crouch und Intendant Sven-Eric Bechtolf am 11. August Premiere, als „eine Salzburger Dreigroschenoper“.

Symposium, Teil III: Am 11. August (10–13 Uhr, Schüttkasten, H.-von-Karajan-Platz 11) laden die Freunde der Salzburger Festspiele in Kooperation mit der „Presse“ zu Beiträgen über Brecht und Weill. Im Panel: Albrecht Dümling, Nils Grosch, Stephen Hinton und HK Gruber.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2015)

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