ImPulsTanz: Die Schrecken der Flucht wegtanzen

Die Choreografen Mani Obeya und Magdalena Chowaniec haben eine Performance mit jungen Flüchtlingen erarbeitet. Mit Tänzen und Liedern – und anhand Homers „Odyssee“ – werden darin ihre eigenen Fluchterfahrungen erzählt.

„Wir zeigen, wie wir geflüchtet sind“, sagt Yasin Mohammadi aus Afghanistan (2. v. l.).
„Wir zeigen, wie wir geflüchtet sind“, sagt Yasin Mohammadi aus Afghanistan (2. v. l.).
„Wir zeigen, wie wir geflüchtet sind“, sagt Yasin Mohammadi aus Afghanistan (2. v. l.). – (c) Max Biskup/ImPulsTanz

Die sechs Burschen knien auf Polstern mitten in der Säulenhalle des Weltmuseums. Den Blick stets auf ihren stummen Lehrer Mani Obeya gerichtet, strecken sie die Arme in die Höhe, lehnen sich nach vorn, bis sie ausgestreckt den Boden berühren, und richten sich wieder auf. Das Ganze wiederholen sie wieder und wieder, in fließenden Bewegungen. „Am Anfang waren sie richtig blockiert“, sagt Obeya, Choreograf, Tänzer und Sänger der Band Sofa Surfers. „Wir mussten viele Übungen machen, bis sie sich einmal entspannen konnten“, fügt seine Kollegin, die Choreografin Magdalena Chowaniec, hinzu. „Sie waren traumatisiert. Wenn du sie von hinten berührt hast, haben sie richtig Angst bekommen.“

 

77 Stunden zu siebzehnt im Auto

Obeya und Chowaniec haben für das Stück „Songs of the Water / Tales of the Sea“, das ab Freitag beim ImPulsTanz aufgeführt wird, mit jungen Flüchtlingen zusammengearbeitet. Die sechs Burschen – vier von ihnen aus Afghanistan, einer aus Somalia, einer von der Elfenbeinküste – wohnen im Diakonie-Haus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im burgenländischen Rechnitz, sie alle haben eine gefährliche Flucht aus ihrer Heimat hinter sich. Mit Tänzen, Liedern und gesprochenen Szenen erzählen sie in der Performance davon, angelehnt an Homers „Odyssee“, die ihren eigenen Irrfahrten sehr ähnlich sei.

„Das ist ganz gleich“, sagt etwa der 19-jährige Yasin Mohammadi aus Afghanistan, der vor drei Jahren nach Österreich kam. Gekannt habe er das griechische Epos zuvor nicht, er hat in seiner Heimat nie eine Schule besucht und kann nur auf Deutsch lesen und schreiben, nicht in seiner Muttersprache. Über den Grund seiner Flucht zu sprechen fällt ihm schwer. „Mein Onkel hat meinen Papa getötet, darum konnte ich dort nicht mehr leben.“ Die Reise nach Europa kostete ihn 8000 Euro und dauerte dreieinhalb Monate, er bewältigte sie zu Fuß, zu Pferd, per Auto, Lkw und Boot. Er zeigt auf einen gewöhnlichen Kombi, der vor dem Weltmuseum parkt: „In so einem Auto waren wir 17 Leute, 77 Stunden lang. Fünf waren ganz hinten, im Kofferraum. Manche Leute hier denken, die Flüchtlinge kommen so leicht. Aber es war nicht leicht.“ Es sei Yasin daher ein Anliegen, dem österreichischen Publikum zu zeigen, was er und seine Kollegen durchgemacht haben.

Initiiert wurde das Projekt von der burgenländischen Plattform D.ID, die von der britischen Choreografin Liz King gegründet wurde. Schon im Vorjahr wurde die so entstandene Performance „Attan bleibt bei uns“ beim ImPulsTanz gezeigt, Chowaniec arbeitete damals allein mit acht jungen Afghanen zusammen – das sei hart für sie gewesen. „Ich bin froh, diesmal einen Mann an meiner Seite zu haben“, sagt sie. Männer würden bei den Buben eine höhere Autorität genießen, am Anfang hätten sie überhaupt nicht auf Chowaniec gehört – bis sie ihnen ihre körperliche Kraft demonstrierte: „Als sie gesehen haben, dass ich einen Handstand beherrsche, und dank des Trainings im militärischen Stil, das ich mit ihnen machte, respektierten sie mich.“

Die 25-minütige Performance, die ab heute aufgeführt wird, sei „wirklich eine Odyssee“, sagt Chowaniec. Das Stück führt über verschiedene Räume des geschlossenen Weltmuseums in die Säulenhalle, wo Obeya, der 1994 aus Nigeria nach Österreich kam, mit den Burschen gerade Aufwärmübungen macht. Die Arbeit mit dem Körper könne ihnen helfen, über die Fluchterfahrung hinwegzukommen, sind die Choreografen überzeugt: „Tanzen ist auf jeden Fall therapeutisch.“ Zudem brauche man zum Tanzen Disziplin, sagt Obeya, und die helfe den jungen Flüchtlingen auch in anderen Bereichen.

Das Tanzen mache sie glücklich, sagen die Burschen, der 18-jährige Mohammed Ahmadi möchte gar professioneller Tänzer werden, seine Lehrer trauen ihm das zu. Yasin, der sich über einen positiven Asylbescheid freut, hat andere Pläne: In einem Jahr hat er seinen Hauptschulabschluss, danach will er sich eine Lehrstelle suchen. Und einen Film drehen – über seine Flucht.

ImPulsTanz. „Songs of the Water / Tales of the Sea“:
14., 15. und 16. 8., Weltmuseum Wien

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2015)

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