Klaus Maria Brandauer: Verloren im Schicksal

Klaus Maria Brandauer steht ab Dienstag in "Der zerbrochene Krug" auf der Bühne des Theaters an der Wien. Mit der "Presse am Sonntag" sprach er über den gar nicht so "teutschen" Kleist und sein nächstes Filmprojekt.

Klaus Maria Brandauer
Klaus Maria Brandauer
(c) APA (TOLLERIAN)

Sie waren schon lange nicht bei den Wiener Festwochen auf der Bühne.

Klaus Maria Brandauer: Ich war hier 1972 mit dem Residenztheater als Petrucchio in „Der Widerspenstigen Zähmung“.

Jetzt aber kommen Sie als Richter Adam in Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“ aus Berlin nach Wien. Sie dürfen seit vielen Monaten diesen wunderbaren, klaren Text sprechen. Was geht da in Ihnen vor?

So klar ist das gar nicht. Ich lerne immer wieder dazu. Man ahnt anfangs gar nicht, wie viele Fußangeln in diesem Drama sind. Jeder bildet sich ein zu wissen, wie Kleist gesprochen wird – eine gebundene Sprache, klingende Verse. Doch das ist nicht wesentlich. Wichtig ist, sich selber mit der Geschichte so zu verweben, dass man eine Figur herstellt, die jetzt und in Zukunft leben kann. Es ist vorderhand alles wahr, was verhandelt wird, dann kommt man aber drauf, dass alles nicht so gewesen sein kann. Die Uhrzeit, zu der diese Tat des Richters geschehen sein soll, steht im Zentrum; halb elf. Jeder, der sich darauf bezieht, nennt aber eine andere Zeit. Man könnte also auch davon ausgehen, dass diese Belästigung des Mädchens nie stattgefunden habe. Dem ist aber nicht so, oder?

Alle Fragen offen.

Obwohl wir Schauspieler uns recht genau an den Text halten, nimmt dieses Lustspiel jedesmal einen anderen Verlauf. Auch das Publikum ist wichtig, es kann einen ordentlich in Brand schießen. Dann wird's lustig. Das treibt manchmal ordentliche Blüten, wir kommen trotz genauestem Abreden immer wieder zu anderen Ergebnissen. Das ist doch fantastisch! Und die Figuren im „Zerbrochenen Krug“ sind, wenn man es genau nimmt, alle nicht fein. Wenn man von der Sprache Kleists spricht, sage ich; bei ihm ist man mitten im Leben von heute.

Kleist ist auch, wenn man ihn als reines Klischee sieht, ein echter Preuße.

Das mag ja sein. Aber man sieht doch an seinem Leben, dass er eigentlich raus wollte. Ich finde ihn gar nicht so „teutsch“. Kleist ist hochpolitisch, ohne dass im Stück platt Partei ergriffen wird.

Wien gilt als Theaterstadt. Sie können vergleichen. Was ist der Unterschied zu Berlin?

In Wien hat man Charme und Humor. In Berlin hat man nur Humor, zum Charme haben sie keine Zeit, ohne den Berlinern zu nahe zu treten. Die haben doch auch entzückende Seiten. Irgendwie sind diese zwei Metropolen auch verwandt miteinander, sind unterschiedlich gepeinigt von der Geschichte. Der Lebensstil ist auch ähnlich, hat irgendwie etwas Moribundes. Ist es nicht schön, nach einer Stunde Flug in diesem schnoddrigen Berlin zu sein? So viel anders ist es aber auch nicht. Den typischen Wiener gibt es auch nur im Theater bei Nestroy oder bei Bernhard. Der echte Berliner ist eigentlich auch schon fast ausgestorben.

Sie haben zuletzt zwei große Projekte mit dem Regisseur Peter Stein gemacht, vor Kleist war das Schillers monumentaler „Wallenstein“ 2007. Es gibt aber noch etwas, das sie gemeinsam haben: Unter Fritz Kortner haben Sie 1971 in „Emilia Galotti“ gespielt. Stein war zuvor bei Kortner Assistent.

Beide berufen wir uns auf diese Zusammenarbeit. Wir haben beide nur einmal mit Kortner gearbeitet, und beide reden wir heute noch immer davon. Das muss doch eine Bedeutung haben. Ich wurde von niemandem so liebend überschätzt wie von Fritz Kortner. Ich hatte das Gefühl, alles was er sagte, leuchte ein. Er machte das so, dass man schließlich der Meinung war, man habe selber die Idee gehabt. Es wurde damals nicht so viel geredet, sondern wir haben angefangen, haben mit der deutschen Sprache gearbeitet. Der Zufall hat Stein und mich zusammengeführt. Ich arbeite sehr gerne mit ihm, ich habe Riesenrespekt vor seinem Wissen.

Wenn man Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und Stein herstellen wollte, könnte man Negatives suchen und sagen, das sind hochfahrende, eingebildete Leute. Oder man macht ein Kompliment und sagt, die beiden eint der Respekt, wenn nicht gar die Demut vor dem Text.

Ich freue mich, dass Sie das sagen. Es macht mich immer so nervös, wenn ich seit 40 Jahren Sachen über mich lese, bei denen ich mir denke, einen Mann mit diesem Ruf kenne ich doch überhaupt nicht. Vielleicht arbeitet man ein bisschen mit an dieser Fama. Sich mehr darüber auszulassen wäre auch schon wieder eitel. Ich glaube, dass es keine größere Demut geben kann als die, welche der Peter Stein vor einem Text hat. Das ist Kortners Erbe, das hat auch mich geprägt: Genauigkeit. Was glauben Sie, was uns Theaterleuten alles einfällt, wenn wir proben. Aber es passt halt oft gar nicht zu dem, was im Text steht. Wir müssen diese Reise aus dem Text heraus entwickeln. Den müssen wir entschlüsseln. Wir haben nichts anderes als Worte, und es ist doch viel mehr als nur Worte. Theater muss sinnlich sein, kein bloßes Kalkül.

Sie vermitteln Theater auch als Lehrer. Was muss man da können?

Die Schüler sollen das Gefühl haben, dass sie von selber auf etwas draufkommen. Man kann natürlich mit seinen Studenten amikal sein und per Du. Ich mag das nicht. Ich möchte gemeinsame, herrliche Stunden mit ihnen erleben, aber kein Pfadfinderlager. Ich muss nicht der Herr Professor sein, aber der Brandauer mindestens. Mit 18 sollte man Rebell sein. Aber mit 60? Ich habe da ganz bürgerliche Vorstellungen von der Entwicklung eines Menschen.

Wie sehen Sie die jüngeren Generationen an Schauspielern?

Die sind eine liebenswerte Bande. Es ist aber der Ehrgeiz ein wenig abhandengekommen. Heute gibt es Bewerber, die nicht einmal ein Gedicht aufsagen können. Einen Kandidaten habe ich um ein Lied gefragt, der hat „Hänschen klein“ gesungen, und davon nur eine Strophe. Es ist schwierig, Leute zu unterrichten, denen die Vorbildung fehlt. Oft habe ich den Eindruck, dass gar nicht das Schauspiel gesucht wird, sondern eine künstlerische Nische.

Worin besteht die Herausforderung bei so gewaltig langen Aufführungen wie dem „Wallenstein“? Textprobleme dürften Sie ja nicht kennen, denn Sie kennen ja, so sagt man, immer das ganze Stück. Ist das Warten auf den Auftritt für Sie schwierig?

Peter Stein, der auch ein ausgezeichneter Architekt ist, hat mehrere „Theaterhäuser“ gebaut, darunter auch die Perner-Insel. Von ihm wird von vornherein eine Ausnahmesituation angepeilt. Wir schaffen ja auch für einen Abend eine solche. In Neukölln in Berlin hat er ins Nichts ein Theater gestellt. Es wurde eine Welt geschaffen. Die zehn Stunden Theater spürt man nicht, auch das Publikum nicht. Wir spielten von zwei bis halb zwölf den Wallenstein, und dann blieben die Zuschauer noch draußen und haben mit uns gefeiert. Das ist ein unwiederbringliches Erlebnis für mich.

Sie haben Traumrollen gespielt. Haben Sie auch das Gefühl, etwas versäumt zu haben?

Ich wüsste nichts. Vielleicht die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Autoren. Da geht es mir aber nicht um Neues. Wenn Sie 20 Stücke kennen, wissen Sie bereits, dass die Ähnlichkeit sich bald einstellt. In den Naturwissenschaften gibt es Fortschritt, aber in der Kunst geht es um eine begrenzte Anzahl von Themen. Es ist doch schon alles da seit den alten Griechen oder noch länger. Wir wollen das Ideal und verlieren uns im Schicksal. Darum kann man niemanden aburteilen.

Sie haben vor Kurzem mit Francis Ford Coppola einen Film gedreht, der in Cannes gezeigt wurde: „Tetro“. Haben sich da zwei Lebemänner getroffen?

Er ist ein Epikuräer, liebt ein gutes Leben mit Trinken, Essen, guten Gesprächen. Er ist ein feiner, kunstsinniger Mensch. Ich habe gerne mit Coppola gedreht.

Wie gehen Sie damit um, Filmstar zu sein? Das ist doch etwas ganz anderes, als vor 1300 Leuten im Theater aufzutreten. Da gibt es nirgends mehr Anonymität.

Stolz bin ich bis heute auf die Trilogie mit István Szabó. Ich verstehe überhaupt nicht diesen Rummel. Ich habe anfangs vieles im Film nicht gemacht, ich war ja der „Carlos“, der „Hamlet“ im Burgtheater. Das Theater hatte Vorrang. Früher galt noch: Film machte man nur, wenn es nicht in Konflikt mit den Theaterproben geriet. Heute machen einige Theater nur, wenn sie frei haben vom Fernsehen.

Wollen Sie selbst auch wieder drehen?

Ich würde gerne die Erzählung „Ein Anarchistischer Bankier“ von Fernando Pessoa verfilmen. Das Drehbuch habe ich schon. Ich habe es einem großen Banker vorgeschlagen, ich sage aber noch nicht, wem!

Wie stehen Sie zu Kritiken? Lesen Sie die?

Mich interessiert sehr, was über mich gesagt wird. Doch im Theater zählt der Besucher. Die Zeitung macht Kritiken, nicht die Charts. Meine Inszenierung der „Dreigroschenoper“ 2006 war immer ausverkauft, aber die Kritiken waren so, dass ich mich eigentlich hätte erschießen müssen. Der Taxifahrer hat mir am nächsten Morgen gesagt: „Also, nach diesen Kritiken würde ich mich heute nicht auf die Straße trauen!“ Das macht aber nichts. Der eine findet es großartig, der andere grauenvoll. Beide wissen oft nicht einmal warum. Der Zugang zum Theater ist ein emotionaler. Das Spielen ist ein Balancehalten zwischen kritischer Kraft und Sich-gehen-Lassen.

Was verbinden Sie mit dem Begriff Heimat?

Ich freue mich, dass ich aus Altaussee stamme, und dadurch kann ich gut verstehen, dass andere Menschen ihre Heimat lieben. Das darf uns aber nicht auseinanderbringen. Mehr gibt's dazu nicht zu sagen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2009)

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