Katharina Klar: "Ich will spielen und schreiben!"

Schauspielerin Katharina Klar über die kommende Nestroy-Premiere im Volkstheater. Dulderinnen wie Gretchen oder Julia findet sie rätselhaft, und sie spielt gern ihre eigenen Texte.

„In der ersten Klasse Volksschule habe ich rebelliert. Ich war nicht darauf vorbereitet, mich unterzuordnen“, erinnert sich Katharina Klar.
„In der ersten Klasse Volksschule habe ich rebelliert. Ich war nicht darauf vorbereitet, mich unterzuordnen“, erinnert sich Katharina Klar.
„In der ersten Klasse Volksschule habe ich rebelliert. Ich war nicht darauf vorbereitet, mich unterzuordnen“, erinnert sich Katharina Klar. – Die Presse

In Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ geht es um eine arme und eine reiche Familie. Sie spielen Fanny, das warmherzige Kammermädchen der Tochter des reichen Herrn Goldfuchs, Emilie. Fanny wird vom betrügerischen Bedienten Johann kalt verlassen, weil sie kein Geld hat.

Johann hat erwartet, dass Fanny sich wie er bei der Herrschaft bereichert. Als er feststellt, dass sie das nicht tut, verlässt er sie. Das geht mit ein paar Sätzen. Das ist so eine Beziehung, wo man schon einen sehr unguten Umgangston miteinander hat. Dann fragt man einmal: „Warum bist du so komisch in letzter Zeit?“ Und er sagt: „Ich lieb dich nicht mehr.“ Aus, Schluss, vorbei. Was ich mich bei Fanny am Anfang gefragt habe, war, warum sie so extrem loyal gegenüber Emilie ist, sie ist ja im Grunde genommen nicht ihre beste Freundin, sondern ihre Chefin. Aber man muss solche Figuren ernst nehmen. Wenn man versucht, sie ironisch zu unterlaufen, dann lösen sie sich auf.

Wie kommen Sie mit klassischen Frauenrollen wie Gretchen oder Julia zurecht?

Ich finde, klassische Frauenfiguren sind aus heutiger Perspektive schwer zugänglich, weil sie oft so wahnsinnig selbstlos handeln und sich nur über ihr Liebesverhältnis zu einer der männlichen Figuren definieren. Dagegen hat man als Frau heutzutage einen Widerstand. Aber wenn man versucht, diesen Figuren eine egoistische Motivation zu geben, zerstört man sie auch. Mädchen wie Solveig in „Peer Gynt“ oder Gretchen im „Faust“ stehen zwar mutig zu ihrer Entscheidung. Aber letztlich ist es die Entscheidung für einen Typen, der sie noch dazu schlecht behandelt.

 

Ihre Diplomarbeit war ein Theaterstück nach Brigitte Schwaigers „Wie kommt das Salz ins Meer“. Warum dieser Roman?

Ich habe ihn im Bücherregal meiner Mutter gefunden. Was mich daran interessierte, war, dass das eigentlich eine sehr kluge und talentierte Frau ist, die sich in dieser Ehe total in die Opferrolle hat drängen lassen. Man hat das Gefühl, sie hat das auch mit verschuldet. Da ist so ein starkes Kreisen um sich selbst und das eigene Unterdrücktsein. Das hindert die Frau lang daran, auszubrechen. Lieber lässt sie sich in den Wahnsinn treiben, als dass sie aus dieser unglücklichen Beziehung flüchtet. Sie macht es sich auch bequem in ihrer Opferrolle.

 

Es war in früheren Generationen schwieriger, sich einfach selbstständig zu machen.

Eben. Das sind Umstände, die ich mir nicht mehr vorstellen kann.

 

Wie ist Ihr familiäres Umfeld?

Mein Vater hat eine Tischlerei, meine Mutter ist Buchhalterin. Ich bin in Floridsdorf aufgewachsen, ich habe drei Schwestern. Ich bin die Älteste.

 

Wie waren Sie als Kind?

Wahrscheinlich verantwortungsvoll als älteste Schwester. Meine Eltern waren sehr jung. Wir haben in einem Haus in Floridsdorf gelebt. Wir sind sehr wild und frei aufgewachsen. Es war ein ziemlicher Bruch, als ich in die Volksschule kam. Ich habe oft die Schule gewechselt. In der ersten Klasse habe ich rebelliert. Ich war nicht darauf vorbereitet, mich unterzuordnen. Das war ich von zu Hause nicht gewöhnt. Aber ich war dann rasch interessiert zu lernen, und auch Leistung war mir wichtig. Ich habe sehr viel gelesen. Ich habe mir eine Zeit lang mit Gleichaltrigen schwergetan. Ich bin still geworden und schüchtern. Dann sind meine Schwester und ich durch Zufall ins Wiener Kindertheater zu Sylvia Rotter gekommen. Das war eine Parallelwelt für mich. Über das Selbstspielen bin ich zum Theater gekommen.

 

Was war Ihre erste Rolle?

Mit 15 habe ich erstmals in einem professionellen Stück mitgespielt. In „Himalaya“ von Volker Schmidt. Das Stück handelte von einem Topmanager, es ging um Wohlstandsverwahrlosung. Ich spielte ein autistisch angehauchtes Kind, das an der Selbstbezogenheit der Mutter und der Abwesenheit des Vaters zerbricht. Die Erfahrung, in dieser Gruppe von Menschen zu arbeiten, war ein sehr intensives Erlebnis. Das ist auch das, was ich am Theater besonders mag.

 

Sie haben einen autobiografischen Text geschrieben und auch aufgeführt.

„Ungefähr acht Jahre“! Das war mein bisher schönstes Erlebnis hier in Wien, als ich im September in der Roten Bar diesen Text vorstellte. Es geht um ein pubertierendes Mädchen, dessen Eltern sich – wie meine – seit Jahren scheiden lassen wollen. Das Stück sollte auch lustig sein, es ist keine Abrechnung, sondern fiktional. Am 8. Dezember spiele ich es noch einmal in der Roten Bar. Mir ist es wichtig, auch selbst Texte zu kreieren.

 

Ist es schöner, etwas von sich herzuzeigen, als hinter einer Maske zu verschwinden?

Manchmal verschwindet man sehr gern hinter einer Maske.

 

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Ich lese viel, ich treffe Freunde und meine Familie. Und ich habe seit einem halben Jahr einen Hund.

 

Warum schaffen sich Mädchen einen Hund an? Ist ein Tier fügsamer als ein Mann?

Der Hund ist mir mehr passiert, als dass ich das bewusst entschieden hätte. Fügsam ist er nicht. Aber er hängt den Dingen nicht nach wie z. B. ich. Das kann man von Hunden lernen.

 

Was machen Sie, wenn Sie in der Arbeit oder im Leben anstehen?

Weiter. Es ist ein Beruf, der einem viel abverlangt. Man fragt sich immer wieder, ob die Relation noch stimmt, vor allem, wenn eine Arbeit nicht so befriedigend ist. Ich bin schon lang immer in irgendeinem System: Schule, Schauspielschule, Theater. Wenn ich aber eine Weltreise gemacht hätte, wer weiß, wäre ich bei der Rückkehr womöglich wieder dort gewesen, wo ich weggegangen bin? Man kann sich auch in der Kontinuität, im Alltag, im Beruf persönlich weiterentwickeln.

Steckbrief

Katharina Klar
Geburt 1987 in Wien, Schauspielstudium an der Grazer Universität.

Schauspielhaus Graz
Ab 2010 ist sie fest im Ensemble. Sie spielt u. a. die Prinzessin in Büchners „Leonce und Lena“, in Oliver Klucks „Der Wiederaufbau des Haider-Denkmals“, Lucy in „Dreigroschenoper“, Alkmene in „Amphitryon“,
Helena im „Sommernachtstraum“ oder Margarethe in
Goethes „Faust“ (Regie: Konwitschny).

Aktuelles
Klar ist in „Fasching“ von Gerhard Fritsch zu sehen (z. B. 19., 20. 11., 2. 12.). Die Nestroy-Premiere „Zu ebener Erde“ in der Regie von Susanne Lietzow ist am 21. 11. (weitere Vorstellungen am
22., 25., 26. 11.), Shakespeares „Romeo und Julia“ mit Klar ab 23. Jänner 2016 im Volkstheater.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2015)

Kommentar zu Artikel:

Katharina Klar: "Ich will spielen und schreiben!"

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen