Meyerhoff: „In der Schauspielerei lauert stets der Krampf“

Eben erst hat Joachim Meyerhoff den dritten Band seiner Autobiografie publiziert, ab 5. Dezember spielt er am Burgtheater den eingebildeten Kranken. Ein Gespräch über Molière, Nilpferde und geliebte Menschen.

„Die Einzigartigkeit und Skurrilität meiner Großeltern haben mich gerettet“, sagt Meyerhoff.
„Die Einzigartigkeit und Skurrilität meiner Großeltern haben mich gerettet“, sagt Meyerhoff.
„Die Einzigartigkeit und Skurrilität meiner Großeltern haben mich gerettet“, sagt Meyerhoff. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Es begann vor gut sieben Jahren mit Lesungen am Burgtheater. In „Alle Toten fliegen hoch“ erzählten Sie aus Ihrem Leben. Was hat Sie dazu ermuntert, wie einst Goethe Dichtung und Wahrheit zu verknüpfen?

Joachim Meyerhoff: Es war der Versuch, von Anfang an diesem Vorhaben die größtmögliche Freiheit zu gewähren. Die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit kommt mir sehr hilflos vor bei der Beschäftigung mit solch schwer zu fassenden Themen wie Tod, Vergänglichkeit, aber auch Komik. Diese starre Linie, die wir so selbstgewiss zwischen Dichtung und Wahrheit ziehen, ist doch eher eine armselige Orientierungshilfe. Ich habe in meinem Leben mehr und mehr lernen müssen, dass ich durch akribische Recherche zu rein gar nichts komme. Erst mithilfe der Fiktion, der Dichtung, der Lust an der Überhöhung hat das eventuell Authentische bei mir ein wenig damit begonnen, sich aus dem Schneckenhaus herauszuwagen.

 

Der dritte Band, „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, führt in Ihre Studentenzeit in München und ist auch eine Huldigung an Ihre Großeltern, bei denen Sie gewohnt haben. Wie weit wurden Sie von diesem exzentrischen Paar geprägt? Und ist es nicht auch, so wie in den zwei Bänden zuvor, bei all der Lust am Anekdotischen Trauerarbeit?

Also erst einmal gefällt mir ja das Wort Trauerarbeit ganz und gar nicht. Ich finde den Gedanken, dass selbst die Trauer um einen geliebten Menschen unter die Prämisse Arbeit gestellt wird, eine furchtbare Bankrotterklärung. Ich wollte nie Trauerarbeit leisten – dann Feierabend machen und die abgearbeiteten Toten bewältigt zurücklassen. Nein, ich versuche durch die Bücher, die Menschen, die ich verloren habe, bei mir zu behalten, die Trauer um sie, aber eben auch die Freude an ihnen zu einem selbstverständlichen Teil meines Lebens zu machen. Meine Großeltern, um die es im dritten Buch geht, waren sehr wichtig, ja überlebensnotwendig. Sie haben mich zu einer Zeit bei sich aufgenommen, in der ich durch den Unfalltod meines Bruders in einem äußerst verlorenen Zustand war. Ihre Einzigartigkeit und Skurrilität haben mich gerettet.

 

Dreieinhalb Jahre lang haben Sie als Schauspielstudent bei den Großeltern das „rosa Zimmer“ bewohnt. Hat es Sie eingeengt?

Eingeengt und befreit zugleich. Einerseits war es ein geborgener Ort, andererseits ein großbürgerliches Gefängnis. Ich wurde mit Köstlichkeiten bewirtet, mit allerlei Alkoholika vertraut gemacht, durch anregende Unterhaltungen gebildet, wurde bei ihnen zu einer Art trinkfreudigem Kind, das pünktlich nach Hause kam und sich von der Haushälterin die Jeans bügeln ließ.

 

Ihre Großmutter trug, wie Sie schreiben, gern Gedichte vor. Machen Sie das auch?

Ich habe durchaus eine große Affinität zu Lyrik. Dichter wie Celan, Benn, Brecht haben mich mit ihren Gedichten immer begleitet. Aber als Vortragender von Gedichten bin ich doch eher selten in Erscheinung getreten.

 

Ihre Großmutter war Schauspielerin. Wurden Sie von ihr geprägt? Das prächtige Pathos hat sich das Theater doch abgewöhnt.

Da kann ich von einem Zwiespalt berichten, in den ich durch meine Großmutter geraten bin. Ich sehnte mich nach Pathos, Dramatik, nach dem sogenannten hohen Ton, war aber selbst in keiner Weise dazu in der Lage. Für dieses Pathos braucht es auch eine Biografie, damit es nicht hohl wird. Wenn meine Großmutter deklamierte, war ich oft erst ein wenig genervt von ihrer Manieriertheit, dann aber überwältigt, da ich immer jedes ihrer Worte verstand. Mit Alltagssprache lässt sich kein großer Text bewältigen, aber dieses Rumgetöne hält auch niemand mehr aus.

 

Und der Großvater? Hätten Sie sich vorstellen können, wie er Philosoph zu werden?

Niemals! Mein Großvater war ein so unfassbar fleißiger, ernsthafter Mann, aber eben auch in einer gedanklichen Welt unterwegs, die auf mich einen eiskalten, ja weltfremden Eindruck machte. Er war viel mehr ein Wissenschaftler – mit Philosophie für den Alltag hatte das nicht das Geringste zu tun.

 

Die Art, wie Ihr Großvater das Sterben auf sich genommen hat, ist beeindruckend. Haben Sie von seinem Stoizismus gelernt?

Ja, ich habe viel von ihm gelernt. Ich habe irgendwann begriffen, dass der Begriff der Selbstdisziplin kein negativer ist. Auch wenn es nicht gerade nach Genuss klingt, aber seine stoische Haltung war für ihn die Voraussetzung der inneren Freiheit. Das habe ich auch für mich entdecken müssen. Ich möchte so viele Dinge tun – ohne Struktur geht da gar nichts.

 

Auffällig in der Villa Ihrer Großeltern war die Ordnung. Das muss für einen Studenten der Horror gewesen sein. Stehen Sie heute Ihren Großeltern in dieser Hinsicht näher?

Oh ja – ich liebe Ordnung. Unordnung macht mich nervös. Ich bin kein Fanatiker, die Bücher stehen ungeordnet kreuz und quer im Regal, aber ich mag leere Räume. Eine Sache habe ich komplett von meinen Großeltern übernommen: keine Bilder an den Wänden. Jahrein, jahraus auf dasselbe Bild zu schauen ist mir unerträglich.

Die Lehrjahre in der Falckenberg-Schule kann man mühelos auch als eine Geschichte des Scheiterns lesen. Was aber war das Schöne, das Prägende am Schauspielunterricht?

Die Gemeinschaft mit den anderen Schauspielschülern war schon etwas sehr Besonderes. In dieser Ausbildung kommt man sich sehr nah, aber eben auch zu nah. Mir ist bis heute ein Rätsel, was ich da eigentlich gelernt habe. Mein Buch ist jedoch keine Abrechnung mit der Schauspielschule.

 

Sie mussten sich als Student in ein Nilpferd hineinversetzen. Hat sich Ihr Verhältnis zu diesen Tieren nachhaltig verkrampft?

Meinen Umgang mit Nilpferden würde ich als entspannt, sogar freundschaftlich beschreiben. Ich kenne einige, im Großen und Ganzen verstehen wir uns gut. Aber im Beruf der Schauspielerei lauert stets der Krampf. Es ist so ein ganz spezielles unangenehmes Gefühl. Man findet nicht in die Rolle, findet keine Sprache, alles fühlt sich falsch an. Das kennt jeder Schauspieler und kaum ein Nilpferd, nehme ich mal an.

 

Sie spielen demnächst an der Burg Argan in Molières „Der eingebildete Kranke“. Ist er bloß Opfer, oder hat er auch Stärken?

Seine Stärke ist seine Sensibilität. Wer so sehr in sich hineinhorcht, wird zum Spezialisten der kleinsten Regung. Der Mann steckt voller Sehnsüchte nach Sicherheit, Zuneigung, Aufmerksamkeit. Er will doch, dass sich alle um ihn kümmern. Darin ist er sehr gut. Ich finde ihn eigentlich ganz sympathisch in seinem Ich-bin-krank-Wahn.

 

Was zeichnet die Zusammenarbeit mit Regisseur Herbert Fritsch aus?

Er ist für mich eine so große Freude. Er wirft so viel Ballast aus diesem Fesselballon Theater ab, da hat man gar nicht gewusst, warum man so am Boden klebt, und plötzlich fliegt man – spielen, spielen, spielen. Jeder Moment muss von der Freude am Spiel getragen sein, immer muss man alle Möglichkeiten haben und die Freiheit in der Genauigkeit entdecken. Für jeden Schauspieler kann das eine wirkliche Expedition in die eigene Lust am Spielen sein. Man verkrustet auch mit den Jahren, gewöhnt sich Marotten an, auch das sogenannte Charisma kann, wenn man nicht aufpasst, schnell etwas ranzig werden. Da tut Fritsch gut.

 

Fällt mit dem Älterwerden, in den mittleren Jahren, der Umgang mit der Arbeit, Regisseuren, Kollegen leichter oder schwerer?

Also leichter wird es nicht. Man wird anspruchsvoller, will einfach nicht mehr alles machen. Und eines muss ich jetzt schon einmal sagen: Mangel an guten Schauspielern gibt es wirklich nicht, aber gute Regisseure sind rar. Regisseure, die mit Schauspielern arbeiten, die es lieben, ihnen zuzusehen, die – wovon auch immer – besessen sind und ohne Dünkel an der eigentlichen Arbeit eines Regisseurs Freude haben. Das gibt es leider gar nicht so oft.

ZUR PERSON

Joachim Meyerhoff, geboren 1967 in Homburg, ist Schauspieler, Autor und Regisseur. 2005 wurde er Ensemblemitglied des Burgtheaters – am 5. 12. hat dort „Der eingebildete Kranke“ von Molière Premiere (19.30 Uhr), mit Meyerhoff als Argan. 2011 begann er sein autobiografisches Projekt „Alle Toten fliegen hoch“ mit dem Roman „Amerika“. 2013 folgte „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“. Soeben erschienen: „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (Kiepenheuer & Witsch).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2015)

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