Kur für den Griesgram

STAATSOPER. Strauss' „Schweigsame Frau“, großteils neu besetzt: Szenisches Vergnügen, musikalische Schmerzen.

Die wohlbekannte Geschichte vom verliebten alten Freier, der von den Jungen düpiert wird: Selten tritt sie in so reich schattiertem Gewand zwischen deftiger Posse und tiefsinniger Charakterstudie auf wie in der „Schweigsamen Frau“ von Stefan Zweig und Richard Strauss. 1996 ist Marco Arturo Marelli an der Staatsoper eine herrliche Inszenierung gelungen, in der Komik und Tragik gleichermaßen zu ihrem Recht kamen: Aminta, die als vorgeblich „schweigsame Frau“ den lärmempfindlichen Sir Morosus zum Schein heiratet, sich dann aber als Furie entpuppt, um ihm eine Lehre zu erteilen, entwickelte hier nicht nur stückgerecht Mitleid für den Alten, sondern sogar echte Zuneigung zu ihm – was Henry, ihr richtiger Ehemann und Morosus' in ungerechtem Zorn enterbter Neffe, gar nicht gerne sah ...

Nun steht die Erfolgsproduktion mit weitgehend neuem Sängerensemble wieder auf dem Spielplan – und garantiert einen zumindest szenisch und darstellerisch durchwegs erfreulichen Opernabend, an dem die musikalischen Rädchen unter der Leitung von Peter Schneider zwar schon gut ineinander greifen, dabei aber durchaus noch etwas Schmieröl vertragen. Spritziger Esprit, derbe Krachmacherei, ironische Zitate, geschmeidige Ensembles und lyrische Ruhepunkte voll schwärmerisch erblühendem Melos müssen nahtlos verblendet werden – nicht umsonst entfuhr dem Komponisten bei der Arbeit einmal der Stoßseufzer: „Der Teufel hol den deutschen Kontrapunkt!“ Denn wenn diesseits der Alpen Komödien geschaffen werden, gestand er, dann geraten sie doch meist komplizierter als im sonnigen Süden – und länger.


Brutal gekürztes Meisterwerk

Es sei „das beste Libretto für eine opera comique seit Figaro“, schwärmte Strauss und störte sich nicht an den „Rosenkavalier“-Dimensionen – doch hatte Hofmannsthal einst deutlich reichere Substanz zu bieten, während sich in Zweigs „Schweigsamer“ sujetbedingt streckenweise bloß Detail an Detail reiht. Straffung tut da not – es müsste ja nicht gleich so schmerzhaft brutal sein, dass etwa vom höchst komplexen, in erregenden Stufen aufgebauten Finale des ersten Akts nur Rudimente übrig blieben . . .

Sei's drum. Köstlich, wie Janina Baechle als Haushälterin ihre unerwiderte Liebe zum Dienstherrn hervorkehrt, wie die Komödiantinnen Isotta und Carlotta (Caroline Wenborne und Michaela Selinger) in ihren Rollen als Schulfuchserin und Bauerntrampel aufgehen.

Angesichts solcher „Konkurrenz“ kann Sir Morosus nur ins offene Messer laufen: Jane Archibald (statt der erkrankten Diana Damrau) hat alle Töne der Zerbinetta-ähnlichen, sich bis zum hohen E aufschwingenden Titelpartie zur Verfügung – und ist vom Timbre her ein besonders glaubwürdig lärmender Satansbraten. Bei Michael Schades Henry klafft eine Lücke zwischen Kantilene und überakzentuiertem Parlando, während Adrian Eröd als Barbier souverän zwischen Dialogen und feiner Gesangslinie wechselt und mit lockerer Nonchalance das Zentrum der Aufführung darstellt.


Ungeschlachte späte Frühlingsgefühle

Kurt Rydl als Morosus ist davon weit entfernt: Den grimmigen alten Seebären mit den späten Frühlingsgefühlen weiß er berührend zu spielen, gewiss – doch findet er sängerisch mittlerweile nur mehr zu reichlich ungeschlachten, kurzatmigen Näherungswerten: der größte Schmerz an diesem durchwegs bejubelten Abend.

Noch am 21., 25., 28. Juni. Tel. 01/5131 513.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2009)

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