Theater in der Josefstadt: Anatol im Würgegriff der Weiber

Theater in der Josefstadt. Die großartige Idee, Schnitzlers Männerfantasie mit zwei alten Herren zu besetzen, ging nicht ganz auf. Den Abend rettet eine Frau: die schillernde Andrea Jonasson.

FOTOPROBE: ´ANATOL´
FOTOPROBE: ´ANATOL´
(c) APA/HERBERT NEUBAUER

Wien. „Die fünf verschiedenen Weiber wünsche ich mir zur Erhöhung des Theaterspaßes. Man könnte auch alle Weibsen von einer Komödiantin darstellen lassen, wenn diese ein Genie wäre.“ So notiert Arthur Schnitzler über seinen „Anatol“, seit Donnerstagabend in der Regie von Herbert Föttinger im Theater in der Josefstadt zu sehen.

Wie Fritz in der „Liebelei“, den die Konventionen zur Strecke bringen, oder Fabrikant Hofreiter im „Weiten Land“, der brutal seine Ziele verfolgt, ist auch „Anatol“ Prototyp einer Männergesellschaft, in der „Weibsen“ Objekte, Spielfiguren, Projektionsflächen sind. Diese Konstellation hat zwar die Zeiten überdauert, aber man muss sich doch etwas einfallen lassen, wenn man den „Anatol“ spielt.

Föttinger hatte eine Königsidee: Er besetzte das Stück mit zwei alten Herren – Michael König als Protagonisten und Peter Matić als dessen Freund Max. Die zwei müssten die Sache eigentlich allein erledigen, sie blieben aber von der Regie ungepflegt, wirken zu mürrisch, leise und müde – und die bei Schnitzler so wichtige Einstudierung der Sprache und der Melodie funktioniert nicht. „Anatol“ wird als „leichtsinniger Melancholiker“ und „Hypochonder der Liebe“ beschrieben. Beides sieht man kaum. Max fehlt Temperament.

Was bei den Herren zu wenig ist, ist bei den Frauen zu viel. Fritzi (Martina Ebm) springt Anatol an, Cora (Alma Hasun) ist zu vulgär, Katharina Straßer entzückt die Zuschauer hörbar als Annie, hier keine Sylphide aus dem Opern-Ballett, sondern ein muskulöses derbes Mädel aus dem Fitness-Studio, das soll wohl ein interessanter Einfall sein. Straßer könnte einmal ein paar neue Saiten aufziehen, aber sie ist natürlich allemal ein schauspielerisches Kaliber; Ilona (Sandra Cervik) würgt Anatol am Hochzeitsmorgen fast zu Tode. Mehrere Frauen suchen ihren einstigen Lover in einer Mischung aus Rotlicht- und Jahrmarktszene als Gespenster heim (rührend: Maria Urban als Berta im Rollstuhl). Und dann geschieht ein Wunder: Andrea Jonasson erscheint als Gabriele in den „Weihnachtseinkäufen“ und rettet in wenigen Minuten diesen zwiespältigen Abend mit einer bezaubernden Mischung aus zartbitterer Sehnsucht, verhaltener Wut und schlussendlich echten Tränen. Diese Gabriele übertrifft die legendäre Paula Wessely in dieser Rolle. Jonasson verbindet virtuos die Dame des 19. Jahrhunderts mit einer aus der Gegenwart.

Mit nixenhaftem Blick mustert sie so schonungslos wie zärtlich den einstigen Geliebten. Hier zeigt auch Michael König mit Charme und resignierter Grandezza, was aus diesem Anatol hätte werden können, wenn sich jemand produktiv um ihn gekümmert hätte.

 

Rohe Striche in den Dialogen

Peter Turrini hat mit Föttinger die Fassung für diese Aufführung erstellt. Offensichtlich ist, dass dem Dichter der Stoff weniger gelegen ist als die Randfiguren: So köstliche Diener (Josef Ellers als zorniger Punk, der im Hotel Sacher die Hand aufhält, und als Unglückswurm Franz mit dicker Brille im Hause Anatols) sah man noch nie.

Kühn und vielleicht witzig wäre gewesen, Turrini, der aus einer anderen Zeit mit einem anderen Frauenbild als Schnitzler stammt, seinen eigenen „Anatol“ schreiben zu lassen. Das Premierenpublikum jubelte, es liebt nun einmal dieses Stück, das freilich durch rohe Striche in den Dialogen nur ein Fragment blieb.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2015)

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