Liebstes Wort: Supercalifragilisticexpialidocious

Unter der Leitung von Sylvia Rotter führen Kinder Klassiker auf: Shakespeare, Nestroy, Molière, den Kindern ist kaum etwas zu kompliziert. Wichtig ist nur: „Es müssen Komödien sein, alle Kinder unter zwölf wollen lachen.“

Sylvia Rotter (Archivbild aus 2009) will Kinder nicht zu Schauspielern ausbilden, sondern fürs Leben vorbereiten.
Sylvia Rotter (Archivbild aus 2009) will Kinder nicht zu Schauspielern ausbilden, sondern fürs Leben vorbereiten.
Sylvia Rotter (Archivbild aus 2009) will Kinder nicht zu Schauspielern ausbilden, sondern fürs Leben vorbereiten. – (c) Michaela Bruckberger

Die Presse: Sie leiten seit 21 Jahren das Wiener Kindertheater. Wie ist es dazu gekommen?

Sylvia Rotter: Ich war Schauspielerin in England und habe dort die Londoner Academy of Dramatic Arts absolviert. Dieser Art von Theater bin ich heute noch sehr verhaftet, ich habe es von der Pike auf gelernt. Damals hatte ich vom Kindertheater keine Ahnung. Für das begann ich mich erst zu interessieren, als meine Neffen auf die Welt kamen. Zuvor hatte ich mit Kindern nichts zu tun, wollte auch nicht verstehen, wie man sich die überhaupt antun konnte. Durch die Neffen aber sah ich nach meiner Rückkehr nach Österreich, wie unverstellt Kinder sind, wie genau sie beobachten, welch große Fantasie sie haben. Mit meinen Neffen und ihren Freunden habe ich auf dem Land Theater gemacht. Daraus wurden Workshops in England, Deutschland und Österreich, und schließlich entstand das Kindertheater.


Wie mühsam ist so ein Unternehmen?

Jedes Jahr müssen wir um Subventionen betteln. Wir haben keine Vierjahresverträge wie andere Theater. Immer im Herbst stelle ich die Anträge, fange wieder von vorn an. Im Februar wissen wir dann, wie unser Budget ausschauen wird. Auch die Suche nach Aufführungsorten war wild. Wir haben keine fixen Spielstätten, haben in Wohnungen, Kellern, im Funkhaus und im Theater Akzent geprobt. Es gab viele Schulprojekte. Wir hatten aber von Anfang an konstruktive Hilfe von der Stadt Wien, da war noch Ursula Pasterk Stadträtin. Man war zwar erstaunt darüber, dass ich mit Kindern Klassiker aufführen wollte, hat das aber doch unterstützt.


Warum denn Klassiker für Kinder?

Kinder sind sprachlich zu gewissen Hochleistungen fähig. Das belegen auch Studien. Bei Achtjährigen zum Beispiel haben wir gefragt, was sie beim Text am liebsten hatten. Am häufigsten nannten sie das Lied in „Mary Poppins“ mit dem Wort Supercalifragilisticexpialidocious. Das ist eine enorme sprachliche Herausforderung. Daran haben Kinder eine Riesenfreude. Sie haben Luftsprünge gemacht, wenn sie sich dieses Wort gemerkt haben. Kinder brauchen Herausforderungen, sie wollen das auch.


Proben sind anstrengend. Was schätzen Kinder trotzdem an dieser Situation?

Vor allem die Gemeinschaft. Wenn wir im Juni proben, ist es manchmal recht heiß, da würden wir alle lieber an einem Badesee sein. Aber da proben wir vor der Premiere drei, vier Tage, ein ganzes Wochenende in einem dunklen Theatersaal. Gemeinsam schaffen wir das. Solche Proben verlangen Konzentration und Disziplin. Vielen Kindern fällt es gar nicht leicht zuzuhören, sie lassen sich leicht ablenken. Dagegen hilft eine kurze, intensive Phase der Bewegung. Dann sind die Kinder wieder bereit, sich zu konzentrieren. Ich versuche, die Kinder aufs Leben vorzubereiten, nicht auf den Schauspielberuf.


Einige sind es doch geworden.

Ja, einige haben meinen Rat nicht befolgt, und das ist auch gut so. Zum Beispiel Katharina Klar, die jetzt am Volkstheater engagiert ist. Ihre Schwester Saskia Klar hat eben erst das Max-Reinhardt-Seminar absolviert. Jono Bergman schließt gerade seine Ausbildung in New York ab. Und Coco König ist bereits ein Star. Das Allerschönste: Sie macht es nebenbei, studiert parallel dazu.


Wie gehen Sie mit den Kinderstars um?

Wir haben bewusst kein Starsystem, das gefährliche Illusionen weckt, brauchen keinen Protagonisten, bei dessen Auftritt die anderen nur danebenstehen. Die Stücke werden danach ausgesucht, dass es viele gleichwertige Rollen gibt. Shakespeares „Was ihr wollt“ eignet sich dazu besonders, auch sein „Sommernachtstraum“ oder Goldonis „Krach in Chiozza“. Ich wähle die Stücke gemeinsam mit den Kindern aus. Es müssen Komödien sein, alle Kinder unter zwölf wollen lachen. Ich brauche zudem eine große Besetzung. Bei unserem geplanten Stück für 2016, Molières „Der eingebildete Kranke“, gibt es zwar eine eindeutige Hauptrolle, aber der Stoff ist dankbar für Kinder. Wenn es dann auch noch Furzkissen gibt, ist das Glück perfekt.

Was tun Sie als Regisseurin gegen die Nervosität der Schauspieler vor dem Auftritt?

Da helfen vor allem Atemübungen und Konzentrationsübungen im Kreis. Die Aufführung ist immer so gut wie das schwächste Glied in der Kette. Auch hier hilft das Gemeinschaftsgefühl.

Wie gehen Sie bei aller Gemeinschaft mit den verschiedenen Begabungen der Kinder um?

Es gibt enorme Unterschiede. Jedes Kind hat seine individuelle Perspektive. Manche sind besser in der Bewegung, andere im Sprechen. Auch der Reifungsprozess spielt eine große Rolle. Und jede Aufführung ist anders. Ich sehe sie natürlich immer alle an.


Welches Alter mögen Sie besonders?

Schön ist es, wenn kleine Kinder, noch im Vorschulalter, auf der Bühne stehen und völlig vergessen können, wo sie sind. Da sieht man, wie Realität und Fantasie eins werden im Spiel. Diese Momente sind so echt, dass alle gebannt auf dieses kleine Kind schauen, auch wenn sich gerade die anderen ihre Seelen aus dem Leib spielen. Von solch einem Homo ludens in reinster Form kann ich mich kaum lösen.


Wie geht es Ihnen mit Pubertierenden?

Bei denen gibt es oft kräftige Aktionen. Die pubertären Frontalangiffe ziehen sich manchmal über Wochen. Man glaubt, dieses Austesten der Grenzen mit den Jahren in den Griff zu bekommen, aber es ist jedesmal eine völlig neue Situation. Manche verlassen dann mit zwölf das Kindertheater, aber einige kehren doch wieder zurück. In einem Fall war das nach sieben Jahren! Ich habe in dieser Beziehung viel erlebt.


Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Mitarbeiter aus?

Ich hole mir Hilfe aus Rumänien, aus dem praktischen Grund, dass wir in Bukarest inzwischen eine Zweigstelle des Kindertheaters haben, das ist auch ein soziales Projekt. Ihr Leiter ist Petric? Voiku. Die Schauspieler in Rumänien sind brillant in ihrer körperlichen Komik, das ergänzt meinen Ansatz gut. Wir haben auch Lehrer aus England. Immer wieder ist Shauna Morris zu Gast bei uns, eine der besten „movement teachers“.


Wie gehen Sie mit ehrgeizigen Eltern um?

Bei denen muss ich mich taktvoll aus der Affäre ziehen. Ich kann zum Beispiel nicht einreißen lassen, dass die Eltern bestimmte Rollen für ihr Kind einfordern. Das spräche sich herum und wäre ganz schlecht.


Geraten manche Aufführungen nicht auch außer Kontrolle?

Wenn etwas schiefgeht, ist es bei uns immer lustig. Da müssen die Kinder improvisieren, die Szene retten, wenn zum Beispiel einer den Auftritt versäumt. Durch das Lachen löst sich die Verwirrung. Wir machen auch immer Nachbesprechungen. da geht es oft um die Präzision, den Feinschliff, damit es nächstes Mal noch besser wird. Und natürlich gibt es jedesmal viel Lob.


Was haben Sie in den 21 Jahren Kindertheater von Ihren Schülern gelernt?

Ich versuche, sie für das Leben vorzubereiten, sie sollen lernen, andere Menschen zu verstehen und sich selbst, die eigenen Gefühle. Das gilt auch für mich. Ich erfahre von den Kindern sehr viel Empathie. Unsere Persönlichkeit besteht, wie die Kreativforscher sagen, aus Talenten. Wenn wir nicht wissen, was unsere Talente sind, wissen wir gar nicht, wer wir sind, Durch das Theater finden wir auch zu uns. Ich habe durch die Kinder vor allem gelernt, geduldig zu sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2015)

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