So wild und bunt war Schnitzler wohl noch nie

Das Wiener Schauspielhaus zeigt den „Grünen Kakadu“ in einer schrillen Bearbeitung.

Der grüne Kakadu
Der grüne Kakadu
(c) Lupi Spuma - Schauspielhaus

Schnitzlers „Grüner Kakadu“ (1898) ist ein Geniestreich. Einmal verlässt der Autor sein gewohntes Milieu, das Wiener Bürgertum der Jahrhundertwende, und begibt sich nach Paris am Vorabend der Französischen Revolution. In einem Wirtshaus dürfen sich Adelige an Strolchen aufgeilen – die Strolche sind Schauspieler, sie erzählen Schauergeschichten von Raub und Mord aus Eifersucht, die sie angeblich begangen hätten. Während der Tumult auf der Straße anschwillt und das Volk die Bastille erstürmt, wird aus dem Spiel blutiger Ernst . . .

Es wird jetzt hoffentlich keiner erwartet haben, dass im Schauspielhaus Schnitzlers Einakter vom Blatt gespielt wird, das wäre einer Avantgardebühne nicht würdig. Ob Bernhard Studlars Bearbeitung und Lucia Bihlers Inszenierung avantgardistisch sind, ist nicht gewiss (meine Begleiterin kam aus dem Kopfschütteln und „Was soll das denn sein?“-Murmeln nicht heraus). Aber die üppige und schräge Aufführung bedient die Schaulust. Das Wirtshaus ist ein Nachtclub, der Wirt eine Wirtin – bzw., wie man in Wien sagt, eine Puffmutter: jung, fesch, mit langen Stiefeln und Korsett.

Auf ihrem Plastikbusen sind Hähne montiert, aus denen Wein fließt, mit diesem nährt sie das durstige Publikum, aber nur, wenn sie Lust hat und zuvor reichlich Geld in ihre Taschen geströmt ist. Die Adeligen in Motorradkleidung erinnern teilweise an Figuren aus dem traditionellen japanischen Theater. Die Verbindung der dekadenten französischen Hofgesellschaft und des zeremoniösen Kabuki illustriert die Selbstinszenierung von Macht in verschiedenen Zeiten und Kulturen.

 

Glamourgirls, morbider Amor

Die Taschendiebinnen, die bei der Adelshochzeit reiche Beute machen, sind als Glamourgirls verkleidet. Henri, der Held des Ensembles, der Gräuelgeschichten wie kein anderer zu erzählen vermag, hat sich in eine umschwärmte Kollegin verliebt und sie geheiratet, er führt sie in einem Plastiktrolley spazieren.

Die Polizei möchte das Etablissement am liebsten ausräuchern, der Kommandant führt zwei knurrende Büttel an der Leine, zieht aber ab, weil er sich umziehen möchte, damit er nicht erkannt wird. Bühne und Kostüme von Josa Marx sind preiswürdig. Und das Beste ist der morbide Amor auf halsbrecherisch hohen Plateausohlen, der auf einer schwarzen Schaukel wippt und revolutionäre Parolen ins Mikro raunt: „Wir haben uns viel zu lange/an Dingen festgehalten/Von denen alle dachten/dass sie sicher wären.“ So schrill hat man Schnitzler schrillstes Stück vielleicht noch nie gesehen. (bp)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2016)

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