Pöschl und Ahorner: "Kumm aussa!"

Hanno Pöschl spielt demnächst in Reichenau; Peter Ahorner führt seine "Schrammeloperette" in Litschau auf. Die "Presse am Sonntag" lud den Gastwirt/Schauspieler und den Dichter zur Doppelconférence.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Sie beide wurden in bürgerliche Haushalte hineingeboren. Wie kam es, dass Sie sich für den Wiener Dialekt erwärmt haben?

Peter Ahorner: Ich bin in einer Kaserne aufgewachsen, und daheim haben wir „schön“ gesprochen. Mich hat das Wienerische schon als Bub fasziniert, als ich die Soldaten reden gehört hab.

Hanno Pöschl: Mir ist das Hochdeutsche immer so „schoitlhaft“ vorgekommen. Ich hab mich also jenen zugewandt, die Dialekt gesprochen haben. Das war zuerst einmal wie eine Fremdsprache. Ich tu mir heute noch leichter, Englisch zu reden als Hochdeutsch. Obwohl einmal ein Freund meinte: „Du Hanno, oba ans muaß i dir schon sagn: Wenn du Englisch redst, host du an ziemlich stoarkn Akzent.“ Und i hob gsagt: „Und waun i Deitsch red, net?“

Ahorner: Das Wienerische ist so doppeldeutig. Wenn wir einen Begriff wie „Bruckfleisch“ hernehmen, dann kann das klingen wie eine Liebeserklärung oder wie eine Morddrohung...

Pöschl: Meistens ist es eine Morddrohung. Es wird ja praktisch nicht mehr gekocht. Das Bruckfleisch ist ein Ragoutgericht aus Innereien. Lunge, Leber, Nierndln, Milz, Zwerchfell, und ganz am Ende gehört noch eine ganz fein geschnittene Aorta hinein. Das Ganze wird zum Schluss mit Blut gebunden. Ich kann es zwar kochen, aber nicht essen.

Hat der Wiener einen Hang zu Innereien?

Pöschl: Ja. Aber sicherlich nicht exklusiv. Tschechen, Italiener, Franzosen, die haben alle hervorragende Innereiengerichte. Es ist wohl eher eine Generationenfrage. Die Jüngeren lassen ziemlich aus bei den Innereien. Wenn ich Kutteln à la Romana in meinem Wirtshaus, dem Immervoll, koche, dann gibt es eine Telefonliste, auf der auch Italiener stehen.

 

Auf einem Haus in der Margaretenstraße sieht man noch eine Inschrift, die für „Fettwaren“ wirbt. Hatte die Kriegsgeneration ein unbeschwerteres Verhältnis zum Fett?

Ahorner: Sicher. Aber beim Rindfleisch gibt es heute noch Kenner, die das Fleisch wegschneiden und nur das Fett essen. Ich hab einmal den Abba-Song „The Winner Takes It All“ ins Wienerische transponiert. Da kriegt das Putzerl statt dem Schnuller schon eine Flachsn. Als Heranwachsender, wenn er dann schon von den Damen träumt, dann hat der Bub Fantasien über mit Mortadella und Presswurst gefüllte BH.

Pöschl: A schöne Fantasie ist das. Dass der Wiener früher extrem üppig gegessen hat, ist in vielen historischen Zeugnissen nachzulesen. Bezüglich Körpergewicht herrschte in Wien immer schon eine gewisse Wurschtigkeit. Da gibt es Bücher aus dem 14.Jahrhundert, wo sich die Deutschen wundern, wie viel Fett hierzulande schon mit dem Frühstück aufgenommen wurde. Wie heißt's beim Sowinetz im Lied „I wer blad“ so schön? „Tausend Rosen! I kauf mir a greßere Hosn“.

 

Herr Pöschl, Sie spielen ab 8. Juli in Reichenau in Gorkis „Kinder der Sonne“. Darin blicken junge russische Bürger voller Hoffnung auf die Zukunft, während sie nicht in der Lage sind, die Gegenwart zu meistern. Geht es nicht dem Wiener ähnlich, nur dass er sich die Hoffnung auch gleich erspart?

Pöschl: So negativ seh ich die Lage für die jungen Leut gar nicht. Jetzt geht's noch, aber als Pensionisten werden sie's schwer haben.

Wird es in Hinkunft Originale wie Helmut Qualtinger oder Kurt Sowinetz noch geben?

Pöschl: Ich seh da eher schwarz. Aber wer weiß? Wenn ich mich daran erinnere, wie der „Herr Karl“ zum ersten Mal im Fernsehen lief: Da entstand ein Aufruhr. Vor nicht allzu langer Zeit wurde der „Herr Karl“ wieder gezeigt. Und zwar zu einer Zeit, die heutzutage als Primetime für Kulturelles gilt. Ich glaube, es war halb eins in der Früh.

Ahorner: Das Motto scheint zu sein: Wenn es keinen Einschaltimpuls gibt, bleibt wenigstens der gefürchtete Ausschaltimpuls aus...

 

Herr Pöschl, Sie werden oft als Schlawiner oder Strizzi besetzt. Kürzlich brillierten Sie als Zuhälter in Götz Spielmanns „Revanche“. Sie legten diese Rolle so genial an, dass die Figur des Konecny gleichzeitig böse und lieb wirkte. Wie geht das?

Pöschl: Ich kann gar nicht anders, als sympathisch sein. Und ein Zuhälter muss ja auch was Liebes haben, sonst hätt der keinen Erfolg. Selbst ein Mephisto hat sympathische Züge.

Der Strizzi verwahrt sich aber gegen das Gefühl der Liebe. Warum?

Pöschl: Weil solche Gefühle, wie man in Wien sagt, leere Meter sind. Ich hab einmal ein Interview mit einem Praterzuhälter gesehen, der hat das alles genau erklärt. „Schauen S', waun do die jungen Madln kumman, dann sans von z'Haus oder vom Heim ogrissen. Daun vasprich i eana a neichs Gwand, oba kriagn tans as net. Pudern, pudern, pudern – das ist die Parole.“ Der Strich ist halt kein Wunschkonzert.

 

Was die Liebe anlangt, scheint der Wiener stark von den Polen unheilbarer Romantik und extremer Derbheit angezogen.

Ahorner: Wenn bei einer Frau nur der Funken einer Chance besteht, dann gibt der Wiener alles.

Pöschl: Aber tät das nicht der Budapester oder der Madrider auch? Schaut man sich die Gemütlichkeit, die gern als typisch Wienerisch bezeichnet wird, genauer an, dann entpuppt sie sich als harmlose Form von Faschismus. Oder der Grant. Die Briten können entschieden grantiger sein, zeigen dabei aber bessere Manieren. Woher der Wiener Zwider kommt, ist mir ein Rätsel. Wien hat erwiesenermaßen eine sehr hohe Lebensqualität. Aber wenn du in die U-Bahn steigst, dann glaubst du, dass die Leute zu ihrer eigenen Hinrichtung fahren. Das riecht man dann auch.

 

Wie sieht es mit der Angst des Wieners vor der Einsamkeit aus, der André Heller in seinem Lied „Alaan sei is ärger als Ratzen fressen“ ein poetisches Denkmal gesetzt hat?

Pöschl: Menschen sind halt nicht gern allein. Das ist nichts spezifisch Wienerisches. Ich glaube, in Großstädten wie New York verwesen manchmal auch die Leut unbemerkt. London können sich Alte eh nicht leisten. Die einzige alte Frau in London dürfte die Queen sein. Die winkt dann immer so schön.

Ahorner: Zum Beispiel bei dieser schmucken Militärparade „Trooping the Colour“, bei der man glaubt, man wäre aus der Zeit gefallen...

Pöschl: Wenn wir schon von Perchtenlauf reden, muss man sagen, dass „Trooping the Colour“ viel besser ist als der „Jedermann“. Und außerdem: die Eleganz dieses Winkens kann man nicht vergleichen mit dem schlamperten Salutieren unseres letzten Kaisers.

 

Heute gibt es eine Vielzahl an öffentlichen Gaststätten in Wien. Ist auch das ein Indikator für die Angst vor der Einsamkeit?

Pöschl: Vermutlich. Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass es Ende der Sechzigerjahre kaum was für junge Leute gegeben hat. Da war großes Kaffeehaussterben. Viele traditionelle Kaffeehäuser wollten mit Langhaarigen nichts zu tun haben. Die haben von den Zeiten eines Alfred Polgar und Peter Altenberg geträumt, aber nicht bedacht, dass die beiden, wenn sie 1968 gelebt hätten, sicher auch lange Haare gehabt hätten. Die Kaffeehausliteraten waren ja nie angepasst. Außerdem war in den Sechzigern die Qualität in vielen Häusern ja nicht so, dass man hingehen hätte müssen. Da hab ich nur sagen können: Entschuldigen Sie, Herr Ober, ich hab einen schwachen Kaffee bestellt, und sie bringen mir einen wehrlosen... Alles Gründe, warum ich Anfang der Siebzigerjahre mit dem Kleinen Café einen für Wien neuen Kaffeehaustypus kreiert hab.

 

Aber auch die Langhaarigen im Kleinen Café besaßen ein Wiener Gemüt, fühlten sich meist im Dialekt verortet. Engt dieser eher ein oder befreit er?

Pöschl: Mich hat er befreit. Ich habe mich bewusst für das Wienerische entschieden, mich intensiv damit beschäftigt. Aussterbende Ausdrücke haben mich besonders interessiert. Mit zehn, elf Jahren konnte ich vieles von H.C. Artmann schon auswendig. So was wie „I bin da Ringlschbüübsizza, i hob schon siem Weiba darschlogn“ hat mich extrem fasziniert. Vor allem auch seine Verschriftung. Leider gibt es den Wiener Dialekt nicht mehr. Das ist ja nur mehr eine Kunstsprache. Es gibt noch ein paar Junge, die sich für die Heurigenmusik interessieren und ein paar Ältere, die das noch reden. Der große Rest kann, was Dialekt anlangt, nur noch ein bisserl ordinär sein.

 

Was macht der Wiener Dialekt mit der deutschen Sprache?

Pöschl: Er verdunkelt die Vokale. Du sagst nicht „Hilfe“, sondern „Hüfe“. Aber was man heute hört, ist ja nur mehr Slang. Alles ist nur mehr cool, super oder geil. Damit ist der Wiener Dialekt am Ende. Das hat zu tun mit der großen Synchronisation: Von Rostock bis Villach gibt es nur mehr ein einziges Sprachpüree. Das Vokabular – auchin der Hochsprache – ist auf der Strecke geblieben. Ich glaub nicht, dass heutige Jugendliche wissen, was „Falottn“ (Gauner) und „Kaprizzerln“ (Pölsterchen) sind oder was „nabezzn“ (kurz am Nachmittag schlafen) bedeutet. Höchstens, dass sie noch wissen, was ein „Futhusar“ (die Filzlaus) ist...

 

Womöglich ist das doch ein zu negativer Befund. Schließlich gibt es Dichter wie den Ahorner und Musiker wie das Kollegium Kalksburg und die Strottern, die dem Wienerischen neue Aspekte abgewinnen.

Pöschl: Das sind alles wunderbare Ausnahmen. In der Wirklichkeit schaut's anders aus. Das Wienerische ist nicht einmal mehr eine Sprachinsel, das ist nur mehr ein Atoll. Und der Ahorner ist der Dichterfürst darauf.

Ahorner: Einerseits gebe ich dem Hanno recht – der Wiener Dialekt ist weitgehend zur Kunstsprache, zum schlecht zitierten Zitat vom Zitat verkommen: Wir befinden uns zudem im Zeitalter des veröffentlichten, ausgestrahlten Dialekts, der immer weniger gelebt wird. Andererseits ist der Wiener Dialekt heute mehr am Leben als unter Heinz Conrads. Das ist nicht zuletzt der neuen Wienerliedszene zu verdanken.

Jetzt haben Sie das Libretto für ein nie dagewesenes Genre, die „Schrammeloperette“,geschrieben. Wer hatte die Idee dafür?

Ahorner: Roland Neuwirth von den Extremschrammeln ging schon lange schwanger mit der Idee einer möglichst kitschfreien Operette, die die Ästhetik der Schrammelmusik hochleben lässt. Was fehlte, war das dramatische Szenario, das mir gänzlich unspektakulär während einer Bahnfahrt in den Sinn kam. Nach einigen Wochen enger Zusammenarbeit war dann dieses neue Genre „Schrammeloperette“ in die Welt geworfen.

 

Worum geht es darin?

Ahorner:Die „Schrammeloperette“ erzählt davon, wie infolge einer Volksabstimmung ein Gesetz erlassen wird, dass sämtliche Wiener ins Waldviertel, sämtliche Waldviertler für einen Sommer nach Wien zwingt. Die Wiener werden am Truppenübungsplatz Allentsteig geparkt, die Waldviertler in den Bezirken Simmering und Favoriten. Daraus ergeben sich brisante Szenarien.

 

Was passiert, wenn der Wiener von seinen normalen Verhältnissen abgeschnitten ist?

Pöschl: Das ist individuell verschieden. Ich hab einmal ein Paar in Griechenland belauscht, wo er meinte: „Do is jo ollas sehr sche, aber i gfrei mi scho so auf Wien. Waun i daun wieda in der Fruah den Hahn aufdreh, und daun kummt's so eiskoid ausse, des Hochquellenwossa...“ So hat jeder seine Vorstellungen, was für Wien für ihn ausmacht.

Ahorner: Der Wiener hat auch in widrigsten Umständen ein Talent dafür, sich zu adaptieren, nach dem Motto „Wenn das so ist, dann hab ich mein Schicksal justament gern“.

 

Aber beim Allerwidrigsten, dem Tod, tut er sich schon ein bisserl schwer, oder?

Ahorner: In meinem Gedicht „Dod und Dodal“ hat der Tod sogar einen Sohn, weil in Wien die Arbeit für ihn so anstrengend ist. Wegen ihrer großen Angst vor dem Tod versuchen sich die Wiener schon zu Lebzeiten, mit ihm zu verhabern, was für den Tod eine Mehrbelastung darstellt. So verwundert es nicht, dass er eine Sehnsucht nach Ruhestand entwickelt. Der Tod hat's in Wien nicht leicht. Ein gutes Beispiel dafür ist das Begräbnis des unglücklichen Dichters Konrad Bayer. Dabei hat doch tatsächlich einer in die Grube gerufen: Kumm aussa, du Orschloch!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2009)

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