Der „Reigen“ in Zeiten des Life Balls

Im Werk X wird Schnitzlers Drama von Yosi Wanunu schräg inszeniert – und trifft die Sache doch genau.

Reigen
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(c) Chloe Potter

Gleich zweimal kommen ein jeder und eine jede dran in Arthur Schnitzlers Komödie, der seit ihrem Erscheinen 1900 und besonders nach der Berliner Uraufführung 1920 das Skandalöse anhaftet. Der „Reigen“ zeigt die Anbahnung des Geschlechtsverkehrs. Im Zyklus von zehn Dialogen der Verführung werden die Damen und Herren, die Mädel und Buben sozusagen, reihum weitergereicht, bis man wieder beim Anfang, bei der Dirne, landet. Der Sex an sich bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen.

Reizvoll hat Yosi Wanunu im Werk X den „Reigen“ aktualisiert. Seine Inszenierung ist erstklassig, wie sich bei der Premiere am Donnerstag in Meidling erwies. Er verwendet zwar nur Fragmente des Originaltextes und fügt Zeitgemäßes hinzu, bewahrt aber die Atmosphäre. In eineinhalb Stunden tanzt hier paarweise ein Reigen vorbei, der jedem Life Ball zur Ehre gereichte. Mit der Definition der Geschlechter nimmt man es nicht so genau.

 

„Ich seh' in dein Gesicht . . . “

Munter multikulturell mischen sich Transen, Lesben, Schwule, Heteros, das Weibliche ist leicht dominant. Was bei Schnitzler ausgespart wird, der Vollzug, deuten die Schauspieler hier meist humorvoll und originell an. Selten wird's „voll porno“. Wenn sie nicht auf dem mit Glühbirnen gerahmten, mit kargen Sitz- und Liegegelegenheiten versehenen schwarzen Podest in der Mitte der Bühne beschäftigt sind oder die Zuschauer in einer Reihe stehend konfrontieren, richten sich die zehn Darsteller an Garderoben links und rechts neu her. Von dort aus geben sie nach ihren Auftritten, Intimes preis – die eigene Einstellung zum Eros im Speziellen, zum Leben im Allgemeinen.

Das wirkt meist locker. Zur Entspannung trägt auch die Musik bei (Oliver Stotz, Sabine Marte), etwa ein Walzer von Oscar Straus zu Beginn oder der Countrysong „Rose Garden“ von Joe South mittendrin. Diese Truppe hat den Rhythmus drauf. Etwas herausragend: die Kunstfiguren Lucy McEvil, Denice Bourbon und Nora Safranek. Am Ende aber sind alle vereint in einem beinahe romantischen Lied, dessen Text allerdings eine zweideutige Erkenntnis bringt: „Ich seh' in dein Gesicht – und erkenne es (nicht) . . .“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2016)

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