Odeon-Theater: Anna Achmatowas Albtraumspiel

Bei der Uraufführung von " . . . am Abend der Avantgarde" zeigt das Serapions-Ensemble seine fantastische Bildkraft in einem hoch poetischen Nachtstück.

(c) Harald A. Jahn / www.viennaslide.com

Es weht ein scharfer Wind in Sankt Petersburg am Vorabend des Ersten Weltkriegs: Das Publikum im Odeon-Theater hört bei der Uraufführung von „ . . . am Abend der Avantgarde“, das dem späten, postumen Werk der großen russischen Dichterin Anna Achmatowa gewidmet ist, einen Sturm aufkommen. Im Zentrum der dunklen Bühne sieht man ein verwirrendes Bild, wie von der damaligen Avantgarde gemalt, aus ihm treten Masken hervor. Werden die riesigen Kulissen bewegt und umgedreht, sind es Spiegel – so ausgerichtet, dass ein Ballsaal entsteht. Wir befinden uns Ende 1913 in der russischen Hauptstadt. Ein Unwetter kündigt sich an, aber vorerst tobt es im Kopf der Dichterin. Ein Fest zu Silvester wird zum Totentanz. Männer, Geliebte, erschießen sich, alle stieben auseinander.

 

Böse Masken, gesichtslose Propheten

Die Eingangsszene wirkt romantisch, dieser Stil kommt für mehr als zwei Stunden immer wieder auf: Bald hat die Protagonistin (Ivana Rauchmann) zwei Doppelgängerinnen: Sandra Rato da Trindade und Ana Grigalashvili, die zuweilen als alte Frau mit herrlichem Pathos Verse auf Russisch spricht. Man sieht in verschiedenen Gestalten auch eine Prophetin, die Angst vor Verhüllung hat. Später wird die von der Dichterin geschaffene Dichterin im Fieber von einem Gesichtslosen, dessen Voraussagen wahr werden, träumen – wie sie selbst in den Vierzigerjahren in Taschkent. Hat Achmatowa ihr erstes Dramenfragment von „Enuma elisch“ deshalb verbrannt?

Sie hat es am Ende neu geschaffen und auch seine Zerstörung thematisiert. Die Inszenierung des Serapions-Ensembles (Leitung: Erwin Piplits und Mario Mattiazzo) hat diesen Text durch das ebenfalls postum erschienene „Poem ohne Held“ angereichert. Das Ensemble bereitet einen märchenhaften, großartigen Abend, der zwar ähnlich verwirrend ist wie die Textgeschichte, vielleicht auch ein wenig zu lang für so viel Hermetik, der aber stets bezaubert, auch in komischen Zwischenspielen von Piplits, die das Hohe und Hehre ironisch relativieren.

Im Zentrum des Stücks steht die Verurteilung der Protagonistin durch ein stalinistisches Tribunal, dem gnadenlose Kollegen angehören: Schreibverbot, Abtransport in die Fremde, die tragische Geschichte einer Dichterin, die Fragmente ihrer Arbeit zerstört, die auch für viele Jahre zum Schweigen gebracht wurde. Doch ihr Werk hat überlebt: „Enuma elisch“ lautet der Anfang eines altbabylonischen Schöpfungsmythos, Achmatowa hat das eigenwillig als „die da oben“ übersetzt und meint damit wohl die Nomenklatura, die das eigene Volk verfolgte. Eine beklemmende Szene zeigt Menschen in der Eisenbahn, wohl auf dem Weg in ein Lager.

Der Abend lebt von großartiger, in fantastische Bilder gekleideter Poesie, die lange nachwirkt im Kopf. Es ist ein Nachtstück geworden, ganz nah am Wahn, mit stolzen Frauen, deren Isolation ins Herz trifft.

Die Uraufführung von „...am Abend der Avantgarde“ im Odeon-Theater (Wien 2, Taborstraße 10) verwendet zwei späte Texte von Anna Achmatowa (1889–1966): das Dramenfragment „Enuma elisch“ (1989) sowie im Prolog und Epilog Teile aus „Poem ohne Held“ (1967) in der Übertragung von Alexander Nitzberg.

 

Termine: 12.–16., 19.–22., 26.–28. April; 3.–7. Mai.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2016)

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