Vestibül: Die Kneipe als Kampfplatz

„Die hockenden“ von Miroslava Svolikova ist ein eher epigonales Stück. Alia Luque hat interessant inszeniert.

Branko Samarovski, Tino Hillebrand, Laurence Rupp (v. l. n. r.) als namenlose und böse Dorfschönheiten.
Branko Samarovski, Tino Hillebrand, Laurence Rupp (v. l. n. r.) als namenlose und böse Dorfschönheiten.
Branko Samarovski, Tino Hillebrand, Laurence Rupp (v. l. n. r.) als namenlose und böse Dorfschönheiten. – (c) APA/GEORG HOCHMUTH

Jederzeit würde ich den Ort anzünden.“ In Miroslava Svolikovas Stück „die hockenden“ ist alles kleingeschrieben, kleine Leute sind auch die Akteure.

Das Dorf fasziniert die Dichter, Gert Jonke hat es in seinem „Geometrischen Heimatroman“ vermessen, Peter Handke tut immer neue Enklaven in unberührter Natur auf. Thomas Bernhard hat es wütend durchschritten – und Elfriede Jelinek die „Kinder der Toten“ ausgegraben. Man könnte sagen, das Dorf ist fürs Erste abgegrast, auch sprachlich.

Svolikova stammt aus der Slowakei, die mit ihrer idyllischen Natur im immer mehr zugehüttelten Europa wirbt, aber auch eine starke Neonazi-Partei mit „Führer“ hat. Svolikova, bildende Künstlerin und Schriftstellerin, wuchs in Wien auf. Das Wirtshaus, ein Zentrum ihres Stückes, das Mittwochabend im Burgtheater-Vestibül uraufgeführt wurde, könnte in Österreich stehen, heißt aber Kneipe, damit sich auch die Nachbarn im Norden auskennen – vielleicht sollte man besser sagen im ehemaligen DDR-Osten, wo Flüchtlingsheime abgefackelt werden. Dass sich die Täter in die Burg verirren, ist allerdings eher unwahrscheinlich.

Ein ewiger Hitler-Junge mit kurzen Hosen (Marcus Kiepe) marschiert mit seinem Rollator zackig im Gleichschritt mit sich selbst. Er salutiert, fällt um, rafft sich wieder auf. Alia Luque hat inszeniert und ein kleines Meisterwerk aus Svolikovas schematischen Figuren geschaffen. Der noch jugendliche Kiepe mit seiner Choreografie eines zum Äußersten entschlossenen Mannes, der immer wieder von der Schwäche seines Körpers überwältigt wird, in Zeitlupe stürzt und wie ein Maikäfer auf dem Rücken liegend strampelt, ist eine grandiose Komposition.

Zwei kleine Trachtträger (Tino Hillebrand, Laurence Rupp), die sich zum Verwechseln ähnlich sehen, wiewohl sie Mann und Frau sind, sitzen im Rollstuhl und beobachten mit beredten Mienen, was zwischen Mulde und Dorfstraße geschieht. Die beiden sind ständig in Erwartung, dass sich endlich etwas tut, in dem Ort, aus dem es kein Entkommen gibt und in dem sogar der Bus nur im Kreis herumfährt. Branko Samarovski im Dirndl sitzt ebenfalls in einem Hightechrollstuhl, er ist der abgeklärte, auch zynische Kommentator der Geschehnisse bzw. dessen, was nicht geschieht, weil alles vorgegeben ist – im Dorf: „das leben rudert an einem vorbei / winkt und lacht“, „nichts weiß man / im grunde genommen / über sich selbst“.

 

Sprachmasken wie bei Elias Canetti

Die Radikalisierung der Gesellschaft beginnt im Dorf, scheint das Stück zu signalisieren, da, wo rechte Politiker den Stammtisch zum „gesunden Volksempfinden“ – wie es die Nationalsozialisten genannt haben – animieren. Aber solche Erscheinungen gibt es auch in der Großstadt. Gleichviel, das Drama, das wie bei Elias Canetti Menschen keine Namen gibt, sondern sie durch Sprachmasken kennzeichnet, hat poetische Passagen, ist aber insgesamt nicht wirklich originell. Von der Regisseurin und dem Bühnenbildner (Christoph Rufer) hoffen wir bald mehr zu sehen. Die Schauspieler sind mit ansteckender Lust bei der Sache. Starker Applaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2016)

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