"Ich will die besten Schauspieler"

Regisseurin Deborah Warner kehrt mit Shakespeares "The Tempest" nach Salzburg zurück. Ein Treffen vorab in King's Cross.

Regisseurin Deborah Warner
Regisseurin Deborah Warner
Regisseurin Deborah Warner – Brian Slater

St.-Pancras-Bahnhof, gleich neben King's Cross. Ein Meisterwerk viktorianischer Baukunst, modern überdacht, 25 Millionen Menschen drängen sich hier jedes Jahr durch. Die Front des Gebäudes bildet das St. Pancras Hotel, ein riesiges, rotes, neogotisches Backsteinungetüm. Dessen Caf hat Deborah Warner als Treffpunkt für das Interview vorgeschlagen. Sie kommt, in flachen Schuhen und hellem Trenchcoat, den Schal lässig um den Hals geschlagen, sie sieht blond und jung aus nie würde man denken, dass sie 56 ist und lädt zunächst zu einer Führung durch das Hotel. Ihr Hotel.

"Ich habe ein bisschen das Gefühl, als würde es mir gehören", sagt die Regisseurin. Das Gefühl stammt aus den frühen Neunzigern, als Deborah Warner hier das "St. Pancras Project" inszenierte. Zuvor war das düstere Hotel seit Jahrzehnten leer gestanden, die Zeiten hatten es überholt es hatte keine Badezimmer und wurde 1935 nicht renoviert, sondern geschlossen. "Dieses Haus", sagt Warner, während sie auf einen majestätischen Treppenaufgang zusteuert, "war voller Geister." Zuvor hatte man die Regisseurin noch gewarnt: Sie dürfe nur zwei der fünf Stockwerke betreten. "Natürlich wollte ich nichts anderes, als auch in den dritten und vierten zu gehen." Erst wollte sie "The Lady of Shalott" von Alfred Tennyson inszenieren, "aber dann hatte ich die Idee, dass die Leute das gleiche Erlebnis haben sollten wie ich allein durch dieses Haus zu gehen".

Es waren die Anfänge des sogenannten Site-specific Theatre: Warner sollte sich noch oft auf die Suche nach Orten machen, die nicht nur kein Theater sind, sondern eine eigene Geschichte erzählen. Für ihr zuerst in London entstandenes "Angel Project" ließ sie die Menschen am Ende an 13 verschiedene Orte in Manhattan wandern, vom Hudson River durch die Grand Central Station bis ganz hinauf auf das Chrysler Building. "Es wurde eine spirituelle Meditation darüber, wie wir in der Stadt leben und uns zwischen den Lebenden und den Toten bewegen." Aber das, sagt Warner, sei nicht die Art von Theater, die sie in Salzburg vor habe.

Der vierte Sturm. In Salzburg wird Warner Shakespeare inszenieren. "Der Sturm" wird ihr vierter sein, erzählt sie nach der Hotelführung. Ihren ersten inszenierte sie 1983, da war sie 23, und es war nicht nur ihr erster "Sturm", sondern auch ihr erster Shakes peare. Kurz zuvor war sie von der Theaterschule gekommen und hatte mit 21 ihre eigene Kompanie gegründet. "Weil es keine Kurse gab, anders konnte man Regieführen nicht lernen." The Kick Theatre Company hieß ihre Truppe, wie in "kicken" oder "treten", "weil ich aktiv und energiegeladen gegen das Establishment war". Rückblickend, sagt Warner, sei sie ein Produkt des Thatcherism. "Damals", erklärt sie, "begann man bei der Kunst und den regionalen Theatern zu sparen." Zuvor hatten sich Schauspieler dort ausprobieren können, ehe man sie an die Royal Shakespeare Company holte. "Das war auf einmal nicht mehr möglich, plötzlich war ich für 30-, 40-jährige Schauspieler die einzige Chance, Shakespeare zu spielen." Woher sie den Mut nahm? "Das Gute am Jungsein ist, dass man nicht weiß, wie schwierig so etwas ist."

Sturm Nummer zwei inszenierte sie wenig später in Manchester, den dritten 1987 in Bangladesch, eingeladen vom British Council, das ihre Arbeit unterstützte. Auch da sei sie noch immer viel zu jung dafür gewesen "ridiculous!". Immerhin, heute ist ihr Gastspiel in Bangladesch für Anekdoten gut. Die Theatergruppe, mit der sie arbeiten sollte, hatte zuvor "Macbeth" gespielt, das Stück sollte im Fernsehen übertragen werden und wurde in letzter Minute abgesagt. Präsident Ershad war damals noch an der Macht, "und er und seine Frau waren als Macbeth und Lady Macbeth bekannt". Dass Shakespeare zensiert wird, "das hätte man sonst nirgends auf der Welt erlebt". Die wahre Herausforderung war aber eine andere. Die Truppe weigerte sich, den "Sturm" zu spielen. "Sie wollten, "Julius Caesar", sie sahen darin ihre Geschichte. Der "Sturm", sagten sie, sei dumm, ein Märchen für Kinder." Nie sonst, sagt Warner, habe sie ein Stück so verteidigen müssen. Noch im selben Jahr wurde die nonkonformistische, als Quäkerin erzogene Rebellin selbst Teil des Establishments. "Strampelnd und schreiend" zwar, aber sie sagte Ja, als sie von der Royal Shakespeare Company ge fragt wurde, ob sie "Titus Andronicus" inszenieren wolle. "So wurde ich Teil des Mainstreams, und es hat wohl mein Leben verändert. Oder zumindest meinen Kontostand."

Allerdings: Ziemlich genau zu jener Zeit hätten auch an den großen englischen Theatern die Probleme begonnen. "Eine Besetzung auf höchstem Niveau über alle Rollen hinweg zusammenzustellen, das ist seither zunehmend schwierig geworden." Das sei auch der Grund, warum sie heute beinahe mehr Oper als Theater inszeniere. "Dort steht es außer Frage, dass die ganze Besetzung exzellent ist." Es sei frustrierend, im Theater eine Schauspielerin wie Fiona Shaw, mit der sie seit mehr als 25 Jahren eine außergewöhnliche, symbiotische Beziehung pflegt, mit Kollegen arbeiten zu lassen, "die mehrere Kategorien darunter spielen". Damit das nicht passiere, müsse man "wie eine Verrückte arbeiten".

Gestrandete Wale. Als sie etwa 2005 für das Barbican Theatre "Julius Caesar" inszenieren sollte, handelte sie sich acht Wochen Zeit für das Casting aus. Am Ende hatte sie Namen wie Ralph Fiennes an Bord und dafür mit 35 Schauspielern je rund vier Stunden gesprochen, um sie zu überzeugen. Natürlich habe sie Verständnis. "Wenn man 40 ist und Kinder hat, kann man nicht das ganze Jahr über vom Theater leben. Dann nimmt man eben den Fernseh- oder Filmjob außer, man bekommt die Rolle des Hamlet angeboten." Eine durch und durch hochklassige Besetzung erfordere daher "eine Menge Überredung, und das sollte man nicht ständig tun. Der eigenen Gesundheit zuliebe und weil es ein Event sein sollte. Und man kann sagen, dass es das ist, was ich mit dem Stück in Salzburg vor habe."

Lange Zeit stand im Programm der Salzburger Festspiele zur Besetzung im "Sturm" nur Hans-Michael Rehberg als Prospero "und viele andere". Man sei in Bezug auf die Besetzung "sehr ehrgeizig". Rehberg stamme aus dem "goldenen Zeitalter des deutschsprachigen Theaters. Er muss von Ebenbürtigen umgeben sein, auch wenn sie zum Teil viel jünger sein müssen." Mit Rehberg hat Warner schon vor mehr als 20 Jahren zusammengearbeitet, 1993, als der damalige Schauspielschef Peter Stein sie für "Coriolan" mit Bruno Ganz erstmals nach Salzburg geholt hatte. Rehberg, sagt sie, habe damals alles geändert. "Ich war jung, und wahrscheinlich gibt es einen Unterschied in der Art, wie englische und deutsche Regisseure arbeiten. Sicherlich war es ein Unterschied, wie Peter und ich arbeiteten. Tatsache ist, wir hatten ein Problem." Sie sei gewohnt gewesen, Schauspieler den Weg weisen zu lassen, schildert Warner. "Und da stand ich mit einer Gruppe brillanter Schauspieler, die gewohnt waren, dass der Regisseur die Richtung vorgibt." Sie könne sich noch an das Gefühl erinnern, "die Felsenreitschule, 40 Meter breit, diese Giganten des deutschsprachigen Theaters, wie gestrandete Wale. Es war beängstigend."

Und dann war auch noch ein ostdeutscher Schauspieler fern der Heimat unglücklich und wollte nicht mehr mitmachen. "Das Netteste, was Stein je zu mir gesagt hat, war: "Deborah, die Wiedervereinigung Deutschlands ist nicht dein Problem", erinnert sich die 56-Jährige. Der Mann ging und am nächsten Tag stand an seiner Stelle Rehberg vor ihr, der kurz zuvor auch noch ihre höchst erfolgreiche "Electra" in Paris gesehen hatte und vor seinen Kollegen davon schwärmte. "Ab da", sagt Warner, "war die Atmosphäre anders. Rehberg hat verstanden, was ich anzubieten hatte."

A Brave New World. Drei Jahre später inszenierte sie auf der Perner insel "Richard II.". Und nun also "The Tempest", Shakespeares mutmaßlich letztes Stück. "Ich glaube, dass er hier seine besten Verse geschrieben hat, über das Theatermachen selbst. Es ist beinahe ein Liebesbrief an das Theater, ein Abschiedsbrief an seine Kunst." Gut möglich, dass Warner für Prospero, den alten Zauberer, auf der Pernerinsel ein chemisches Labor errichtet, eine Halbwelt der Transformationen, "wo aus der einen Sache eine andere entsteht". Und am Ende vielleicht eine schöne neue Welt, a brave new world, wie Shakespeare sie nennt? Letztlich, sagt Warner, gehe es im "Sturm", wie auch in den beiden anderen seiner problem plays, die weder Tragödie noch Komödie sein wollen, um Vergebung. Und dabei denke sie derzeit an Griechenland, eine enge Freundin stammt von dort. "Der ökonomische Schmerz der Griechen ist unglaublich, und dann stranden da in ihrem schlimmsten Moment die Flüchtlinge auf Lesbos und den anderen Inseln, und mit dem wenigen, das die Griechen haben, helfen sie. Vielleicht ist das auf eine seltsame Art die schöne neue Welt: Wenn aus dem Schrecken Mitgefühl entsteht. Darum geht es im ,Sturm : Am Ende zum Profunden durchzudringen. Aber, glaubt Warner, noch ist es nicht so weit. "We are going through the fire, aren t we?"

Tipp

"The Tempest"/"Der Sturm". Deborah Warner inszeniert Shakespeares mutmaßlich letztes Stück auf der Perner insel. Mit: Maximilian Pulst, Hans-Michael Rehberg, Horst Sachtleben, Branko Samarovski, Sara Tamburini, Max Urlacher. Premiere: 2.8. www.salzburgerfestspiele.at

Compliance Hinweis: Die Autorin reiste auf Einladung der Salzburger Festspiele zum Interview nach London. Die "Presse" ist Medienpartner der Salzburger Festspiele.

("Kultur Magazin", 15.04.2016)

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