"Das Auge hört bei der Oper immer mit"

Maren Hofmeister, Intendantin in Sankt Margarethen, über Donizetti, Musiktheater im Freien, die Salzburger Mozartwoche und das Reiten.

Schloss Esterhazy
Schloss Esterhazy
Schloss Esterhazy – Maren Hofmeister

Oper hat eine physische Wirkung. Wenn ein Orchester mit 100 Musikern aufspielt, das erzeugt eine Vibration!", sagt Maren Hofmeister. Seit 2015 ist sie Intendantin der Opernfestspiele von St.Margarethen und programmiert auch die Konzerte im Eisenstädter Schloss Esterh zy. Ferner leitet Hofmeister die Internationale Stiftung Mozarteum und ist ab 2018 für die Mozartwoche in Salzburg verantwortlich. Die 1976 in Braunschweig geborene Musikwissenschaftlerin und Kulturmanagerin, die über einen Headhunter gefunden wurde, spricht über ihre erste Musikleidenschaft, Bruckner, und sie ist überzeugt, dass man auch mit einem guten Charakter Erfolg haben kann: "Ich versuche mit selbst treu zu bleiben. Man soll auch einmal Nein sagen."

Sie sind seit 2015 Intendantin der Opernfestspiele im Steinbruch von St.Margarethen. Gespielt wird heuer Donizettis "Liebestrank". Können Sie für Laien kurz erzählen, worum es geht?

Wir haben die Oper in die 1950er- und 1960er-Jahre verlegt. Die Plattform der Illusionen und der Träume ist der Wurlitzer, das wird auch das Bühnenbild sein, das ja immer in Margarethen besonders markant ist. Die Oper spielt in einer ländlichen Gegend, auf einem Marktplatz. Ein junger Mann liebt ein schönes junges Mädchen, sie beachtet ihn aber nicht, sondern flirtet mit einem anderen. Jetzt denkt der junge Mann nach: "Wie kann ich die Aufmerksamkeit der Dame auf mich lenken?" Er greift zum Mittel des Liebestranks, das ist einfach eine Flasche Rotwein. Der Wein beflügelt ihn, sodass er den Mut hat, auf das Mädchen zuzugehen.

Flirtet es sich angeheitert leichter? Was beflügelt Sie?
Natürlich Musik!

Wie hat das mit Ihrer Liebe zur Musik begonnen?
Wir hatten daheim einen Plattenschrank mit der klassischen Auswahl: neun Betthoven-Symphonien, dirigiert von Karajan und so weiter. Ich habe Querflöte gespielt und hatte das Glück, dass einer meiner Lehrer Flötist im Orchester des Staatstheaters von Braunschweig war. Er hat mich in die Oper mitgenommen, hat mir gesagt: "Hör dir dieses Konzert an." Er hat mich auch mit CDs versorgt.

War Beethoven die Initialzündung?
Nein, Bruckner. Und die erste Oper, in die ich mich verliebt habe, war "Die Frau ohne Schatten" von Richard Strauss.

Schwerer Stoff.
Ich finde diese Geschichte sehr einfach. Es ist eine Parabel über die Humanität. Die Kaiserin wird dann Mensch, wenn Sie sagt, sie habe Mitleid mit der Färberin, und sie kann deren Schatten nicht annehmen. Das fand ich faszinierend, und es hat mich mit 16 Jahren sehr beschäftigt.

Wollten Sie nie selbst auf der Bühne stehen?
Nein. Ich hab Musikwissenschaften und im Nebenfach Gesang studiert. Gesungen habe ich immer nur privat, außer als Kind im Chor. Ich habe auch noch Kommunikationswissenschaften studiert und im Grundstudium Betriebswirtschaftslehre.

Die Ablöse des früheren Margarethen-Intendanten Wolfgang Werner verlief rüde und plötzlich. Außerdem gibt es einen Besucherrückgang von 180.000 auf 100.000. Ebenso ist es bei den Operettenfestspielen im nahen Mörbisch. Könnte es sein, dass es einfach zu viele Plätze bei den zwei burgenländischen Sommerfestvals gibt, die ja die letzten Jahrzehnte ihre Kapazitäten stark ausgeweitet haben?
Ich kann darüber nicht viel sagen. Für mich war der Anfang hier wunderbar einfach. Alle haben nach vorn geschaut und gesagt: "Wir lassen die Vergangenheit hinter uns und schauen, wie es weitergeht." Ich finde es wahnsinnig beeindruckend, dass hier am Abend 10.000 Menschen ins Burgenland kommen. Alles funktioniert, auch die Regelung des Autoverkehrs.

Naja. Es gibt viel Stau. Sollen Sie mehr Besucher anlocken?
Die 180.000 Besucher liegen schon länger in der Vergangenheit zurück. Wir wollen eine höhere Auslastung erreichen, das ist ja ganz klar. Fürs Erste machen wir weniger Vorstellungen, es sollen aber wieder mehr werden.
Die letzten Jahre gab es in St.Margarethen eher tragische Opern wie "Carmen" und "Tosca". Steigt man mit dem "Liebestrank" in das heitere Fach ein, um wieder mehr Besucher zu gewinnen? Ich suche die Opern nicht danach aus, ob sie lustig oder traurig sind, sondern ob sie zu diesem Ort passen. Dieses Jahr sind wir auf der Ruffini-Bühne, weil auf der Großen Bühne die Passionsspiele stattfinden, welche von der Gemeinde Margarethen alle fünf Jahre veranstaltet werden. "Der Liebestrank" ist ideal für die ländliche Umgebung. Die Weinberge gehören zum Stück.

Die letzten Jahre hat in Margarethen Robert Dornhelm inszeniert. Heuer führt Philipp Himmelmann Regie beim "Liebestrank". Ist Dornhelm für Margarethen zu teuer geworden?
Philipp Himmelmann hat viel Erfahrung, er hat im Theater an der Wien "Die Fledermaus" inszeniert und auf der Seebühne in Bregenz "Tosca." Wir haben uns überlegt: "Wer kann den ,Liebestrank ideal umsetzen?" Und wir haben Himmelmann ausgewählt, weil er mit den Dimensionen der Freilichtbühne von St. Margarethen umgehen kann.

Manche Opernfreunde können keine Freilichtveranstaltungen leiden.
Das Tolle an Freilichtveranstaltungen ist das Gesamterlebnis. Natürlich ist es ein Unterschied, ein Opernhaus hat eine andere Akustik. Ich kann mehr Nuancen hören und ob die Stimme beim hohen C rein intoniert. Ich finde toll, dass es beides gibt, und ich freue mich immer, wenn die Leute zu mir kommen und sagen, jetzt könnten sie dann einmal in die Staatsoper gehen. Da fragen sie dann als Erstes: "Was soll ich anziehen?" Diese Hemmschwelle gibt es im Sommer im Steinbruch nicht, da kann man in Jeans kommen oder im Anzug, wie man will.

Die Hemmschwelle kann so groß nicht sein, sonst wäre die Staatsoper nicht mehr oder minder seit Jahrzehnten zu 90 bis 100 Prozent ausgelastet.
Das ist eben typisch für Wien, Österreich, wo dieses große Angebot angenommen wird, und das finde ich wunderbar. In Margarethen spielt die Atmosphäre mit und die Grundstimmung. Das Auge hört immer mit, die spritzigste Musik kommt in einem dunklen Saal nicht zur Geltung.

Sie sind auch für das Kulturprogramm im Schloss Esterhazy zuständig. Was haben Sie da vor?
Wir werden heuer "Die Schneekönigin" wieder aufnehmen, die im Vorjahr unter der Patronanz von Anna Netrebko stattgefunden hat. Das ist eine wunderschöne Produktion und eine spannende, geheimnisvolle Geschichte. Es ist für uns besonders wichtig, für Kinder Oper erlebbar zu machen. Die Konzertsaison dauert von April bis November. Heuer hat Rudolf Buchbinder die Saison eröffnet.

Gibt es da keine Berührungsängste? Buchbinder ist Festival-chef in Grafenegg, das ist doch mit vielen Stars eine große Konkurrenz für alle Musikveranstaltungen im Sommer, oder?
Grafenegg ist ja ein reines Konzertfestival, natürlich mit vielen großen Orchestern, die dort zu Gast sind. Ich mache hier die Konzertprogramme gemeinsam mit Andreas Richter. Er ist für die Klassik zuständig. Wir schauen, dass wir im Quartett-Bereich immer neue Formationen vorstellen: Das Kronos-Quartett gibt im Sommer auch einen Workshop. Unser Residenzquartett ist heuer das ganz junge Quartett van-Kuijk.

Sie haben oft Job gewechselt, unter anderem waren Sie im Künstlerischen Betriebsbüro der Ruhrtriennale und von 2008 bis 2010 Mitarbeiterin des Salzburger-Festspiele-Intendanten Jürgen Flimm. Wie gehen die beruflichen Verpflichtungen mit Freunden und Familie zusammen?
Die letzten fünf Jahre war ich in Berlin. Es geht ganz gut, solange der Partner bereit ist, flexibel zu sein. Kinder habe ich keine. Die Zeiten, in denen man ein Leben lang bei einem Unternehmen war, sind vorbei. Salzburg war für mich eine wichtige und ganz besonders wunderbare Zeit, morgens konnte man zum Konzert mit Riccardo Muti gehen, nachmittags eine Inszenierung von
Andrea Breth sehen und abends eine Oper.

Eine weitere Ihrer Funktionen ist die Leitung der Internationalen Stiftung Mozarteum in Salzburg. Ist das nicht etwas viel?
Ich bin vor allem im Sommer im Burgenland. Nach dem "Liebestrank" in Margarethen heuer werde ich voll und ganz in Salzburg leben und arbeiten. Ich habe viele Ideen und Wünsche, die ich dort realisieren will. Ich bin zuständig für die Mozartwoche, die ich ab 2018 programmieren werde. In Salzburg geht es darum, das Werk Mozarts heute erlebbar zu machen, in Konzerten und szenischen Produktionen. Mozart wird nie alt. Seine Opern sind voll mit aktuellen Themen, Fragen der Religion, Frauenfragen, Politik, Werte. Mozart hat für Werte gekämpft, die man heute als selbstverständlich ansieht, die es aber damals noch keineswegs waren.

Was lockt die Leute in die Oper, die manchen total museal vorkommt? Man könnte sagen, die Menschen sind den ganzen Tag mit Reden konfrontiert und bombardiert. Am Abend wollen Sie sich zurücklehnen und einfach Musik hören. Was meinen Sie?
Ein wichtiger Punkt bei der Oper ist das Live-Erlebnis. Man kann heute alles im Internet und auf YouTube anschauen, aber es ist etwas anderes, wenn jemand einige Meter vor einem steht und live singt, nicht aus der Konserve. Das Zweite ist: Die Oper hat eine physische Wirkung, wenn da ein Orchester mit 100 Musikern aufspielt, das erzeugt eine Vibration.

Sie wirken wie ein sehr positiver Mensch. Was machen Sie, wenn Sie sich ärgern?
Leider kriegen das dann schon manchmal irgendwelche Leute ab. In meiner Freizeit gehe ich am liebsten hinaus und zum Pferd. Reiten, die Natur, das begeistert mich sehr.

Frauen haben jetzt oft Spitzenpositionen.
Vor allem in Österreich sind sehr viele Frauen im Kulturbereich Chefinnen. Das finde ich sehr positiv. Diversity wird überall diskutiert. Es gibt genügend Studien, die belegen, dass gemischte Teams wichtig sind.

Was machen Sie außer Reiten, wenn Sie sich entspannen wollen?
Ich liege gemütlich auf dem Sofa und schaue mir englische und amerikanische Serien an: "Six Feet Under", "Downton Abbey", "The Good Wife" oder "House of Cards".

Kann man von "House of Cards" über Kämpfe und Intrigen in der US-Politik für die eigene Karriere profitieren?
Ja, erschreckend! Man sieht, wie es sein kann, und man lernt, wie man es nicht machen will.

Kann man eine tolle Karriere machen, wenn man einen guten Charakter hat?
Ja. Ich versuche, mir selbst treu zu bleiben und muss nicht alles mitmachen. Man sollte auch einmal Nein sagen, und ich achte darauf , dass ich abends noch in den Spiegel schauen kann.

Tipp

Sankt Margarethen. Donizettis "Liebestrank"mit Elena Sancho Pereg, Antonio Poli, dirigiert von Karsten Januschke, 6.7. bis 19.8. www.arenaria.at

("Kultur Magazin", 15.04.2016)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      "Das Auge hört bei der Oper immer mit"

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.