Innsbrucker Festwochen: Musik für die einsame Insel

Haydns "L'isola disabitata" als Kammerspiel der Gefühle. Am Pult steht Alessandro De Marchi, ab Herbst Intendant der Festwochen.

Markus Merz und Raffaela Milanesi
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Markus Merz und Raffaela Milanesi
(c) APA/FESTWOCHEN/R.LARL (FESTWOCHEN/R.LARL)

Und dann reicht's ihm, dem Reh. Viel an sinkender Zuwendung hat es geduldig ertragen, bloß weil da jetzt ein „richtiger“ Mann aufgetaucht ist – aber von diesem Rivalen zuletzt auch noch verprügelt zu werden, und das mit tatkräftiger Billigung des adorierten Fräuleins: Das wird selbst dem willfährigsten Waldbewohner zu viel. Der Rehbock (stets wunderbar präsent: Markus Merz) steigt aus seiner Rolle aus, geht beleidigt ab.

Das zahme Tier, es wird tatsächlich schon in Metastasios Libretto erwähnt. In Innsbruck steigt es zur durchgehenden stummen Rolle auf – und mutiert dabei vom willkommenen heiteren Kontrapunkt zum überflüssigen fünften Rad am Beziehungswagen.

Ein Schwesternpaar steht im Mittelpunkt dieser Opern-Robinsonade, die Joseph Haydn 1779 als „Azione teatrale“ für Eszterháza komponiert hat und die nun als Eröffnungsproduktion der Innsbrucker Festwochen im Tiroler Landestheater große Begeisterung erregte. Auf ihrer Hochzeitsreise vor dreizehn Jahren waren Costanza und Gernando, begleitet von Costanzas damals noch sehr junger kleiner Schwester Silvia, auf einer einsamen Insel gestrandet. Bei der Erkundung des Eilands wurde Gernando von Piraten verschleppt – doch Costanza weiß nichts davon und lebt seither in dem Glauben, sie sei schnöde verlassen worden.

Harnoncourt bezeichnete diese Semiseria jüngst als uninszenierbar, weil es keine eigentliche Handlung gäbe: Christoph von Bernuth (Regie) und Oliver Helf (Ausstattung) haben die Herausforderung angenommen: Als Prolog zum selben Thema stellen sie dem einfühlsamen, abwechslungsreichen und doch homogenen Abend Haydns Kantate „Arianna a Naxos“ voran.

 

Meeresplätschern vom Tonband

Eine keinen Ausgang bietende Rückwand, davor ein Grabstein und der leblose Körper eines Mannes, eine ihrer Gefühlswelt ausgelieferte Frau: In dieser Szenerie hätte man auch Schönbergs „Erwartung“ spielen können. Was das Bühnenbild optisch verweigert, da es als riesige Fels- oder Metallmauer den düsteren seelischen Innenraum der Costanza darzustellen sucht, kommt zu Beginn vom Tonband: das sanfte Plätschern des Meeres. Beide Schwestern sind auf Ersatzhandlungen zurückgeworfen: Die ältere, seriöse Figur hantiert beständig mit einer Gernando-Puppe – ein lebloser Gefährte, aber als Liebes- und Hassobjekt à la Voodoo ihr ständiges, unverzichtbares Gegenüber.

Die jüngere, leichtherzige Silvia hingegen projiziert ihr erwachendes sexuelles Begehren zunächst auf ein Tier, das Reh, klug und anschmiegsam wie Lassie. Doch Gerardo kehrt mittels Flugapparaten zurück: Während sich Silvia schnell mit dessen Begleiter Enrico tröstet, bleibt zuletzt offen, ob Costanza sich neu in die Beziehung zum echten Gernando einfügen kann.

Am Pult steht Alessandro De Marchi, ab Herbst Intendant der Festwochen. Mit Biegsamkeit zeichnet er mit seiner Academia Montis Regalis Haydns komplexe, modern-individuelle Partitur nach: Secco-Rezitative fehlen ganz, stattdessen verbinden große Accompagnati die Arien, während das Finale eine Sinfonia concertante mit (in der Premiere fast zu) virtuosen Partien für Violine, Cello, Flöte, Fagott darstellt. De Marchi weiß das alles bruchlos-expressiv zu verbinden: eine feinsinnige Lesart. Stella Doufexis steht als nobel verbitterte Costanza unangefochten an der Spitze des Ensembles, gefolgt von Raffaella Milanesi (quirlige Silvia mit allerdings nicht ganz sauber gebildeter Höhe), während Jeffrey Francis dem Gernando stimmlich und darstellerisch die Züge eines Gebrochenen verleiht. Enttäuschend nur Furio Zanasis vokal schwacher Enrico.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2009)

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