Akademietheater: Ein böses Märchen aus der Küche

Roland Schimmelpfennig übt mit leichter Hand harte Kritik an der Gesellschaft: die Uraufführung von „Der goldene Drache“ wurde zu Recht bejubelt.

(c) APA (Herbert Pfarrhofer)

Der Schmerz ist zum Brüllen komisch. Christiane von Poelnitz winselt und windet sich. Sie gibt einen Asiaten, einen Illegalen, der in der Küche eines Chinarestaurants ausgebeutet wird und nun stirbt vor Zahnweh. Das Publikum bei der Uraufführung von „Der goldene Drache“ war am Samstag entzückt, mehrmals gar; in raschen Szenen in einer imaginären Küche und in Wohnungen darüber wird die Freud am Leid wiederholt, bis der schlimme Zahn von Johann Adam Oest als Asia-Koch unter Zuhilfenahme einer roten Rohrzange und mit reichlich Schnaps als Sedativum herausgerissen wird. Das Blut spritzt, Falk Rockstroh, auch so ein armer Küchengehilfe, ist jetzt ganz blutig im Gesicht und am weißen T-Shirt. Lustig.

 

Die Blutopfer des Systems

Roland Schimmelpfennig, Autor und Regisseur dieses eineinhalbstündigen Stücks, hat aber keine seichte Komödie geschrieben, selbst wenn das Tempo, der skurrile Ton, die Pointen reinen Slapstick suggerieren. Dieser Drache ist ein ganz böser. Im Märchen von der Ungerechtigkeit bleibt einem das Lachen stecken, kalt wird es bei den Blutopfern, die das System fordert.

Worum geht es in diesen Mikrodramen, die dennoch magisch zur Einheit werden? Am besten ist das in der Fabel ausgedrückt, die immer wieder eingestreut wird: Barbara Petritsch ist die fleißige Ameise, Philipp Hauß die kapriziöse Grille, die im Winter um Essen bettelt. Gnadenlos wird das nutzlose Insekt behandelt. Eine Kindergeschichte: Wie heiter sieht das aus, wenn Hauß erst einen Opa, dann die Grille im Negligé spielt, während die komische Frau Petritsch, die eben noch die junge Schöne war, zum Kassenbrillenmonster mutiert. „Puuutzn!“, befiehlt sie/er, und er/sie wischt zaghaft, wackelt mit dem Hintern. Was für ein Spaß! Aber aus der Fabel wird Satire über Sklaverei, die Ameise ist bald ein zuhälterischer Schmarotzer, die Grille das Sexopfer.

Von diesen Metamorphosen, wenn Altes jung wird, der Mann zur Frau, Gutes böse, lebt das Stück. Als armer, am gerissenen Zahn verblutender Küchengehilfe ist von Poelnitz ein Bruder der Grille. Es ertönt ein Gong, und im nächsten Moment verwandelt die Darstellerin sich in einen schwerfälligen Typen mittleren Alters, der von seiner Frau betrogen wurde, streift sich ein hässliches Hemd über, geht wie ein Mann, betrinkt sich grölend und wird nach mehreren Szenen zum mörderischen Unhold für das Grillenmädchen, das eben noch ein geiler alter Opa war. Von Poelnitz, Hauß und Oest sind bei diesem ständigen Wechsel zwischen vier bis fünf Rollen und dem Referieren von Regieanweisungen höchst konzentriert, sie beherrschen auch das Timing.

 

Der schwer kariöse Zahn in der Suppe

Schimmelpfennig hat seinen Text fast ohne Schnörkel inszeniert, Bühne und Kostüme (Johannes Schütz) sind simpel: Schwarze Seitenwände, weiße Rückwand, dort befinden sich die Utensilien und die Darsteller, die nicht spielen. Geben Oest und Rockstroh zum Beispiel zwei Stewardessen, die im Chinarestaurant essen, behalten sie ihre blauen Küchenschürzen und weißen T-Shirts an, binden sich nur die für Fluglinien typischen Tücher um und wackeln mit ihren Trolleys im Schlepptau an die Rampe.

Dort spielt dann Rockstroh als Flugbegleiterin Inga mit der Metapher für den Schmerz an dieser Welt. Jetzt hat er seine eindrücklichsten Szenen, ganz ohne Farce. Inga findet in der Thaisuppe den schwer kariösen, blutigen Schneidezahn des kleinen Asiaten. Ihr Verhalten ist seltsam. Sie nimmt das Faule – oh Graus! – noch einmal in den Mund, nimmt es mit in ihre Wohnung und verfällt ins Nachdenken. Schließlich opfert sie den Zahn dem Fluss, der zuvor schon ein Opfer aufgenommen hat, das sich auf die lange Reise nach Hause macht, übers Eismeer bis weit hinauf in Chinas großen Strom. Das sind fantastische Passagen in einem ziemlich starken Stück.

DER MEISTGESPIELTE

Roland Schimmelpfennig, geboren 1967 in Göttingen, ist derzeit der meistgespielte zeitgenössische Dramatiker Deutschlands. Er schreibt auch Hörspiele, Essays, führt Regie. 2002 erhielt er den Nestroy-Theaterpreis.

Termine im Akademietheater: 7., 15., 21., 23., 28. September, jeweils 19.30 Uhr.

Weitere Informationen: www.burgtheater.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2009)

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