„Struwwelpeter“: Da war der Suppenkaspar tot

Bei der Premiere der Junk Opera „Struwwelpeter“ brillierte Birgit Minichmayr als Sängerin: Rock im noblen Haus, es ging aber gesittet pädagogisch zu.

(c) APA (Georg Hochmuth)

Miau mio miau mio“, singt Birgit Minichmayr. In dieser Szene trägt sie ein hübsches Jungmädchenkleid, wie eine traurige Katze jault sie, und das ganze Elend Paulinchens liegt in diesem Gesang. Sie „brannte lichterloh“, singt sie, und das war einer der ganz intensiven Momente bei der Premiere von „Struwwelpeter“ am Mittwoch im Wiener Burgtheater. Es bedarf nicht einmal zusätzlicher Bilder, um diesem frühen Tod einen Trauerrand zu verleihen. Minichmayrs raue, volle Stimme genügt. Sie ist der Mittelpunkt dieser „Junk Opera“ nach Motiven von Heinrich Hoffmann, die Julian Crouch und Martyn Jacques vor nunmehr elf Jahren in der englischen Stadt Leeds zur Uraufführung brachten und die sich seither zum Schlager entwickelt hat. Britisch, böse, punktgenau war das Original.

Gesitteter geht es im noblen Wiener Ambiente zu. Die Burg rockt melodisch unter Direktor Matthias Hartmann, „Struwwelpeter“ (Regie: Stefan Pucher) setzt auf einen Star und Pädagogik. Der Abend dauert so wie der von Hartmann inszenierte „Faust II“ knapp zwei Stunden, man verwendet ebenfalls eine Band, rasch wechselnde Bühneneffekte und Filmclips (Bühne: Stéphane Laimé, Video: Meika Dresenkamp) und ist kurzweiliger als die Goethe-Interpretation. Hartmann hat „Faust II“ zu einem Kinderbuch gemacht, Pucher verwandelt das Kinderbuch „Struwwelpeter“ in ein fröhlich-anarchistisches Gesamtkunstwerk.

 

Der deutsche Mittagstisch

Die bitterbösen Verse des deutschen Arztes Hoffmann, der sie 1844 zur Belehrung und Unterhaltung seines kleinen Sohnes verfasste, erhalten wegen der leichten Verfremdung des Textes durch die britischen Künstler und durch Minichmayrs Interpretation noch einen Schuss Melancholie, bereits beim beschaulich rockigen Beginn mit Lieven Brunkchorst an den Keyboards, Martin Engelbach am Schlagzeug, Uwe Frenzel am Bass und Marco Schmedtje an der Gitarre. Auf dem Videoschirm wird in Kreisbewegung ein verwahrlostes Loft gezeigt. Darin befindet sich (jeder, der das Buch als Kind gelesen hat, erkennt es sofort) der Esstisch der Familie des Suppenkaspars. Der kontrastiert so wie ein biedermeierliches Landschaftsbild mit dem abgewohnten Raum der Gegenwart.

Nun betritt ein Conférencier die Bühne; Jacques Palminger spielt auf einem Kinderxylofon eine einfache Melodie, die Band stimmt mit ein, und schon ist sie da, die Story von den angeblich schlimmen Kindern und den tatsächlich viel böseren Erwachsenen. Petra Morzé und Michael Masula spielen ausgewachsene Prachtexemplare, zwei auf der Couch sitzende Karrieristen, die sich in Werbesprache ergehen, in Kontaktanzeigentexten, ein bisschen Sex haben.

Pardauz, da schlüpft ein Mädchen aus dem Sofa, wird vom Conférencier vorgeführt, heillos überfordert mit Quatsch über Finanzielles. Es darf ein Weihnachtsgedicht aufsagen. Und was sagt die Mutter? „Das war nicht unsere Bestellung.“ Im Video wird inzwischen ein Kind verbal gequält, sogar tätlich angegriffen. Der deutsche Mittagstisch. Auftritt Minichmayr, zierlich, schlank, verrucht. Sie ist der Suppenkaspar und singt über diesen Verweigerer bis zur bitteren Neige: „War er tot, tot, tot, tot, tot, tot.“

 

Der arme Robert – verweht

Blues, Rock, Rap, Punk bietet die Sängerin, wenn sie den bösen Friederich, den Zappelphilipp, die „Böhzen Buben“ oder die köstliche, bizarre Geschichte vom wilden Jäger gibt und dem Amok laufenden Hasen. War dieses Kinderbuch tatsächlich so brutal? Tot sind bald alle Kinder, tot, tot, tot. Pauline – ein Aschenhaufen, nur die Schuhe bleiben über. Der Daumenlutscher – verblutet. Hans Guck in die Luft – eine Wasserleiche. Der arme Naturliebhaber Robert – verweht.

Diese schwarzen Nummern werden ergänzt durch Videoszenen aus Hollywoodklassikern mit bösen Eltern und armen Kinder, wie etwa aus „Die Nacht des Jägers“. Einmal kommt ein ostdeutsches Mädchen zu Wort, das behauptet, ihre Mutter habe sich nie um sie gekümmert. Sie könnte Angela Merkel als Twen sein. Abwechslungsreich sind am Rand auch kurze Zwischenspiele von Morzé (sie wechselt mühelos von Kälte zur Hysterie und wieder zurück) sowie Masula (ein echter Rabenvater) und makabere Auftritte von Kindern, die zum Beispiel einen Grabhügel bauen, altkluge Sprüche von sich geben, mit einer riesigen Schere traktiert und des Öfteren durch ein Loch im Bühnenboden entsorgt werden. Das war nicht unsere Bestellung, wie gesagt.

Zwanglose Übergänge besorgt der geschwätzige Entertainer: „Kinder sind belastbarer, als man denkt.“ Oder sind Kinder doch so sensibel wie Minichmayrs Gesang? Die Burgschauspielerin, die schon einmal einen Ausflug in den Pop machte, als sie mit den Toten Hosen sang, hat eine tolle Stimme, sie zeigt erstaunliche Wandlungsfähigkeit, vor allem in Outfit (Kostüme: Marysol del Castillo) und Frisur. Dieser „Struwwelpeter“ ist unterhaltsam, aber er will uns auch lehren, bessere Erwachsene zu sein.

HARTMANNS BURG-START

Sechs Premieren in sechs Tagen und ein Work in Progress („Needlapb 16“) ließ Burgtheater-Chef Hartmann seit dem „Faust“- Doppelpack am Freitag an der Burg, im Akademietheater und im Kasino aufführen. Der erste Run endete mit „Struwwelpeter“ am Mittwoch (Termine: 15., 17., 25., 30.9.). Zuvor gab es „Der goldene Drache“, „Adam Geist“ und „Life and Times – Episode 1“.

Es folgen im September noch „Immanuel Kant“ (19.9.) und „Amphytrion“ (27.9.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2009)

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