Theater im MuTh: Nestroys „Häuptling Abendwind“ als böses Solo

Justus Neumann brilliert in Variationen auf die Operetten-Faschingsburleske von 1862 – als ein menschenfressender Insulaner, der das Böse in uns aufdeckt. Musikalisch toll begleitet von Julius Schwing.

Justus Neumann, aus Tasmanien auf Wien-Besuch, spielt frei nach Nestroy einen Kannibalen.
Justus Neumann, aus Tasmanien auf Wien-Besuch, spielt frei nach Nestroy einen Kannibalen.
Justus Neumann, aus Tasmanien auf Wien-Besuch, spielt frei nach Nestroy einen Kannibalen. – (c) Wolfgang Kalal

Fast schon am Ende, bevor er nach 80 Minuten kurzweiliger Show stehende Ovationen erhielt, wurde Justus Neumann auf der Bühne des MuTh im Konzertsaal der Wiener Sängerknaben ziemlich sentimental. Johann Nepomuk Nestroys letztes Stück, der Einakter „Häuptling Abendwind“, war in Grundzügen bereits abgehandelt, da sang der Wiener Emigrant (Neumann ist 1987 auf eine Insel Australiens in Tasmanien gezogen) den lokalen Evergreen „Sag beim Abschied leise Servus“. Angeblich ist er für seine Nestroy-Variation, die hier im Untertitel nicht wie einst „Das gräuliche Festmahl“ heißt, sondern „Kaufe Niere – bezahle bar“, nun zum letzten Mal nach Wien gekommen.

Bei der Premiere am Montag zeigte sich das Publikum darob gerührt. Viele der Zuschauer könnten ihn dem Alter nach seit seiner Zeit am Wiener Schauspielhaus in den Siebziger- und von der freien Theatergruppe Narrenkastl in den Achtzigerjahren kennen.

Zu sehen ist ein zur Perfektion gereifter Komödiant, der mit dem Publikum spielt, es auch anspricht, herausfordert, provoziert, ohne plump zu werden. Die simple Handlung der Burleske: Abendwind erwartet Besuch vom ebenfalls kannibalischen Nachbar-Häuptling Biberhahn dem Heftigen. Beide haben vor geraumer Zeit heimlich des anderen Frau gefressen. Nun aber fehlt ein Menschenbraten für das Festmahl zum Staatsbesuch. Wie praktisch, dass Biberhahns Sohn gerade unerkannt aus Europa zurückgekehrt ist. Er hatte in Paris Friseur studiert, Abendwinds Tochter findet den Schiffbrüchigen und verliebt sich in ihn. Aber auf diese Details der Geschichte geht Neumann kaum ein, er forciert und variiert den Sprachwitz Nestroys (den bringt er hervorragend auf die Bühne) und reichert ihn mit aktuellen Stoffen an (die sind etwas weniger pointiert). Erörtert werden unter anderem der Klimawandel und der Horror moderner Nahrungsmittelindustrie, die am Beispiel unschuldiger Ferkel geradezu kannibalisch wirkt. Das Spiel lebt vom Kontrast. Neumann wirkt echt freundlich, aber seine Botschaften können richtig böse sein. Und vulgär, etwa wenn er „Hey Joe“ von Jimi Hendrix verwienert.

 

Killerszene von Karl Kraus

Tiefschwarz wird Neumann bei einer Killer-Szene aus „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus. Er stellt Menschenfressertum bloß, das während der Weltkriege und bis heute noch seine Opfer findet. Die Regie (Hanspeter Horner) verzichtet fast völlig auf Requisiten. Eine überlebensgroße Puppe (von Meisei Koji geschaffen) dient als Kontrahent im großen Showdown der Häuptlinge, die so exotisch wirken, im Wesen aber industriell bis postmodern denken. Kongenial ist die begleitende Musik: Julius Schwing, der Sohn des Hauptdarstellers, spielt die E-Gitarre virtuos, ob er nun eine Hommage an die Sixties gibt, Wienerlieder, Musik von Offenbach oder gar ferne pazifische Klänge variiert. Man erlebte ein kleines Gesamtkunstwerk, das zu Recht bejubelt wurde.

Termine im MuTh: 14./15. sowie 20. bis 22. September

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2016)

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