Peter Rosegger fällt nach rechts – oder links?

Im Schauspielhaus Graz inszenierte Nina Gühlstorff das Schauspiel „Die Neigung des Peter Rosegger“ von Thomas Arzt mit allzu leichter Hand als bloße Farce. Es entstehen trotzdem und trotz guten Ensembles einige Längen.

SCHAUSPIELHAUS GRAZ: ´DIE NEIGUNG DES PETER ROSEGGER´
SCHAUSPIELHAUS GRAZ: ´DIE NEIGUNG DES PETER ROSEGGER´
(c) LUPI SPUMA/SCHAUSPIELHAUS GRAZ (LUPI SPUMA/SCHAUSPIELHAUS GRAZ)

Mitten im Parkett des Grazer Schauspielhauses steht ein kleines Podest, auf dem bronzen ein Rehkitz, ein Buch und ein Koffer liegen. Dort positioniert sich für das Drama „Die Neigung des Peter Rosegger“ in entscheidenden Phasen ein Mann im Anzug, mit Stock und Hut, ebenfalls in Bronzefarben. Der junge Dramatiker Thomas Arzt hat den in seiner Heimat noch immer berühmten steirischen Dichter Rosegger (1843–1918) zum Symbol für politische Verwirrungen der Gegenwart genommen. Parkett und Bühne des Schauspielhauses werden zum Hauptplatz einer steirischen Provinzstadt, auf dem die Statue des Dichters der „Waldheimat“ in Erz steht.

Das Monument wird im Verlauf der dreitägigen Handlung durch Erdstöße erschüttert, sodass dieser Rosegger in gefährliche Schieflage gerät – nach rechts aus seiner Sicht, nach links, wenn man ihn konfrontiert. Seine volkstümliche Dichtung (Zitate von ihm aus Gedichten und Prosa sind immer wieder eingestreut) wird in diesem hinterlistigen Stück auf politische Korrektheit geprüft. Die Rosegger-Gefahr ist mitten unter uns, das Publikum zählt bei dieser Inszenierung von Nina Gühlstorff zur Versammlung der Bürger, wenn sechs Repräsentanten der Stadt Begriffe wie Heimat oder Nationalismus ernsthaft und populistisch bis rassistisch verhandeln; man erlebt direkt, wie hierzulande mit Fremdenfeindlichkeit und verdrängter Vergangenheit umgegangen wird.

 

Waffengewalt für den Nazi-Opa

Die Uraufführung dieses Schauspiels am Donnerstag in Graz bestätigt, dass Thomas Arzt mit heiklen Themen schonungslos, aber unverkrampft umgehen kann, dass er dem Volk sprachgewitzt aufs Maul schaut. Allerdings setzt diese Inszenierung allzu häufig auf Klamauk, der knapp zweieinhalbstündige Abend verliert nach und nach an Biss. Die Regie ergeht sich in Wiederholungen – nicht nur wegen des Prologs, der das Ende vorwegnimmt. Das ist dann eine langatmige Variation, wortreich erklärt sie, was ohnehin längst offensichtlich ist: Das Verdrängte kommt an die Oberfläche, hier in der Form einer Groteske. Der Enkel verteidigt den Nazi-Opa mit der Waffe in der Hand und muss dafür bezahlen, allerdings nur ein bisschen. Man dürfte sich in dieser überschaubaren steirischen Kleinstadt arrangieren. Der Antiheld erhält sogar Applaus von Bürgern mit Hang zur Aggression. Die Groteske wird auch durch skurrile Verballhornungen steirischen Liedguts verstärkt (Johannes Fruhwirt, Lea Geisberger und Marcus Christoph Weberhofer liefern schräge Musik), sowie durch Bühnenbild und Kostüme von Marouscha Levy: Zur abstrakten Stadt kommt ein aberwitzig kitschiges Landschaftsbild samt lebensgroßem Kunststoffhirschen.

 

Heiß ersehntes Weltkulturerbe

Im Mittelpunkt steht der von Florian Köhler mit Feuereifer gespielte Bauunternehmer Paul Wiesinger, für den das Rosegger-Denkmal zum Lebensmittelpunkt geworden ist. Als es sich neigt, als deswegen der Besuch der Unesco zu scheitern droht, die den Hauptplatz samt Rosegger und Kriegerdenkmal auf seine Eignung als Weltkulturerbe prüfen will, rastet Wiesinger völlig aus. Nicht Gesetze, Vernunft oder Liebe bringen ihn zur Räson, sondern ein durch den erzenen Rosegger ausgelöster Unfall.

Warum aber setzt sich der Bauunternehmer so vehement für den steirischen Dichter ein? Warum neigt sich Rosegger? Der Arbeiter Matthias (Nico Link spielt einen bedachten Sympathieträger), ein ehemaliger Schulkollege Wiesingers, glaubt, dass dieser unter dem Denkmal seine Frau vergraben hat, die angeblich weggelaufen ist. Ein aus Graz angereister Seismologe mit dem sinnigen Namen Heim (urig: Franz Xaver Zach) vermutet, dass tektonische Verschiebungen der Eurasischen Platte just in der Steiermark zu einem neuen Grabenbruch führen könnten. Das will die resolute Bürgermeisterin, die durch ihre Vernunft und Managerqualitäten auffallende Bachlerin (Evamaria Salcher), nicht akzeptieren. Sie hat Verständnis für fast alle und bleibt doch kühl auf Distanz. Ganz anders wirkt die Angestellte Elfriede, die ihre Abneigung gegen Asylsuchende und Zuwanderer offen zur Schau stellt. Sie ist die lebende Allegorie für das neue Prekariat, besonders, wenn sie gegen Ende hin im tarnfarbenen Trainingsanzug Ungeheuerlichkeiten von sich gibt. Susanne Konstanze Weber kann diese dankbare undankbare Rolle mit beängstigender Glaubwürdigkeit vermitteln. Wenn sie das N-Wort ausspuckt, spürt man die ganze Verzweiflung einer Verliererin.

 

Striptease von Leib und Seele

Glänzend ist Henriette Blumenau als schrullige Archivarin Trost. Auch dieser Name spricht für sich. Bei Frau Trost sucht Herr Wiesinger in Literaturstunden Aufklärung und Erbauung zu Rosegger, aber auch ein bisschen Trost in allen seinen Neurosen – und am Ende sogar Liebe. Diese zarte Nebengeschichte, in der auch raffiniert andeutungsweise ausgelotet wird, was Rosegger uns heute noch zu sagen haben könnte, ist als reine Farce inszeniert, als ein unbeholfener Striptease von Leib und Seele. Spätestens, wenn der Wiesinger sich nach vollbrachten Rosegger-Zitaten zu entkleiden beginnt, weiß man: Diese beiden so gegensätzlichen Menschen hat es voll erwischt.

Und das Ende? Unbestimmt und sarkastisch. Es wird abgereist, man wiegelt ab. Statt der Feier für die Unesco gibt es die Eröffnung eines Seniorenheims. Und einen Rücktritt. So sieht der Neuanfang aus – in diesem Land mit seiner heimlichen Neigung.

ZU PERSON UND WERK

Thomas Arzt wurde 1983 im oberösterreichischen Schlierbach geboren. Er studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Germanistik, Philosophie und Psychologie an der Universität Wien. Sein Debüt gab er 2011 am Schauspielhaus Wien mit „Grillenparz“. 2013 folgten die Uraufführungen von „Alpenvorland“ und „In den Westen“, 2014 von „Johnny Breitwieser“, 2016 von „Totes Gebirge“ und „Werthers große Liebe“.

Weitere Termine im Schauspielhaus Graz für „Die Neigung des Peter Rosegger“: 20., 21. und 23.September, 1., 5., 6. und 8.Oktober, 3. und 11.November, jeweils 19.30 Uhr in Haus eins. In Haus zwei ist in dieser Saison zudem noch „Johnny Breitwieser“ zu sehen: 3., 14., 15.Oktober, 20 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2016)

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