Burgtheater: Eine Welt im Chaos und die große Liebe

Maria Happel und Martin Schwab malten mit Worten Goethes Epos von "Hermann und Dorothea": Eine Geschichte von Krieg, Flucht - und ein rares Erlebnis.

Martin Schwab und Maria Happel
Martin Schwab und Maria Happel
Martin Schwab und Maria Happel – (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Die Welt in Waffen: Hie Revolution, dort das Militär. Sympathisanten der Rebellen ziehen von weit her in die Hauptstadt. Dort besorgt eine Maschine das Köpfen von Massen. Flüchtlingsströme ergießen sich über den Kontinent: Europa in der Zeit der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege. Goethe ist 1796 in seinen Vierzigern, spätestens seit seinem Bestseller „Werther“ arriviert – und er blickt in „Hermann und Dorothea“ zurück auf den schüchternen Jüngling, der er einmal war.

Goethes Vater wollte seinen einzigen Sohn fördern, er legte ihm hier und dort eine „Rutschen“ zu einer juristischen Karriere, den Burschen aber zog es zu den brotlosen Musen. Seinen homerischen Gesängen in Hexametern auf den Spuren des ewigen Reisenden Odysseus gab der Dichter Namen wie Thalia oder Kalliope. Und er beschrieb in „Hermann und Dorothea“ nicht ohne Witz den bis heute klassischen Familienkonflikt um die Partnerwahl der Kinder. In einer Flut sprachlicher Miniaturen, die wie ein Film am aufmerksamen Betrachter vorüberziehen, zeichnet Goethe überdies ein Zeitpanorama.

„Hab ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen“, so hebt der Gesang an. Die Bürger des schmucken Städtchens sind alle fortgelaufen, um die Vertriebenen anzuschauen, die linksrheinischen Deutschen auf der Flucht vor den Franzosen. Man sucht in Kisten und Kästen, was man entbehren kann; braucht man den ostindischen Schlafrock wirklich nicht? Auch Hermann, Sohn des Großbauern und Gastwirts „Zum Goldenen Löwen“, zieht mit Speis, Trank und Linnen hinaus. Im Flüchtlingszug sieht er die schöne Dorothea und ist hingerissen. Der Vater aber wünscht sich für seinen Sohn eine Braut mit Mitgift. Hermann fällt in eine Depression, wie es auch Goethe in seelischen Nöten manchmal geschah.

Alfred Kirchner, Mitstreiter von Claus Peymann in Stuttgart und Wien, wo er einige Inszenierungen („Geschichten aus dem Wiener Wald“) gemacht hat – zuletzt führte Kirchner öfter Regie in Reichenau –, hat diese Burg-Premiere, die eigentlich nur eine szenische Lesung ist, gestaltet. Das Erlebnis ist ein gemischtes. Einerseits sehnt man sich manchmal in all dem Bildertrubel des heutigen Theaters nach Purismus. Andererseits stellt man fest, dass man nicht mehr daran gewöhnt ist, zwei Stunden nur zuzuhören.

 

Mann spielt Frau, Frau spielt Mann

Mit Maria Happel und Martin Schwab sind zwei Schauspieler auf der Bühne, die weit weg von einem jungen Paar sind, das sich mit vielem Zögern und Ängsten einander annähert. Umso überraschender und erfrischender ist die Wirkung, wenn Happel als Mann kräftig auftrumpft – und Schwab den zögerlichen Knaben oder die Frau gibt.

Das Epos mit neun Gesängen ist ein wenig gekürzt. Dabei ist zum Beispiel das herrliche Aperçu weggefallen, dass der Apotheker – zu dumm – für die Asylanten „nichts einstecken“ hat, um ihnen Geld zu geben – und daraufhin eine Prise aus seinem Tabakbeutel spendiert. „Wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen“, lässt Goethe im „Faust“ einen saturierten Bürger sagen. Viel geändert hat sich da nicht. Die Geschlechterrollen in „Hermann und Dorothea“ sind konservativ: Die Frau dient, der Mann bestimmt. Interessant: Das Wort bildet wie der Film einen eigenen Kosmos.

Es ist, trotz der Sprachvirtuosen Happel und Schwab, leichter, das Buch zu lesen und zu verstehen als die Aufführung ganz zu erfassen. Trotzdem sind die zwei ein herrliches Team, sie, wie sie als verständige Mutter durch ihre Brille schaut und weiß, was mit dem Sohn los ist, bevor dieser auch nur ein Wort geäußert hat; und er, ebenfalls mit Brille, die ihm bei seinen oftmaligen Temperamentausbrüchen immer wieder von der Nase rutscht. Happel darf auch rau und spanisch singen – und ihre Klavierkünste zeigen.

 

Bühne, Wegbereiter der Demokratie

Auf einem Ständer hängen Blumenkränze, Symbol für die Musen, im Hintergrund glitzert ein Bild, das man für Wasser, Meer, aber auch für eine Wiese halten kann. Die Bühne ist bedeckt mit den praktischen elektrischen Grablichtern, die den Gang zum Friedhof ersparen. Gruselig. Insgesamt: Fein.

Das Burgtheater hatte vergangenes Wochenende erstmals nach 17 Jahren – warum bloß? – Tage der offenen Tür, zu denen das „Volk“, das mit dem neuen Programm „Offene Burg“ stärker gelockt und gepflegt werden soll, reichlich strömte: Das Theater als Abenteuerspielplatz für Spaß und Kunst hat in diesen Zeiten der Virtualität neue, durchaus demokratiepolitisch wichtige Aufgaben. Im 18. Jahrhundert, auch daran erinnert Goethe, schlugen „Sturm und Drang“ und Aufklärung Breschen ins hermetische Gebäude von weltlicher und geistlicher Macht. Davon zehren wir bis heute – woran Europa-Miesmacher vielleicht zu selten denken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2016)

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