Volkstheater: Nettes Hohelied vom Roten Wien

Die Uraufführung von „Alles Walzer, alles brennt“ wurde vom Publikum bejubelt. Christine Eders „Untergangsrevue“ profitiert vor allem von der Musikerin Gustav.

FOTOPROBE: ´ALLES WALZER, ALLES BRENNT - EINE UNTERGANGSREVUE´ IM VOLKSTHEATER
FOTOPROBE: ´ALLES WALZER, ALLES BRENNT - EINE UNTERGANGSREVUE´ IM VOLKSTHEATER
Ein letzter Walzer des Hochadels vor dem Untergang: Christoph Rothenbuchner und Steffi Krautz, hinten Katharina Klar als rebellische Erzherzogin. – (c) APA/HANS KLAUS TECHT

Eine Show, erfrischend direkt und einfach wie ein Western, bei dem von Anfang an klar ist, wer die Guten und wer die Bösen sind – das bietet Christine Eders „Alles Walzer, alles brennt“, eine „Untergangsrevue“, die am Sonntag im Volkstheater uraufgeführt wurde. Die Guten: Sozialdemokraten, seit Gründung erster Arbeitervereine im 19. Jahrhundert bis zum Roten Wien in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts. Die Bösen: Reaktionäre, Kapitalisten, Faschisten, speziell der Ständestaat, aberwitzig komisch auf den Punkt gebracht von Thomas Frank als Karikatur des Kanzlers Dollfuß, der 1934 die Demokratie abschaffte.

Sozialen Edelmut aber gibt es oben wie unten. Die Heldinnen der Revue sind Arbeiterkind Adelheid Popp (Steffi Krautz), Vorkämpferin der Frauenrechte in der eigenen Partei, Parlamentarierin der ersten Stunde, sowie anonyme Ausgebeutete und zudem als Kuriosum Kaiser Franz Josephs Enkelin Elisabeth (Katharina Klar), jene Erzherzogin, die sich ebenfalls für etwas Klassenkampf entschied, sich von ihrem Gatten, einem Windisch-Graetz, scheiden ließ und 1921 den Lokalpolitiker Leopold Petznek heiratete.

Zitiert werden Gott und die Welt, von Kraus über den Kaiser bis zu den SP-Granden Adler und Bauer, auch Popp und Schulreformer Glöckel kommen zu Wort. Regisseurin Eder erstellte die Collage, Musik und Liedtexte besorgte Gustav. Sie ist ein Glücksgriff, denn die unter diesem Künstlernamen bekannte Sängerin und Komponistin, Eva Jantschitsch, macht mit ihrer Band den zweistündigen Abend zu etwas Besonderem. Sie bietet Elegisches, Kämpferisches und Freches in raffinierten Songs, die der sonst manchmal leider auch etwas biederen Revue nötige Rhythmuswechsel und Glamour verleihen.

 

Mit dem Donauwalzer in die Zukunft

Das Vorspiel beginnt mitten in der Monarchie, mit dem Donauwalzer, und einem zeitgemäßen Bühnenbild in kaiserlichen Räumen. Langsam und ein bisschen angestaubt geht hier alles seinen Gang. Davon lässt sich das Ensemble offenbar anstecken, denn die Texthänger sind so häufig, dass sie beinahe gewollt scheinen. Für die sieben Schauspieler besteht die wesentliche Herausforderung wohl vor allem darin, im Minutentakt Kostüme zu wechseln, tanzend, kämpfend und propagierend Exzellenzen, Soldaten, Arbeiter zu geben, bis diverse Aufstände, Revolutionen, die Gründung der SPÖ, die Bildungsfrage, die Elektrifizierung, das harte Schicksal der Ziegelarbeiter, Krieg, Elend, Justizpalastbrand, Bürgerkrieg und immer wieder reine Unterdrückung abgehandelt sind.

Bei solch reichhaltigem Menü wäre es wesentlich, dass Leichtigkeit herrscht. Das ist diesmal neben dem humorigen Naturtalent Frank vor allem Christoph Rothenbuchner gelungen, der den Repräsentanten der SPÖ immer auch einen Schuss Ironie mitgibt, der zudem tanzend und Klarinette spielend erstaunen lässt. Auch Jan Thümer und Klar entzücken, vor allem als Adelige, während die Arbeiterrollen bei ihnen etwas schwergängig werden, so wie bei Luka Vlatkovic und Krautz. Kompromisslos auf Pathos legt Jutta Schwarz ihre Rollen an, in diesem Lehrstück, bei dem das Schwenken roter Fahnen in diversen Größen zur heiligen Pflicht wird.

Wenn dann das Lied der „Arbeiter von Wien“ erklingt, werden wohl einige alte Wienerherzen batzweich. Heroisch schwellt sich die einstige Arbeiterbrust ob so vieler Verdienste: allgemeines Wahlrecht, flächendeckende Gemeindebauten, radikale Schulreform und enormer Reichtum im Erfinden neuer Steuern, die all das Programmatische finanzieren. Etwas weniger stolz wird das Einknicken präsentiert, das im Umschwenken der Sozialdemokraten in der Kriegsfrage bestand, oder dann auch das Lavieren der Parteispitze im Schicksalsjahr 1934. Ein klein wenig mehr an subversivem Denken sollte jedenfalls aufkommen können, bei diesem netten Hohelied der Arbeit. Wie würden die rote Adelheid und die rote Elisabeth Wiens rot-grüne Regierung von heute sehen? Als ihresgleichen oder als Besitzstandswahrer?

Termine: 24. und 28. Okt., 4., 11., 14., 21., 24. und 28. Nov.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2016)

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