"Pension Schöller": Quatsch machen bis der Arzt kommt

Zum Brüllen und zum Weinen, lust- und peinvoll: Andreas Kriegenburg bläst den braven Schwank "Pension Schöller" von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby zur Breitwandsatire auf. Dabei sind ihm die Schauspieler fast durchgegangen.

(c) APA/ROLAND SCHLAGER

Schriftstellerin Josephine hat einen Fang gemacht. Der bieder wirkende Herr im Karoanzug hat eine tolle Geschichte. Josephine fällt hin, dann lässt sie ihre Rapunzelhaare herunter, sie springt ihr Opfer an, sie wickelt es mit ihren Haaren ein, sie zieht es aufs Sofa, beide kippen mit dem Sofa um. Der Mann versucht zu fliehen, er fürchtet sich, will sie ihn mit ihren Konvulsionen zum Sex verlocken? Sicher ist: Die Dame platzt vor Neugier. Der in mehreren Phasen erfolgende Zusammenprall von Josephine und Rentier Klapproth ist typisch für Andreas Kriegenburgs Inszenierung von „Pension Schöller“, die Samstagabend im Burgtheater Premiere hatte. Hier geht's ums Ganze und nicht bloß um einen Schwank.

Josephine führt vor, was jedem vom schreiberischen Metier geläufig ist: die Begeisterung über unvermutet auftauchende News oder Puzzleteile für das neue Buch. Kriegenburg zeigt ein Lustspiel, vor allem aber will er von der Gesellschaft erzählen. Das Burg-Ensemble ist ihm dabei gefolgt, dann aber durchgegangen. Amüsement wird an dieser moralischen Anstalt nicht allzu oft zelebriert. Seit Matthias Hartmann gehen musste, hat der Spaß weiter abgenommen. Seit einiger Zeit aber darf man gelegentlich wieder lustig sein. Der Höhepunkt dieser Welle ist mit „Pension Schöller“ erreicht.

 

Neuzugang Max Simonischek brilliert

Ein wohlhabender Unternehmer, dem im Ruhestand langweilig ist, reist in die Stadt und lässt sich von seinem Neffen in ein Etablissement einführen, das er für eine Irrenanstalt hält, in Wahrheit ist es ein kleines Hotel voller kurioser Gestalten. Das Stück wurde 1890 in Berlin uraufgeführt.

Der Erste Weltkrieg war noch weit, doch die Spannungen, die zum großen Brand führten, zeigten sich schon: große Armut, großer Reichtum, florierende Wirtschaft, die eine Mittelschicht von Bürgern und Handwerkern begünstigte, politische Polarisierung. Die Wohnungsnot war groß, wer es sich leisten konnte, lebte gern im Hotel. Die Frauen wollten lesen: E. Marlitts Trivialromane hatten auch emanzipatorische Ambitionen. Hedwig Courths-Mahlers Herz-Schmerz-Geschichten, in denen die Liebe Standesunterschiede überwindet, erreichten eine Gesamtauflage von 80 Millionen Exemplaren. Josephine Krüger, die in der „Pension Schöller“ ihre Recherche-Netze auswirft, hat eine Armee höchst erfolgreicher oder dilettierender Autorinnen hinter sich. Christiane von Poelnitz klatscht alle anderen an die Wand mit halsbrecherischen Stürzen, chaplineskem Wiederauferstehen und anderen akrobatischen Übungen; noch am Szenenrand mit rotem Tuch über dem Kopf gegen die Tür knallend zieht sie alle Aufmerksamkeit auf sich.

Ihr schärfster Konkurrent ist Burg-Neuzugang Max Simonischek, brillant als Eugen Rümpel, Möchtegernmime mit Sprachfehler. Lachstürme sind diesem Burschen seit jeher sicher. Doch Rümpel ist keine Knallcharge, sondern ein unglücklicher Erbe: Den Neffen des Hoteliers zieht es zur Kunst, und keiner nimmt ihn ernst. Roland Koch spielt den Rentier Klapproth mit einer nie versiegenden Suada von Sprichwort- und Wortverdrehungen. Einmal schreit ein Zuschauer: „Schluss jetzt!“ Doch Kochs Figur ist authentisch. Klapproth ist ungebildet und reich. Er hat zu wenig gelebt, vor dem Leben hat er sowieso Angst, daher ist er noch immer Junggeselle, er lebt mit seiner Schwester, die ihn unterjocht, und mit deren bizarren Kindern. Alexandra Henkel spielt diese Witwe, die Rum wie Schampus trinkt und im Keller von Klapproths Landgut Waffen hortet. Ihre zwei Töchter (Alina Fritsch, Marta Kizyma) sind Mordschwestern, die sich um Männer prügeln, sie abschleppen und umbringen.

Jede Figur in diesem irren Tohuwabohu wirkt aufgeblasen bis zum Platzen: der grinsende Weltreisende (Michael Masula), das zarte Pin-up-Girl Friederike (Aenne Schwarz), Klapproths Neffe Alfred mit Groucho-Marx-Schnurrbart (Tino Hillebrand) oder Sabine Haupt als hypnotisierende Horror-Schwiegermutter, die dem Hagestolz Klapproth die Heiratsschlinge um den Hals legen will. Nur Bernd Birkhahn darf er selbst sein – als geplagter Hotel-Prinzipal. Sehr schön sind Harald B. Thors Backstein- und Baustellen-Bühne mit Ausgängen ins Nirgendwo und Andrea Schraads Kostüme.

Wer Aufführungen von „Pension Schöller“ mit Maxi und Alfred Böhm oder mit Helmuth Lohner und Ossy Kolmann in den Kammerspielen im Kopf hat, muss diese vergessen, sonst wird er leiden. „Witzig, aber zu lang und zu dick aufgetragen“, befand eine milde Dame bei der Premiere. Manche wirkten entrüstet. Immerhin, die Burg hat ihr Silvesterstück. Und es ist würdig und richtig, auch wenn die Aufführung dem Werk eine Substanz aufdrängt, die es nicht hat. „Pension Schöller“ ist kein Botho Strauß, auch kein Feydeau, sondern nur bester Boulevard. So sieht's nun also aus, wenn das Burg-Ensemble drei Stunden „Quatsch macht“ – bis der Arzt kommt, etwas viel, etwas zu großspurig, aber insgesamt: Sehenswert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2016)

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