Versponnene Reaktion auf 1848

Thomas Köcks "Kudlich - eine anachronistische Puppenschlacht" handelt von Revolution. Im Schauspielhaus Wien will Marco Štormans Inszenierung nicht zünden.

(c) Matthias Heschl

Die Leitung des Wiener Schauspielhauses scheint auch im zweiten Jahr im Amt unkonventionelle Umbauten zu lieben, die manchmal nicht zum Vorteil für Zuseher geraten. Wieder einmal gelangten diese am Freitag beim Eintritt fast unmittelbar ins Geschehen – statt eines Guckkastens hat Jil Bertermann eine Arena geschaffen. Auf drei Seiten säumen bei der Uraufführung von „Kudlich“ Sitzreihen eine lange Bühne. Dort herrscht bereits Wahlkampf. Wenzel Bumsti Hofer (Peter Elter), assistiert von Frauke P. Kickl (Katharina Haudum), wirbt um Stimmen: „Deine Heimat braucht dich jetzt!“ Sie reden über Marionetten, machen sich Gedanken darüber, wer an wem zieht. Diese Melange an leicht erkennbaren Rechtspopulisten wittert Morgenluft, sie reden dabei fast klassisch gestelzt: „Es öffnen sich die Nähte am alten Puppenkörper.“

Was haben diese aktuellen, überzeugend gespielten Karikaturen mit Hans Kudlich zu tun, dem „Bauernbefreier“ in der liberalen Revolution von 1848, der die Abschaffung der Leibeigenschaft betrieb? Viel, wenn man den Dramentext studiert, denn nach der Fron kamen neue Abhängigkeiten. Die damals gegründete Raiffeisen–Genossenschaft wird als Negativbeispiel genannt, Neoliberalismus mit Rechtspopulismus verknüpft, als neues System der Ausbeutung, wie das Programmheft erläutert. Angereichert wird der Abend mit TV-Moderatorin Arabella und Schlagersänger Gabalier, Büchner und Kleist kommen aus dem Vormärz zu Wort – das klingt zuweilen läppisch, oft sogar recht anspruchsvoll. Erhellend ist es meist nicht.

 

Die Befreiungsversuche ermüden bald

Die Arena wird zur ideologischen Dunkelkammer. Man muss kräftig den Kopf recken, um manche Szenen einigermaßen zu erfassen. Als Erschwerniszulage gibt es musikalische Dauerberieselung (Gordian Gleiss), die aber nur zum Teil daran schuld ist, dass die gut 100 Minuten der Aufführung dieses neuen Stücks des talentierten oberösterreichischen Dramatikers Thomas Köck akustisch katastrophal sind. Sprechtechnisch haben die jungen Schauspieler noch einiges zu lernen, tückisch kommt noch hinzu, dass Regisseur Marco Štorman sie rücksichtslos in stetes Stakkato hetzt. Das tut weder ihnen noch dem übertrieben künstlichen Text gut.

Anhand von 1848 zeigt dieses Drama mit zynischem Unterton, wie Volkserhebung zur Reaktion wird. Hans Kudlich (Nicolaas van Diepen) besteigt einen gigantischen Holzbullen, bezwingen kann er ihn nicht. Sein Bruder Hermann (Max Gindorff) und Lena, ein Flüchtling (Lisa Maria Sexl), spielen ebenfalls unter großem Einsatz Rebellen, doch was sie dabei engagiert von sich geben, auch chorisch, ermüdet bald. Nur punktuell kann der Abend überzeugen. Diese Revolution versagt – eine gut gemeinte Synthese von fadem und ideologiekritischem Theater.

Termine für „Kudlich“ im Schauspielhaus; 29. November., 3., 6. bis 10., 13. bis 17., 20., 21., 29. bis 31. Dezember. 2017 geht die Produktion auf Tour in fünf weitere Städte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2016)

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