Peymann: "Eine absolute Sau in der Arbeit"

Der Ex-Direktor des Burgtheaters erinnert sich. An Avantgarde in Frankfurt und Bochum, an Skandale in Stuttgart und Wien, an stillere Tage in Berlin. Ein Buch voller Huldigungen von Künstlern. Eine Liebeserklärung ans Theater.

Claus Peymann.
Claus Peymann.
Claus Peymann. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Das Buch heißt „Mord und Totschlag“. Wem fällt solch ein theatralischer, übertriebener, ja geradezu stumpfsinniger Titel ein? Naturgemäß war es der provokante Autor Thomas Bernhard, der einst dem Burgtheater-Direktor Claus Peymann dazu riet, bei dessen Antreten 1986 in Wien Fahnen mit diesem Aufruf überm Haus am Ring zu hissen. Als ob er es geahnt hätte: Zwei Jahre später erregten sich Populistenseelen heftig wegen Bernhards Spätwerk „Heldenplatz“, das Peymann inszenierte und inzwischen ein gern gegebener Klassiker der österreichischen Introspektion geworden ist.

Die Aufregung ist inzwischen verweht, Peymann hat Wien vor der Jahrtausendwende verlassen, er leitet seither das Berliner Ensemble. Nächstes Jahr, just zum 80. Geburtstag, wird Peymann auch von dort weggehen. Da ist es angebracht, Einkehr zu halten, als Vorbereitung für den Ruhestand, Bilanz zu ziehen: „Mord und Totschlag. Theater / Leben“ heißt das Buch mit der entwendeten Bernhard-Phrase, die der deutsche Theatermacher sich und der Nachwelt schenkt. Am dritten Adventsonntag wurde es in Berlin vorgestellt, am Mittwoch präsentieren es der Direktor und seine Mitarbeiter Hermann Beil und Jutta Ferbers am Burgtheater. Texte werden vorgelesen, Filme von einst legendären Aufführungen gezeigt. Ein Fest für CP.

 

Bei den Proben ein Vergewaltiger

Sein Wälzer, der wegen der Dominanz grobkörniger Schwarz-Weiß-Fotos wie ein megalomanes Programmheft wirkt, ist eine Liebeserklärung ans Theater. Vor Berlin und Wien hatte Peymann ab 1961 in Frankfurt, Stuttgart und Bochum Häuser geleitet – 56 prall volle, skandalbehaftete, meist auch spannende Jahre sind zu besichtigen. Das Buch ist eine Huldigung seines Autors. Die vier ihm nahestehenden Herausgeber haben dafür gesorgt, dass dieses Theaterleben mit dramatischen Briefen von Autoren, Kollegen, Freunden und Feinden, Maßlosigkeiten in Interviews und tieferen Reflexionen des Direktors stets spannend bleibt und ihn vor allem im richtigen Licht erscheinen lässt. Hier ist ein kreativer Berserker am Werk. Man erwarte keine objektive Geschichte. So wie der alte Meister Bernhard ist auch sein häufigster Regisseur Übertreibungskünstler. Gert Voss, 2014 verstorben, der vielleicht wichtigste Schauspieler für Peymann, nannte ihn 1988 einen Abenteurer: „Er ist kein Zyniker. In seinem Theater spürt man eine ungeheuerliche Sehnsucht nach Liebe zwischen Menschen, Sehnsucht nach Erfüllung von Träumen und nach Zärtlichkeit.“

Gerade aber mit Freunden geht CP rüde um. In einem berühmt-berüchtigten Interview mit André Müller wurde Peymann 1988 auf die eigene Regiearbeit angesprochen und gestand, dass er bei den Proben ein Vergewaltiger sei, der zuweilen „die bedingungsloseste und brutalste Gewalt“ anwende. Auf den Einwand des Interviewers, dass es auch anders gehe, dass zum Beispiel George Tabori die sanfte Methode bevorzuge, erwiderte Peymann: „Davon glaube ich ihm kein Wort. Tabori ist eine absolute Sau in der Arbeit.“ Man muss auch Peymann in diesen Erinnerungen nicht jedes Wort glauben – wenn er zum Beispiel im selben Interview behauptet, Bundespräsident Kurt Waldheim habe sich an ihn herangeschlichen und ihn geküsst, so dürfte das mehr Dichtung als Verleumdung sein. Peymann ist ein Schalk, vielleicht ein Troll. An den Fotos fällt auf, wie oft dieser Mann lächelt, lacht, sich das Lachen verbeißt, indem er die blanken Zähne zeigt.

Es gibt auch Verbissenes. 1977 wurde Peymann in Stuttgart heftig angegriffen, weil er im Schauspielhaus einen Rundbrief aushängen ließ, der dazu aufrief, für die Zahnbehandlung von RAF-Terroristen in Stammheim zu spenden. Den Brief hatte Gudrun Ensslins Mutter verfasst. Peymann spendete. Es folgte eine „Hexenjagd, schwäbisch“, wie Benjamin Henrichs schrieb. Der Hexer ging nach Bochum, hatte dort eine starke Phase. Seine Inszenierungen von „Nathan“, „Hermannsschlacht“, „Leonce und Lena“ waren dann auch in Wien am Burgtheater zu sehen.

 

Elf Uraufführungen von Peter Handke

Gehaltvoll sind vor allem die Exkurse. Der erste ist Peter Handke gewidmet, von dem Peymann elf Dramen uraufführte, fast so viele wie von Bernhard, der für Peymann auch eine Art Lebensmensch war. Ab 1970 hat er vierzehn seiner Stücke uraufgeführt. Erst aber kam Handke: Im Theater am Turm in Frankfurt am Main gab es 1966 die „Publikumsbeschimpfung“, 1968 „Kaspar“, 1969 „Das Mündel will Vormund sein“. Die Zusammenarbeit, zuweilen kurz unterbrochen, dauert bis heute an, zuletzt wurde 2016 an der Burg Handkes „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ uraufgeführt. Weitere schöne literarische Ausflüge gelten diversen Klassikern, Shakespeare, Bernhard, Brecht – und Weggefährten. Manche erhalten offene Liebesbriefe. Und über seinen Kompagnon Hermann Beil schreibt er, der sei „nachgewiesenermaßen der Mensch, mit dem ich die meiste Zeit meines Lebens verbrachte. Er ist meine Mutter, mein Vater – auch meine Freundinnen.“

So viel Zuneigung überrascht dann doch. Ist das nicht fast rufschädigend? Wir enden hier also lieber mit dem Anfang und stellen uns diesen kreativen Truppenführer, der am 7. Juni 1937 in Bremen als Klaus Eberhard Peymann geboren wurde, als pubertären Flegel vor. Dem ersten Kapitel ist der Eintrag eines Lehrers ins Klassenbuch im Jahre 1947 vorangestellt: „Peymann rülpst – und schaut sich triumphierend um.“ Der Typ wollte immer schon auffallen. Das dürfte ihm manchmal sogar recht eindrucksvoll gelungen sein.

Im Burgtheater wird Peymanns Buch am 14. Dezember um 20 Uhr vorgestellt: „Mord und Totschlag. Theater / Leben“, 536 S., ist im Alexander Verlag Berlin erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2016)

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