Verloren im Multikultigefecht der Upperclass

Ayad Akhtars Stück „Geächtet“ berauscht im Grazer Schauspielhaus: reduziert, körperlich, intensiv.

(c) Lupi Spuma/Schauspielhaus Graz

Wie in einem Computerspiel aus vergangenen Zeiten krabbeln Menschen die Wand hinauf und hinunter, weichen Hindernissen aus, jagen und fliehen voreinander, verschwinden um die Ecke und stehen plötzlich auf der Bühne. Später rennen, klettern, kugeln sie über das Bühnenbild, verhaken sich ineinander, liegen einander in den Armen, würgen einander. Kämpfen und kuscheln, aufsteigen und fallen: Funktioniert so die Koexistenz der Kulturen in einer unsicheren Gesellschaft?

Ayad Akhtars preisgekröntes Stück „Geächtet“ berauscht im Grazer Schauspielhaus schon aufgrund der körperlichen Inszenierung von Volker Hesse: Er verlangt dem Ensemble athletische Leistungen ab; vor dem Hintergrund einer weißen Wand, aus der bekletterbare weiße Blöcke ragen, wird die dramatische Zimmerschlacht auf ihre Essenz reduziert. Die Vielschichtigkeit und brennende Intensität des Stücks, das vor wenigen Wochen erst im Burgtheater seine österreichische Erstaufführung erlebte, kommt dabei bestens zur Geltung.

 

Dem Islam abgeschworen

Im Zentrum stehen zwei Ehepaare, die bei einem gemeinsamen Abendessen in einer New Yorker Wohnung heftig aneinandergeraten: Der ehrgeizige Anwalt Amir (Benedikt Greiner als schmerzhaft gespaltene Person), ein Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln (wie auch Autor Ayad Akhtar), hat seiner Herkunft und Religion, dem Islam, abgeschworen. „Es gibt so viel Schönheit und Weisheit in der islamischen Tradition“, sagt hingegen seine Frau, Emily (Evamaria Salcher), eine aufstrebende Künstlerin. Sie hat ein Verhältnis mit dem jüdischen Kurator Isaac (ausschweifend: Florian Köhler), dessen Frau, eine aus „dem Ghetto“ aufgestiegene Afroamerikanerin (Mercy Dorcas Otieno), in Amirs Kanzlei ebenfalls hohe Ambitionen hegt – und dabei ihre Herkunft nicht zu verschleiern braucht. Die (intellektuellen, persönlichen, physischen) Gefechte der vier werden hitziger, bis die Situation schließlich eskaliert: Es geht um Selbsthass und Akzeptanz, Islamophobie und Gutmenschentum, um Argwohn, Extremismus und eine Gesellschaft, die einen mit ihren Erwartungen zwingt, den auferlegten Klischees gerecht zu werden. Langer verdienter Applaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2016)

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