Die Qual der langen „Hexenjagd“

Martin Kušej inszenierte Arthur Millers modernen Klassiker im Burgtheater mit großem Ensemble und starken Momenten. Beim Tempo hat er sich vergriffen: zu stark entschleunigt.

Steven Scharf als 'John Proctor' anlässlich einer Fotoprobe von 'Hexenjagd' am Wiener Burgtheater
Steven Scharf als 'John Proctor' anlässlich einer Fotoprobe von 'Hexenjagd' am Wiener Burgtheater
Steven Scharf als 'John Proctor' anlässlich einer Fotoprobe von 'Hexenjagd' am Wiener Burgtheater – APA (BURGTHEATER/REINHARD WERNER)

Einer der stärksten Effekte der Verunsicherung in Arthur Millers „Hexenjagd“ besteht darin, dass es eine Weile braucht, bis jene Zuseher, die das Drama nicht kennen, verstehen, warum die Teenager-Tochter des bigotten Reverend Parris (Philipp Hauß) starr und steif im Bett liegt, warum sie auf nichts reagiert. Parris verhört ihre Freundinnen, eine Dienerin, Nachbarn mischen sich ein. En passant stellt sich heraus, dass es um den Dorffrieden schlecht bestellt ist, bald aber weiß man, was die Mädchen der puritanischen Stadt Salem in Massachusetts so sonderbar verstörte. Sie haben mit der schwarzen Sklavin Tituba (Barbara Petritsch) im Wald getanzt, seltsame Rituale mit Blut vollführt, Parris hat sie dabei entdeckt.

Diese stückweise Enthüllung kürzt Martin Kušej drastisch ab. Der Intendant des Münchener Residenztheaters, der erstmals seit mehr als acht Jahren wieder am Burgtheater inszeniert, setzt vor Millers Drama ein Vorspiel, wie am Donnerstag bei der Premiere zu sehen war: Im Wald (riesige Kreuze im Bühnenbild von Martin Zehetgruber dienen als Bäume, später als Säulen im Pfarrhaus und im Gerichtssaal) treffen sich mehr als ein Dutzend Mädchen. Wortlos ziehen sie sich aus, streicheln, betasten sich, stöhnen und hecheln. Tituba händigt den Teenagern Seile und Tücher aus, mit denen sie sich zur Luststeigerung würgen – eine befremdend intensive Massenmasturbationsszene im Halbdunkel, begleitet von der bedrohlichen Musik Bert Wredes. Schon taucht Reverend Parris auf.

Nach diesem spektakulären Beginn ist erst einmal die Luft raus. Im Pfarrhaus rätseln besorgte Eltern darüber, was vorgefallen sein könnte. Weil die Zuseher das hier bereits wissen, sind Millers eigentliche Anfangsszenen nun weniger geheimnisvoll. Rasch wird klar: Die Situation könnte für die Mädchen gefährlich werden, aber auch für den geldgierigen Reverend, der seine ausgekochte Nichte Abigail (Andrea Wenzl) als Anführerin erkennt. Schon spricht man im Ort von Hexerei, es formieren sich jene Leute, die solch einen Umstand gewinnbringend umsetzen oder alte Rechnungen begleichen wollen. Die Gegner des Pfarrers kommen ebenfalls zu Wort. Abigail erkennt, dass sie die Vorwürfe nutzen kann. Sie hatte mit ihrem Dienstherren John Proctor (Steven Scharf), der nicht an Hexerei glaubt, eine kurze Affäre. Dessen Frau Elizabeth (Dörte Lyssewski) ist dahintergekommen, hat das Mädchen entlassen. Ehebruch ist ein kapitales Verbrechen in Salem. Abigail weiß das, und auch, wie man mit dem Vorwurf der Hexerei eine Konkurrentin beseitigt. Sie orchestriert das Unheil für Salem. Ein großes Ausrufen von Hexen durch entrückte Mädchen beginnt. Sie holen nicht Geister herbei, sondern unbarmherzige Richter. Es wird gehenkt werden in Massachusetts 1692.

Die Willkür absoluter Macht. Kušej geht mit diesem spektakulären Stoff voll heiligem Ernst um, aus 17 Darstellern (von gut einem Dutzend Statisten ergänzt) formt er mit Liebe zum Detail kernige Charaktere, von denen die meisten starke Szenen schaffen. Einen fundamentalen Mangel aber hat diese dreieinhalbstündige peinliche Befragung, in der die Willkür fast absoluter Macht, das Mitläufertum, aber auch edle Charaktere und vor allem Angst enthüllt werden. Dieses Defizit hat mit Architektur zu tun: „Hexenjagd“ ist eine Abfolge scharfsinniger Argumentationen und suggestiver Massenszenen. Hier aber dominiert die wuchtige, bildmächtige Bühne, auf der sich wie in Miniatur ein stilles Kammerspiel ereignet. Viel zu leise und sehr weit entfernt ist manchmal das Drama, Kušej entschleunigt es bis zum Exzess.

Es mag wirkungsvoll sein, wenn sich nach dem Aufbau großer Spannung am Höhepunkt eines Aktes das Böse durch Schweigen eröffnet. Wird dieser Kunstgriff aber zum Prinzip erklärt (in manchen Passagen gibt es nach fast jedem Satz bedeutungsvolle Kunstpausen), verbraucht sich dieser Effekt rasch. Besonders vor der Pause machte sich das im Publikum bemerkbar. Praktisch jeder zerdehnte Moment der Stille wurde durch Husten gestört. Und einige Zuseher dürften auf diese Folter der Entschleunigung sogar mit kurzen Phasen des Heilschlafes reagiert haben, selbst dann, als sich Proctor und Abigail fast nackt im rotgefärbten Wald der Illusionen trafen. Es ist eine bizarre Einlage, die man als Totentanz deuten kann. Beide drohen bei kaum verhaltenem Begehren mit Vernichtung. Sie werden Recht behalten. Auch diese Szene ist umständlich.

Schade, denn wenn man die erstaunlich sensible Inszenierung auch nur um 20 Minuten kürzte, wären die Momente der Verzauberung, die sich mit Fortgang des Abends sogar häufen, viel stärker. Sie sind nicht nur auf das emotional dominante Trio beschränkt (Wenzl als sinister berechnende Abigail, Scharf als sonderlicher Proctor, Lyssewski als seine wahrlich tragische Frau), sondern aufs ganze Ensemble: Marie-Luise Stockinger spielt die wankelmütige Mary Warren mit exzessivem Einsatz, Martin Schwab brilliert als Querulant Giles Corey, der seine Familie naiv plappernd ins Unglück bringt, Ignaz Kirchner als Richter Tod.

Exzellent spielt Florian Teichtmeister den Reverend Hale, der erst als forscher wiewohl nervös kettenrauchender Hexenjäger auftritt, sich aber wandelt. Er fordert mutig, dass der Wahnsinn aufhört. Das verhindert vorerst mit aller Macht der Stellvertreter des Gouverneurs: Michael Maertens liefert als gnadenloser, glatter Danforth ein Kabinettstück, er wirkt mit seinem Zynismus unter verschreckten Puritanern wie ein Fremdkörper, wie ein Populist aus höchst modernen Zeiten. Wenn Danforth Recht verspricht, ahnt man, es wird Unrecht sein, wenn er den Teufel an die Wand malt, weiß man, er ist es selbst. Er treibt die Selbstherrlichkeit auf die Spitze. Schließlich überfordert auch ihn die Hexenjagd, er will den Angeklagten Proctor retten, um Unruhen abzuwenden, aber der verweigert jeden Kompromiss. Er nimmt selbst den Strick und hechelt, als ihm die Luft wegbleibt, wie den Mädchen zu Beginn des Spiels. Höchst rätselhaft.

Das Drama

Arthur Millers „The Crucible“, 1953 in New York uraufgeführt, zählt insbesondere in Europa zu den meistgespielten Dramen der Gegenwart. Es wurde vor allem als Reaktion auf die Kommunistenjagd unter US-Senator Joseph McCarthy anfang der Fünfzigerjahre interpretiert.

Martin Kušej (*1961 in Wolfsberg), ist seit 2011 Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels München. Seit 2013 ist er auch Professor für Regie am Wiener Max Reinhardt Seminar.

Nächste Termine im Burgtheater: 26. und 30. Dezember, 4., 9. und 14. Jänner sowie am 3. Februar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2016)

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