„Fractus V“: Die Sollbruchstelle ertanzen

Der Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui unterfüttert Tanz mit Philosophie – und fragt in „Fractus V“ nach dem Wirrwarr von (Falsch-)Informationen in unserem Gehirn.

Frakturen. Bei „Fractus V“ geht es um Gewalt und scharfe Brüche.
Frakturen. Bei „Fractus V“ geht es um Gewalt und scharfe Brüche.
Frakturen. Bei „Fractus V“ geht es um Gewalt und scharfe Brüche. – (c) Filip Van Roe

Wer kann schon aus der Flut der Informationen das Richtige und Wichtige herausfiltern? Das muss ein Fanatiker sein, der sein Leben damit verbringt, die Lügen von gestern mit denen von heute zu vergleichen. So spricht der amerikanische Linguist Noam Chomsky. Er ist Pate für des Tänzers und Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui neuestes Stück: „Fractus V“. Ab 20. Jänner zeigt er es mit seiner Company Eastman im Festspielhaus St. Pölten.

„Frakturen, scharfe Brüche sind notwendig“, sagt Sidi Larbi Cherkaoui, „damit wir selbstständig denken. Wir müssen uns gegen die Versuche der Politik, die Medien zu manipulieren und zu kontrollieren, wehren. Wir haben so viele, viel zu viele, Informationen, doch wir können sie nicht nützen. Chomskys Plädoyer für ,die Freiheit des Ausdrucks‘, für ,Meinungsfreiheit‘ hat mich angesprochen. Als Künstler brauche ich diesen freien Raum, um meine Identität immer wieder neu zu erfinden.“

Mit fünf unterschiedlichen zeitgenössischen Tänzern stellt er mit verschiedenen künstlerischen Mitteln, auch singend und sprechend, Fragen, die ihn bewegen: „Wie objektiv kann unser eigenes Denken überhaupt sein? Wie sehr identifizieren wir uns mit den Ursachen der sozialen Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft? Wo beginnt die persönliche Verantwortung und wo endet sie?“

Man muss Chomsky nicht gelesen haben, ja nicht einmal den auf Englisch gesprochenen Text verstehen, um zu erfassen, was „Fractus V“ mitteilen will. Ohne Vorkenntnisse kann die dichte, manchmal fröhliche, dann wieder aggressive oder tieftraurige Performance erlebt und verstanden werden, können die Zuschauer mit Musik und Tanz mitfühlen und erkennen, dass das Oberstübchen vollgeramscht ist mit Schmutz, Schund und Unwahrheiten; Entrümpelung ist dringend notwendig. Cherkaoui denkt nicht nur über die Welt und die Gesellschaft nach, er hat auch die Gabe der Selbstdistanz und Ironie. Toleranz steht für ihn an oberster Stelle. Falls die Botschaft nicht ankommt, genügt es vollkommen, dass der Abend mit Livemusik und hinreißendem Tanz, entspannt zurückgelehnt, genossen wird.

Gegen „Multikulti“. Sidi Larbi Cherkaoui, 1976 als Sohn eines Marokkaners und einer Flämin in Belgien geboren, hat sämtliche Tanzstile, von klassischem Ballett bis Flamenco, von indischem Kathak bis Breakdance, studiert und auch in seinen Choreografien Elemente aus verschiedenen Kulturen, Religionen und Kunststilen vereint. Sein Charisma, die Offenheit für alle Formen des Tanzes und des Lebens, haben ihm Preise und Orden (etwa den eines Chevalier des Arts et Lettres) beschert und auch die Liebe des Publikums in aller Welt. 2010 hat er seine offene Company Eastman gegründet, seit 2015 ist er Direktor des Königlichen Balletts Flandern. Das ihm oft verpasste Multikulti-Label mag er sich nicht so gern umhängen lassen: „Das sind Krücken. Es zählt die Vielfalt. Mir geht es um das Teilen der Erfahrungen des Menschlichen.“

Ein Fünfeck aus Männern. So hat er auch sein Ensemble für „Fractus V“ zusammengestellt. Mit den Musikern – Shogo Yoshii, japanischer Perkussionist und Sänger, Woojae Park, Sänger und Musiker aus Korea, dem afrikanischen Sänger Kaspy N’dia und dem virtuosen indischen Sarod/Lauten-Musiker Soumik Datta – hat er bereits gearbeitet. Auch die Tänzer kommen aus verschiedenen Richtungen: Der französische Tänzer Dimitri Jourde hat Zirkusartistik studiert und war schon in Cherkaouis Stück „Apocrifu“ (Festspielhaus St. Pölten 2009) dabei. Johnny Lloyd aus Amerika kommt vom Lindy Hop (dieser gilt als der ursprüngliche Swing-Tanz, entstanden in den 1930er-Jahren), ist jedoch eigentlich Musiker. Er hat in „Genesis“ (Festspielhaus St. Pölten 2015) mitgetanzt. Der spanische Tänzer Fabian Thomé Duten ist Flamencotänzer, und der Münchener Patrick Williams „Twoface“ Seebacher erwarb sich seine Verdienste bei Hip-Hop und Breakdance Battles. „Neun Künstler, neun Nationalitäten, neun klare, offene Identitäten!“

Der fünfte Mann ist Sidi Larbi Cherkaoui selbst. Wenn er die durcheinandergewirbelten Tanzstile nachahmt, dann darf schon mal herzlich gelacht werden. Seine eigene Tanzsprache, weich und fließend, macht das Zusammenspiel und Auseinanderbrechen des Fünfecks erst richtig sehenswert. Der Tanz ist die Botschaft. Das Pentagon aus fünf Männern fällt in immer neuen Mustern auseinander, ordnet sich wieder neu, als schüttle man ein Kaleidoskop. Es wird gekämpft und geliebt, gehasst, getrauert und verbrüdert, die Persönlichkeiten lösen sich aus dem Kollektiv und finden wieder zueinander. Cherkaouis Ideal wird auf der Bühne gelebt: „Eine Gemeinschaft, in der jeder, ob Tänzer oder Musiker, seine Individualität bewahren darf.“

Cherkaouis Company Eastman war „europäischer Kulturbotschafter 2013“, doch mehr noch als der Botschafter scheint dem viel geliebten Tänzer der Missionar zu liegen. Als Heiler möchte er die ganze Welt kurieren. Wenn er davon schwärmt, auf der Bühne „alle zusammenzubringen, damit sie eine Person werden“, und deshalb sein Stück mit einem vom Männerchor unisono gesungenen „Sanctus“ beginnt, wartet man, dass er segnend die Hände ausbreitet. „Das gemeinsame Singen hat für mich gar nichts Religiöses an sich. Mein Vater ist muslimischen Glaubens, meine Mutter katholisch, ich bin bekenntnislos. Wir singen gemeinsam, um die Zusammengehörigkeit zu betonen, wir versuchen, zusammenzukommen, immer und immer wieder.“

Doch koste das Zueinanderkommen auch Energie. „Jedes System hat auch seine Bruchstellen. Das zeigen wir, jedes Mal versuchen wir, auf andere Art zusammenzukommen, gefühlvoll, gewalttätig, rational. Doch am Ende, wenn wir alle endlich ganz vereint zu sein scheinen, regiert die Musik. Denn ich denke, Musik ist der Ort, der Menschen zusammenbringt.“ Frauen sind nicht auf der Bühne. „Absichtlich nicht“, sagt der Choreograf. „Die Probleme kommen von den Männern, sie sollen sie auch lösen.“

Die Autorin reiste auf Einladung des Festpielhauses St. Pölten zum Interview nach London.

Tipp

Eastman/Sidi Larbi Cherkaoui: „Fractus V“, 20., 21.1. 2017, Festspielhaus St. Pölten.
festspielhaus.at

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