„Bei uns ging es immer etwas laut zu“

Einer für alle, alle für einen: Josephine Bloéb und Meo Wulf gehören einer jungen Schauspielergeneration an, in der man sich über Krisen hinweghilft.

Josephine Bloéb und Meo Wulf.
Josephine Bloéb und Meo Wulf.
Josephine Bloéb und Meo Wulf. – (c) Christine Ebenthal

Sein Vater ist Taxiunternehmer und Schriftsteller, sie stammt aus einer bekannten Schauspielerfamilie. Josephine Bloéb und Meo Wulf haben einander am Wiener Reinhardt-Seminar kennengelernt. Nun spielen sie im Theater in der Josefstadt, sie in Nestroys „Mädl aus der Vorstadt“, er hat demnächst in den Kammerspielen Premiere in „Harold und Maude“ an der Seite von Erni Mangold. Ein Gespräch über den Wunschtraum von einst, Astronaut zu werden, warum es super ist, jung zu sein, die Wichtigkeit positiver Gedanken, das Glück – und das gefährliche Spiel mit dem Tod.

 

Sie sind Tobias Morettis Nichte und die Tochter von Gregor Bloéb. Ist ein Schauspielervater anders als andere Väter?
Josephine Bloéb: Weiß ich nicht, ich hatte keinen anderen Vater als meinen. Bei uns ging es immer etwas laut zu. Meine Eltern haben mich unterstützt in allem, was ich machen wollte. Ich bin die Erstgeborene und das einzige Mädchen, ich habe drei kleine Brüder.


Wie ist das bei Ihnen, Herr Wulf?
Meo Wulf: Bei mir gibt es keine Schauspieler in der Familie. Bei uns spielen alle nur sich selbst.


Sie sind mit zwölf Jahren in Becketts „Warten auf Godot“ aufgetreten. Das war eine toll besetzte Aufführung am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, Jan Bosse hat inszeniert.
Wulf: Joachim Meyerhoff, Tilo Nest, Jörg Ratjen haben gespielt. Ich wusste natürlich damals nicht, dass das so wichtige Schauspieler sind. Mein Vater hat mir vorgeschlagen, zu einer Agentur zu gehen, weil ich immer so viel Quatsch gemacht habe, vor dem Fernseher herumgehopst bin und mich verkleidet habe. Die Schauspielerei war zuerst wie ein neues Hobby. Von dem Stück habe ich gar nichts verstanden.


Aber Ihre Eltern haben der Aufführung begeistert zugesehen.
Wulf: Und wie! Ich weiß nicht, wie häufig sie vorher ins Theater gegangen sind. Es war eine neue Welt für sie. Mein Vater ist auch Schriftsteller, er dachte, er könnte während der Generalprobe sein Buch weiterschreiben, aber dann ging es los, und er war nach der Premiere 20 Mal in dem Stück. Meine Mama hat es geliebt.
Bloéb: Bei uns gab es Schultheater und eine Improvisationsgruppe. Ich war in der Pubertät und fand es peinlich, wenn meine Eltern zu Hause Text lernten und so taten, als würden sie sich streiten. Ich habe mich zuerst gar nicht für Schauspielerei interessiert. Ich wollte Astronautin werden oder Reitlehrerin.
Wulf: Ich wollte auch Astronaut werden.


Sie haben beide das Reinhardt-Seminar absolviert. Gab es Krisen während der Ausbildung?
Bloéb: Mit dem Studium sind die Zweifel größer geworden.
Wulf: Man hat riesige Krisen. Zwischendurch habe ich immer wieder gedacht, das wird nichts.
Bloéb: Ich auch.
Wulf: Man beschäftigt sich sehr viel mit sich selbst, mit dem Körper, der Stimme, der Frage, wie bin ich als Charakter? Da hat es bei mir immer geheißen: Süß!
Bloéb: Und bei mir haben sie immer gesagt: Sie ist frech.


Was sind das für seltsame Klischees?
Wulf: Darum geht es in der Ausbildung: Man muss herausfinden, was man kann und woran man noch arbeiten muss.
Die darstellende Kunst giert immer nach neuen Gesichtern. Werden Sie in 20 Jahren noch Schauspieler sein?
Bloéb: Wir sind erst 24. Aber ich habe mir vorgenommen, ich möchte spielen, bis ich tot umfalle. Man kann so vieles Verschiedenes machen, Theater, Fernsehen, Film, Hörspiele, Radio.


Sind Sie gern jung, oder machen Sie sich manchmal Sorgen?
Wulf: Ich finde es super, jung zu sein. Ich möchte so viele positive Gedanken haben wie möglich und so glücklich sein, wie es geht.
Bloéb: Sorgen macht sich jeder. Ich weiß nicht, ob das mit dem Alter zusammenhängt. Ich möchte aber jetzt nicht mehr sagen, ich mache mir Sorgen oder habe Angst, weil das lähmend ist. Ich finde: Man muss irgendwann aufhören, zu viel zu wollen. Wir müssen auch einmal ein bisschen dankbar sein für das, was wir haben, was wir sind und welche Chancen uns gegeben werden.
Sie sind sozusagen die „Harry Potter“-Generation. Was hat diese Geschichte für Sie bedeutet?
Bloéb: Der Schauspieler Rufus Beck war prägend. Mein Vater ist mit ihm befreundet. Wir haben als Kinder ein Baumhaus gebaut, und Rufus war mit seiner Familie zu Besuch bei uns in Tirol. Er hat gerade geübt für „Harry Potter“, denn er hat das Hörbuch im Studio aufgenommen. Er ist zu uns ins Baumhaus geklettert und hat uns mit verstellter Stimme das Buch vorgelesen. Das war ein Wahnsinn und das Schönste überhaupt! Später haben wir immer gesagt, das Reinhardt-Seminar ist unser Hogwarts.


Gibt es etwas, was typisch für Ihre Generation ist?
Wulf: Man wuselt so herum mit seinen Problemen, man muss herauskommen aus seinem kleinen Kosmos. Dabei helfen wir einander. Das ist vielleicht typisch für unsere Generation.


Das ist neu. In Ihrer Branche gibt es viel Konkurrenz, Intrigen.
Bloéb: Das schon. Aber im Reinhardt-Seminar bekommt man mit: Einer für alle, alle für einen. Diesen Ensemblegeist fand ich schön, man ist Teil eines Ganzen und füreinander da. Es ist gut, Freunde zu haben, wenn man eine kleine Krise hat. Die sagen einem dann: „He, du machst das gut!“ Wenn Meo eine Krise hat, muntere ich ihn auf und erkläre ihm: „Das schaffst du locker mit der Rolle!“ Wenn man sich selbst helfen muss, ist es oft das Ende der Welt. Man versteht sich selbst überhaupt nicht.


Ihr erster Auftritt im Theater in der Josefstadt war, dass Sie für Katharina Straßer als Anni im „Abschiedssouper“ in Schnitzlers „Anatol“ eingesprungen sind. Waren Sie aufgeregt?
Bloéb: Es war wie in eine Sitcom stolpern und wieder hinaus. Katharina Straßer hatte keine Stimme. Ich habe ihr geschrieben, sie hat mir toi, toi, toi gewünscht. Ich war total nervös. Aber ich habe es geschafft. Michael König, Peter Matić und ich hatten eine dreistündige Umbesetzungsprobe, und ich hatte den Knopf im Ohr, die Souffleuse hat mir ein bisschen eingesagt.


Mochten Sie schon in der Schule Klassiker?
Wulf: Die Schule hat mich eher von den Klassikern abgehalten. Das Interesse dafür wird zerstört, wenn es immer nur darum geht, morgen machst du eine Inhaltsangabe über die ersten beiden Kapitel. Beim Abitur habe ich mich zwar sehr intensiv mit Schillers „Räubern“ befasst, ich hatte aber wenig Lust auf dieses Stück. Dann habe ich es fürs Vorsprechen gewählt, weil ich mich so viel mit Franz Moor beschäftigt hatte. Und jetzt sind „Die Räuber“ eines meiner Lieblingsstücke.
Bloéb: Es macht einfach mehr Spaß, wenn man diese Werke in die Hand nehmen und praktisch mit ihnen umgehen kann, eine Rolle kreieren und gestalten. Das ist etwas anderes, als im Deutschunterricht einen Aufsatz zu schreiben.


Sie sind viel zusammen, hat man mir gesagt. Sind Sie ein Paar?
Wulf: Nein.
Bloéb: Was nicht ist, kann noch werden.


Was ist los mit Harold aus „Harold and Maude“: Ein junger Mann, der sich sehr viel mit dem Tod beschäftigt, begeistert sich für eine alte Dame?
Wulf: Harold ist nach dem Tod seines Vaters und mit dieser super anstrengenden Mutter zu einem sehr stillen, bedachten Jungen geworden. Der Tod ist ihm dann durch einen Zufall über den Weg gelaufen: Harold bekommt mit, wie die Polizei seiner Mutter mitteilt, er sei bei einem Unfall in der Schule ums Leben gekommen. Daraufhin bricht sie zusammen. Aus diesem großen Zeichen ihrer Liebe zu ihm, einer Mutterliebe, die Harold im realen Leben zu bekommen sucht, entspringt sein neuer Lebenssinn. Er spielt seiner Mutter vor, er wäre tot. Harolds Selbstmorde haben nicht viel mit echtem Selbstmord zu tun, das verstehen viele nicht. Ich möchte Harold nicht als komischen Freak darstellen, sondern versuchen, seine Eigenart zu zeigen. Dann versteht ihn auch das Publikum und begreift, warum er sich in Maude verliebt.

Tipp

„Harold und Maude“ von Colin Higgins mit Erni Mangold und Meo Wulf ist ab 26. Jänner in den Kammerspielen zu erleben, Regie: Fabian Alder.

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