Die Siebzigerjahre oder: Leises Lachen mit Kroetz

Halleluja! Eine tolle Kultur- und Paargeschichte mit Alina Fritsch im Vestibül: "Oberösterreich".

(c) Reinhard Maximilian Werner

„Ich brauch keinen Genuss heute“, sagt Anni. „Ich auch nicht“, antwortet Heinz. Die zwei stecken in einem roten Vorhang, sie trägt ein weißes Hochzeitskleid mit Schleier. Aber die Eheschließung ist schon ein Weilchen her. Das Kleid soll bloß signalisieren: Es ist alles noch heil. Doch ganz so ist es nicht. Eben wollten sich die zwei vergnügen, aber es wird nichts daraus, er ist müde vom Büro, der „gute Wille“ reicht nicht fürs Werk. Man wickelt sich wieder aus.

Heinz und Anni sind die Protagonisten von „Oberösterreich“ von Franz Xaver Kroetz, 1972 am Bayerischen Staatsschauspiel in München uraufgeführt. Die TV-Aufzeichnung nebst Diskussion über das Drama wurde damals vom ZDF gestrichen, wegen Kommunismusverdachts. Der heute 70-jährige Kroetz war acht Jahre in der DKP, der Deutschen Kommunistische Partei, aktiv.


Scheinidyll

Heute wirkt „Oberösterreich“ wie ein gut gebautes Volksstück, seit Freitagabend ist es im Burg-Vestibül zu erleben. Und diese Aufführung ist wirklich ein Erlebnis. Durch die Verbindung von Heinz und Anni zieht sich die Kluft, die sich durch die 1968er-Revolution in der Gesellschaft auftat. Anni ist im Verkauf derselben Firma tätig, in der Heinz Lkw-Fahrer ist. Anni liebt Heinz, aber sie betrügt sich auch selbst über den konservativen Charakter ihres Mannes. Sie hätte auch andere haben können, Heinz ist sauer, als sie ihm das mitteilt. Noch saurer wird er, als das „Aufpassen“ nichts fruchtet und sich Nachwuchs ankündigt. Heinz will, dass Anni illegal abtreibt, sie leistet Widerstand. Wird sie sich durchsetzen?

Regisseur Andreas Schmitz kennt sich bestens mit den schönen und gefährlichen Facetten der Zweisamkeit aus – und er reichert die leisen, wortkargen, dann wieder plötzlich aggressiven Dialoge des Paares mit einer kleinen Kulturgeschichte der Siebzigerjahre an. Musik der Zeit, von Chris Roberts' „Ich bin verliebt in die Liebe“ bis „Hallelujah“ von Leonard Cohen wird so eingespielt, dass man auch die Lyrics als Botschaften versteht. Schmitz lässt Kroetz' Text wie ein Theatermuseum einfach stehen. Anni und Heinz schauen die „Peter-Alexander-Show“, sie bereitet ihm Krabbensalat zu, wie ihn Curd Jürgens mochte – und die beiden rechnen ihre geringen Einkünfte, die, wie Heinz meint, keineswegs für ein Kind reichen, in D-Mark. Altmodisch wirkt die Aufführung freilich keineswegs, man sieht nur, dass vieles – trotz der Fortschritte, die es seit den Siebzigern, gerade in Paarbeziehungen, gab – gleich blieb. Das passt auch insofern prächtig ins Bild, als die heutige Jugend diese Zeit verklärt, die sie nicht erlebt hat – und die Älteren, die sie erlebt haben, blicken nostalgisch auf den großen gesellschaftlichen Aufbruch zurück.

Die wichtigste Veränderung war vielleicht, dass Horváths arme Mädchen nicht mehr arbeitslose Beute von Strizzis waren, sondern erstmals Chancen auf einen echten Job hatten, und auch die sexuelle Revolution befreite vor allem die Frauen. Anni und Heinz haben in ihrem Dorf zwar keine Ahnung von den Umwälzungen, aber sie blitzen und wettern bereits in ihrer Ehe. Diese Aufführung im verspielten Bühnenbild von Korbinian Schmidt, der auch die Kostüme entwarf, ist nicht zuletzt dank der Darsteller ein Kleinod. Alina Fritsch balanciert im weißen und im roten Kleid auf dem schmalen Grat zwischen Ergebung und Auflehnung.


Nach Wien!

Ihr größter Traum ist eine Reise nach Wien, doch Heinz' Versprechungen bleiben vage. Christoph Radakovits mit Schmalzlocke will, dass alles bleibt, wie es ist. Als er durch die Schwangerschaft seine Bequemlichkeit gefährdet sieht, gerät er zunehmend außer sich. Er will ihr Kind sein, alles andere kann warten. Für Anni wird es immer schwerer, ihren, wie heute von TV-Bildern bestimmten, Traum zu leben. Die Premiere wurde stark bejubelt. Eines allerdings stimmt nicht, der von Kroetz vorgeschriebene süddeutsche Dialekt, den beherrschen die beiden nicht. So wird immerhin stärker betont, wie unabhängig von Ort und Zeit Beziehungen laufen. Ein Abend voll Melancholie, aber auch, selten bei Kroetz, heiteren Momenten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2017)

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