Zwei goldene Männer für Erni

Erni Mangold feierte ihren 90. Geburtstag mit „Harold und Maude“ von Colin Higgins: ein würdiger und heiterer Feierabend für die Künstlerin und das Publikum.

FOTOPROBE ´HAROLD UND MAUDE´
FOTOPROBE ´HAROLD UND MAUDE´
(c) APA/GEORG HOCHMUTH

Das gibt es nur im Theater: Der Vorhang geht auf, ein junger Mann hängt von der Decke, im Todeskampf vollführt er ein kunstvolles Ballett. Doch alles ist nur Fake. Der Bursch will seine Mama beeindrucken. Am Ende verschwindet der Strick nebst der Halterung für den Knaben in Richtung Schnürboden.

Aber das Ganze ist doch etwas mehr als ein Theatertrick. Denn Harold ist, wie sein verstorbener Vater, ein Technik-Freak, der seine Zeit mit Erfindungen verbringt, die vorzugsweise seinen Selbstmordversuchen dienen. Und er hat darin eine beachtliche Meisterschaft erreicht – wie seine Mutter im Ignorieren seiner Kunststückchen.

Seit Donnerstagabend ist wieder einmal „Harold und Maude“ von Colin Higgins zu sehen, diesmal in den Kammerspielen. In der Pause tauschten Zuseher ihre Erinnerungen an Gusti Wolf im Burgtheater oder Elfriede Irrall im Volkstheater aus. Und wie hieß damals doch gleich der Harold?

Ungerecht, aber wahr. In „Harold und Maude“ ist fast immer Maude die Hauptperson. Da ist Fabian Alders Inszenierung keine Ausnahme. Obwohl Meo Wulf überzeugend wirkt, in seinem Ernst, sich statt seiner egozentrischen Society-Mama (Martina Stilp) eine Frau zu suchen, die ihn versteht und ernst nimmt. Oliver Huether und Silvia Meisterle erfreuen mit Wandlungsfähigkeit, er als Psychiater, eine wahre Studie, Polizist und Pater; sie spielt drei Mädchen von der Datingagentur, am köstlichsten ist Meisterle als Miss Sunshine, die Schauspielerin. Die Inszenierung ist unspektakulär, die traumwandlerische Optik wird nur selten mit Surrealität erfüllt, dafür sitzen die Pointen. Das Stück des Australiers Colin Higgins, der mit nur 47 Jahren an Aids starb, ist unverändert bühnentauglich, spekuliert aber zu offensichtlich auf Lacher, die das Publikum spendet, als liefe – wie im TV – ein Laufband mit.

 

Kecke Greisin mit Tschick

Erni Mangold ist eine ideale Besetzung für die Maude, ein bisschen unwürdige Greisin – der Text von Bert Brecht über seine Großmutter ist im Programmheft abgedruckt –, ein bisschen Hippie, ein bisschen jenseits. Mit Schiebermütze hockt sie sich auf dem Friedhof neben Harold, schnorrt von ihm Feuer für ihre Zigarette („Naturtabak“) und zwingt den Widerstrebenden, einen vertrockneten Baum zu retten. Erni Mangolds Maude ist durchaus noch eine kokette Verführerin, sie könnte eine Spur energischer und kantiger sein, wie es ihre Stärke ist, aber das wird vielleicht noch. Bei Autor Higgins hat Maude Narrenfreiheit, denn es kann ihr egal sein, ob sie eingesperrt wird, ihr Leben neigt sich sowieso dem Ende zu.

2014 drehte Houchang Allahyari „Der letzte Tanz“ mit Mangold als Alzheimerkranken, die einen jungen Pfleger umgarnt. Mangold war wunderbar in diesem Film, der härter und direkter mit dem Thema Altern umgeht als „Harold und Maude“.

Nach der Kammerspiel-Premiere wurde Erni Mangold kräftig bejubelt und gefeiert – auch von Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger und Kulturstadtrat Mailath-Pokorny, der einen Goldenen Rathausmann überreichte.

So hatte es Mangold an diesem Abend gewissermaßen mit zwei goldenen Männern zu tun, Harold (Meo Wulf) und dem Rathausmann. Letzteren drehte sie nach allen Seiten, freute sich, meinte, sie bekomme zum Neunziger einen Mann geschenkt, wer könne das schon von sich sagen? Und: „Goldene Männer sind selten!“ Schlagfertig wie immer, die Mangold, die (angeblich) mit dieser Produktion Abschied von der Bühne nehmen will. Wir warten einmal ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2017)

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