Elfriede Jelinek in New York: Den Narren zum König machen

Das neue Jelinek-Stück „Auf dem Königsweg“ über Donald Trump wurde in New York vorgestellt: Es versucht den Mann zu fassen, der plötzlich ins Zentrum der Macht gerückt ist „und nichts mit ihr anzufangen weiß“.

Jelinek: "On the Royal Road: The Burgher King"
Jelinek: "On the Royal Road: The Burgher King"
Jelinek: "On the Royal Road: The Burgher King" – (c) New Yorker Segal Center

Donald Trump, der nachts im Bademantel durch das Weiße Haus geistert, den ultrakonservativen Sender Fox News schaut und einsam Tweet um Tweet absetzt? Diese fast absurde Szene, wie sie kürzlich in den US-Medien die Runde machte, zeigt ein Land, in dessen Machtzentrum momentan nicht nur symbolisch gähnende Leere herrscht. Die Österreicherin Elfriede Jelinek, die 2004 den Nobelpreis für Literatur erhielt, hat sich nach einer ganzen Reihe von Stücken zu brisanten Themen der Gegenwart nun des im Vorjahr von den Republikanern nominierten und im November gewählten US-Präsidenten angenommen – und seiner „Verbündeten“ namens Wind und Nebel; sie sorgen laut Jelinek dafür, dass seine Reden möglichst schnell wieder aus dem Gedächtnis der Zuhörer verschwinden.

Jelinek nimmt in ihren Dramen oft aktuelle Themen auf, etwa die globale Finanzkrise, den Terror, die Migration. Sie spielt mit den Klischees. Ihr neuer Text „Auf dem Königsweg – The Burgher King“ versucht eine Annäherung an etwas, das eigentlich gar nicht auszumachen ist: Die Tiefenstruktur des omnipräsenten Oberflächenphänomens Trump. Das Stück, das im Oktober am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, dem größten Sprechtheater des Landes, Premiere feiern soll, wurde am Montagabend in englischer Übersetzung erstmals als Lesung im New Yorker Martin E. Segal Theater Center vorgestellt. Das 92 Seiten lange Stück wurde auf 16 Seiten gekürzt. Als „Bürger-König“ befeuert der vormalige Unternehmer darin u. a. die Dystopien einer hellseherischen Miss Piggy aus der Muppet Show.

That's Entertainment: Schweinepuppe

Der von Stefan Džeparoski inszenierten szenischen Lesung schickte die Autorin eine Botschaft an die Teilnehmer dieser kleinen New Yorker Premiere voraus, die nur knapp zwanzig Blöcke vom Trump Tower entfernt stattfand. Sie sei interessiert an der Schnittstelle ihres eigenen Sprechens mit der Wahrnehmung des US-Publikums, „an Ihrer Realität, die aber nicht die meine ist.“ Die Kulisse bildete die Projektion einer in rosa Plüsch gekleideten Miss Piggy, die aus den Augen blutet und im Stück mit der Figur des antiken Propheten Teiresias verschmilzt. Sie beginnt in jenes leere Zentrum der US-Politik vorzustoßen, das seit Jahresbeginn Ex-Baulöwe Trump besetzt hält. Diese Diven-Figur aus dem Puppentheater verkörpert die Entertainment-Branche schlechthin – aber auch ein durchaus emanzipiertes Frauenbild. Neben Trump, ebenfalls Kind der Unterhaltungsindustrie, rückt Jelinek so auch den feministischen Blickwinkel sowie ihre eigene öffentliche Selbstdarstellung in den Mittelpunkt der teils recht sprunghaften, für Jelinek aber gewohnt assoziativen Aufmerksamkeit. Der als Ein-Personen-Stück aufgeführte Text versucht so den Mann zu fassen, der plötzlich große Macht hat, „mit ihr aber nichts anzufangen weiß“.

Elfriede Jelinek nach der Bekanntgabe ihres Nobelpreises 2004
Elfriede Jelinek nach der Bekanntgabe ihres Nobelpreises 2004
Elfriede Jelinek nach der Bekanntgabe ihres Nobelpreises 2004 – (c) Reuters

Masha Dakić schlüpft dafür – ähnlich frisiert und geschminkt wie die Autorin selbst – in die Rolle der kinderlosen Medea. Ihr Gegenspieler ist Trump – im Stück wird er einfach der „König“genannt. Er wird nacheinander in die Nähe von historischen, literarischen oder mythischen Figuren gerückt. Trump irrt etwa als Ödipus, der „aber immerhin noch keine Verwandten gekillt hat“ durch den Text – aber auch als biblischer Abraham. An einer anderen Stelle versucht ein Mauer-Baumeister Solness, das Alte zugunsten des Neuen zu beseitigen – dieses Unternehmen führt dann zur Frage nach der Schuld und den Schulden.

Trumps Krönung verlegt Jelinek in den goldenen Aufzug des gleichnamigen Towers, mit dem sich der anti-intellektuelle Trashkönig – „er schreibt nicht, nein, er twittert“ – über die Massen erhoben hat. So entpuppt sich das verschachtelte Königsdrama als Kulturkritik einer ebenso begeisterten wie zu Tode erschrockenen Beobachterin der amerikanischen Gesellschaft. „Sobald ich wieder liquide bin, kaufe ich die Wahrheit oder lease sie – was immer der bessere Deal ist“, lässt sie Trump sagen.

Die virtuelle Welt von Donald und Elfrfiede

Mit Jelinek, ihrerseits Meisterin der Selbstinszenierung, hat sich eine Person des einsamen Twitterkönigs angenommen, deren eigener Medienkonsum wohl als fast so merkwürdig zu bezeichnen ist wie der des Mannes hinter dem orangenen Teint. Das zumindest legte ihre Übersetzerin Gitta Honegger nahe, die in der anschließenden Diskussion vom Entstehungsprozess des Stücks berichtete. Die Autorin, die ihr Haus in Wien nur selten verlasse, verfolge von früh bis spät die Nachrichten. Sie habe mit der Arbeit am Stück noch am Wahlabend begonnen. So sei zwischen Wien und den Staaten, quasi im simultanen Zwiegespräch zwischen Autorin und Übersetzerin, der Text entstanden. Dem Vernehmen nach arbeitet Jelinek, die der Lesung über einen Live-Stream beiwohnen wollte, bereits an einer Fortsetzung – unter anderem mit Kellyanne Conway und Steve Bannon als künftige Charaktere.

 

Zu Person und Werk

Elfriede Jelinek, 1946 in Mürzzuschlag geboren, lebt in Wien und München. 2004 erhielt die Autorin den Literaturnobelpreis. Ihr vielfältiges Werk umfasst Romane (fast ein Dutzend, darunter das monumentale Buch „Die Kinder der Toten“ sowie die Bestseller "Lust" und "Gier"), Essays, Lyrik, Hörspiele, Libretti, et cetera, vor allem aber auch, in den letzten Jahren verstärkt und in ganz eigener Form, Dramen – bisher rund drei Dutzend.

Zuletzt uraufgeführt: "Die Schutzbefohlenen" (2014, Thalia Theater Hamburg), "Das schweigende Mädchen" (2014, Münchner Kammerspiele), "Wut" (2016, Münchner Kammerspiele). Jelineks neues Stück "Auf dem Königsweg - The Burgher King" ist für kommenden Herbst am Deutschen Schauspielhaus Hamburg geplant.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.3.2017)

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