Revolution im Schauspielhaus

Kritik Volker Schmidt hat Kleists "Michael Kohlhaas" überschrieben. "kohlhaaz (wir sind überall)" erweist sich als gewitztes Polit-Theater.

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(c) Wolfgang Simlinger

Auf der Straße vor dem Wiener Schauspielhaus hüpfen und kichern halb Vermummte herum – zwischen vorbeifahrenden Straßenbahnen und Autos. So beginnt „kohlhaaz (wir sind überall)“, eine Uraufführung, die der 41-jährige Klosterneuburger Volker Schmidt, der teilweise in Berlin lebt, verfasst und mit Studenten der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien inszeniert hat. Die Überschreibung von Kleists „Michael Kohlhaas“ – ein Rosshändler wird ob feudalistischer Willkür zum Mordbrenner – erzählt von Widerstand und Rebellion heute.

Im TV laufen Bilder von Demonstrationen aus aller Welt. Doch sind wir in Wien. Veggie-Wirt Michael K. (Valentin Postlmayr) hat vor seinem Lokal eine Bank aufgestellt. Das ist verboten, erfährt er. Sein Freund, ein Hacker, der sich elektronisch ins Nato-Hauptquartier einschleichen will, kann K. auch nicht helfen. Nachdem dieser auf dem Magistrat vorgesprochen hat und vom Beamten Wenzel Tronka (Florian Appelius) über die Vorschriften belehrt wurde, wird er immer zorniger. Aus der kleinen Wut von K. wird ein Aufstand, Leute schließen sich ihm an, bauen Barrikaden. K.s Freundin Lisbeth (Katharina Farnleitner) stirbt, nachdem sie ein Wasserwerfer getroffen hat.

K. fackelt den Magistrat ab, als Galionsfigur einer politischen Bewegung, die auf globalen Umsturz zielt, fühlt er sich aber immer unwohler. Die Revolution frisst ihre Kinder. K. ist eines davon. Ein echter Anarchist oder Terrorist (Deniz Baser), der weiß, wie es geht, will K. benutzen, um Chaos zu verbreiten. Doch die Aktionen in der ganzen Stadt sind eher friedlich: Die jungen Leute bringen mit einer Grünpflanzenflut am Gürtel den Morgenverkehr zum Erliegen.

Volker Schmidt hätte eine rabiate Farce schreiben können. Die Aufführung, die von den energiegeladenen jungen Spielern lebt, ist aber auch amüsant geraten. Und sie zeichnet einfühlsam eine junge Generation, die vielleicht ebenso engagiert, zornig und reformerisch gesinnt ist wie die 1968er, aber weniger leicht gewaltbereit.

 

Literaturparodie, assoziativ, stimmig

Jeder möchte vor allem eins sein, er selbst und kein Sklave des Materiellen und der Wirtschaft. Alle sind ein wenig verspielt und unernst, aber sie wissen sehr wohl, worum es geht, um die Erhaltung der Freiheit und die Verhinderung eines neuen Faschismus. Wenn Gesellschaftsveränderung, dann muss es friedlicher, toleranter, besser werden für alle. Make love not war 4.0 – oder so.

Die markanteste Figur ist Herse, bei Kleist Kohlhaas' treuer Knecht, hier eine Art Hermaphrodit (Anna Woll). Herse arbeitet für ein Essensservice, Symbol für Konzerne, die Gewinne in Steuerparadiese verschieben und Angestellten wie Franchise-Nehmern nichts zahlen. Schmidt versteht es, Themen auf den Punkt zu bringen, ohne polemisch an ihnen kleben zu bleiben. Er ist kein Fanatiker, verherrlicht nicht den Furor der Straße. Wer aber ins rasante Spiel hineinhorcht, erfährt manches über die Generation Z, die politisch wacher ist als viele glauben. (bp)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2017)

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