Stück über Ex-Jugoslawien

Das Blei der Geschichte im Wiener Schauspielhaus

Wo warst du im Krieg Großvater? "Blei" von Ivna Zic zeigt postdramatisches Theater, ein Work-in-Progress über Ambivalenzen von Erinnerung und Vergangenheitsbewältigung.

"Blei" im Schauspielhaus Wien
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"Blei" im Schauspielhaus Wien
Multimediales Work in Progress mit Lerneffekt – Matthias Heschl

„Jugoslawien verliert in diesem Krieg, den es nicht gewollt und nicht verschuldet hat, nach Schätzungen demografisch 1,7 seiner 16 Millionen Einwohner,“ schreibt der frühere „Spiegel“-Auslandschef Olaf Ihlau, heute 75, in einer Analyse über das unvorstellbar brutale Schlachten auf dem Balkan im II. Weltkrieg - das mit dem Jugoslawien-Krieg der 1990er Jahre durchaus zusammenhängt. Wiens Schauspielhaus nähert sich diesen Katastrophen, die angesichts der Ereignisse im Nahen Osten aus der öffentlichen Aufmerksamkeit fast verschwunden sind, von Kärnten aus, Schauplatz der Massaker von Bleiburg 1945: Die Briten trieben damals Flüchtlinge aus dem faschistischen kroatischen Ustascha-Staat zurück nach Jugoslawien, wo sie von der Volksbefreiungsarmee, den Tito-Partisanen, abgeschlachtet wurden: Wie viele Menschen dabei umgekommen sind, ist bis heute unklar. Im Loibacher Feld von Bleiburg liegen noch immer Überreste der Toten.

Einmal jährlich wird ihrer gedacht bei einer Veranstaltung der Kirche, zu der vor allem Kroaten scharenweise herbeiströmen, Ustascha-Sympathisanten, aber auch Menschen, die Familienangehörige verloren. Einer, der überlebt hat, war der Großvater von Ivna Žic, die 1986 in Zagreb geboren wurde und in der Schweiz aufgewachsen ist. In ihrem Stück „Blei“ widmet sie sich seinem Schicksal. Schauspielhaus-Chef Tomas Schweigen hat die Uraufführung inszeniert, die Donnerstagabend Premiere hatte. "Blei" ist kein Stück, sondern postdramatisches Theater, eine chaotische Mischung aus Recherche vor Ort, Spiel, Doku und Film. Die Performance endet nach ca. zwei Stunden im Torferde- und Trockeneis-Nebel. Die Schauspielhaus-Mannschaft krabbelt einmal mehr auf allzu kindliche oder kindische Weise in ernsten Dingen herum.

Poesie und Medienkritik

Was dahinter steckt, ist klar: Man will einer jungen Generation den omnipräsenten Krieg nahe bringen, auf eine für heutige Medienkonsumenten adäquate Weise das Unvorstellbare des Kreislaufs von Machtmissbrauch und Rachsucht vermitteln. Dabei ist es notwendig an den täglichen Nachrichten vorbeizusteuern, aber auch auch an Spiel-Dokus, die, leider muss man es sagen, in ihrer Seriosität oft nicht weniger fern wirken als die rund um die Uhr flimmernden News von den Schlachtplätzen der Welt heute.

Im Dickicht der Bilder zwischen den Möglichkeiten der Bühne und den elektronischen Medien ist Schweigen zwar stecken geblieben. Aber die Produktion ist trotzdem in ihrer Vielfältigkeit spannend: wie die Zeitzeugen in ihren Erinnerungen graben und Unvorstellbares zutage fördern: Auf einem der Todesmärsche wird ein Flüchtling von einem 16-jährigen Kommunisten erschossen, weil er versucht hat aus einem Brunnen zu trinken; wie der Regisseur und ehemalige kroatische Minister den nach Darstellungsmöglichkeiten des Grauens suchenden Theatermachern den Rat gibt, einfach die Leichen aus dem Feld wachsen und reden zu lassen; wie die junge Forscherin eifrig ihre nichtssagenden Erkenntnisse erläutert und schließlich enthüllt, dass persönliche, familiäre Betroffenheit sie antreibt; wie der britische Schauspieler Jesse Inman vergeblich versucht in Archiven mehr über den auf Alliiertenseite 1945 für die Operation verantwortlichen britischen General Patrick Scott zu erfahren.

Das Ende der Ordnung

Die Schauspieler kurven im winterlichen Kärnten herum und werden immer trauriger - ob der scheinbar sachlichen, in Wahrheit aber oft persönlich gefärbten Erinnerungen die sie nicht verstehen können, weil sie aufgrund ihrer Lebenserfahrungen nicht imstande sind zu begreifen, dass Menschen damals sehr stark Objekte und nicht Subjekte der, ihrer Geschichte waren. Verzweifelt hackt das Mädchen Ivna (Vera von Gunten) in ihren Apple. Und der Großvater sitzt ketterauchend in seiner Küche, er erzählt unheimliche Märchen von Elfen und Wald, bis schließlich herauskommt, dass er, von einem Soldaten seiner Stiefel beraubt, bloßfüßig Hunderte Kilometer zurücklegen musste und mit zerfetzten Füßen im Nirgendwo strandete.

Maja Haderlaps Roman „Engel des Vergessens“ (im Akademietheater zu sehen) bleibt unerreicht. Aber auch diese Produktion gibt Stoff zum Nachdenken, weil sie das Zerbrechen jeder Ordnung und Vernunft plastisch illustriert und zeigt, dass die so oft hell erleuchtete, bestens dokumentierte Historie letztlich rätselhaft bleibt. Kann Vergangenheit überhaupt aus der Zukunft bewältigt, unser Leben verbessert werden durch Nachdenken? Oder werden wir überrollt wie Ivna und ihr Opa? In „Blei“, diesem Tohuwabohu von Erinnerungsfetzen, Katharsisbrocken und Sentimentalitätsdeckchen steckt eine ansehnliche Portion Poesie und treffende Medienkritik.

Weitere Vorstellungen z. B. am 22., 25., 27. 4.

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