Entenklein auf der Treppe

Mateja Koležnik hat „Die Wildente“ grob geschnetzelt. Sie lässt es bei Ibsens Tragikomödie so richtig krachen.

Henrik Ibsen frei nach „Upstairs Downstairs“ (von links:) Raphael v. Bargen (Gregers), Gerti Drassl (Gina), Roman Schmelzer (Hjalmar), Maresi Riegner (Hedvig) und (oben) Siegfried Walther (als der alte Ekdal).
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Henrik Ibsen frei nach „Upstairs Downstairs“ (von links:) Raphael v. Bargen (Gregers), Gerti Drassl (Gina), Roman Schmelzer (Hjalmar), Maresi Riegner (Hedvig) und (oben) Siegfried Walther (als der alte Ekdal).
Henrik Ibsen frei nach „Upstairs Downstairs“ (von links:) Raphael v. Bargen (Gregers), Gerti Drassl (Gina), Roman Schmelzer (Hjalmar), Maresi Riegner (Hedvig) und (oben) Siegfried Walther (als der alte Ekdal). – (c) Astrid Knie

Das Fotoatelier des unfähigen Hjalmar Ekdal, das Henrik Ibsen in den Anweisungen zum zweiten Akt seiner vielschichtigen, 1885 in Bergen uraufgeführten Tragikomödie „Die Wildente“ so liebevoll detailliert beschrieben hat, ist bei der Premiere am Donnerstag in der Josefstadt verschwunden. Geht denn in Wien der dreiste Bühnenbild-Klau um? Erst in der Vorwoche war im Akademietheater beim neuen Pollesch-Stück angeblich die Ausstattung von Katrin Brack abhandengekommen, samt „39 Stufen“.

Die sind nun offenbar im Theater in der Josefstadt zum Teil wieder aufgetaucht. Bracks Kollege Raimund Orfeo Voigt reduziert den Spielraum auf eine steile Treppe, die von Hjalmars Frau Gina (Gerti Drassl) praktisch rund um die Uhr ausgiebig geputzt wird. Der Dachboden, auf dem ihr irrer Schwiegervater Ekdal senior Kleintiere hält (die er zuweilen schießt) und Ginas sehbehinderte Tochter Hedvig (Maresi Riegner) eine angeschossene Wildente pflegt, ist nur durch eine Leiter und eine kleine Tür angedeutet, auch das Atelier und die Wohnung darunter befinden sich im Off. Ein Kahlschlag.

 

Der erste Akt wird ausgespart

Für die Inszenierung von Mateja Koležnik gilt das auch. Die slowenische Regisseurin hat bei ihrem Debüt in Wien auf den ersten Akt im Haus des Großhändlers Werle verzichtet, auf männliche Schaukämpfe. Werle wurde einst von Betrug freigesprochen, während sein Kompagnon Ekdal ins Gefängnis ging. Auch die Söhne der beiden werden anfangs positioniert. Gregers Werle ist eben aus dem Norden in die Stadt zurückgekehrt, er predigt schonungslose Offenheit. Sein Vater will die Wirtschafterin heiraten und Gregers – vergeblich – als Kompagnon an der Firma beteiligen. Aber wen interessieren solche Details, die Ibsen souverän en passant einfließen lässt? Wen kümmert es, welche Rolle der Arzt Relling spielt, der antagonistisch zum Aufklärer Gregers die Vorzüge der Lebenslüge preist? Was bedeutet es, dass Molvik ein ehemaliger Theologe ist? Geschenkt. Verhalten wir uns also so, als ob wir „Die Wildente“ gar nicht kennen, und schauen mal einfach, was da läuft.

Man sieht Michael König, Siegfried Walther, Peter Scholz, Alexander Absenger treppauf, treppab, sie hasten, stapfen, trotten, es ist ein Wunder, wie bis zu neun Leute in dieser Enge aneinander vorbeikommen. Gestürzt wird kunstvoll. Susa Meyer schreitet rauf und runter, Raphael von Bargen als Gregers Werle sowie Roman Schmelzer als Hjalmar Ekdal haben beim Stiegensteigen lächerliche, fast identische Perücken auf. Aber wer hier wen spielt, ist nicht so wichtig, denn gesprochen wird in furchtbarem Stakkato, als sei das Wichtigste, dass weit vor 21 Uhr Schluss ist. Vieles bleibt unverständlich. Macht nichts, handelt es sich doch um Entenklein-Text, bei dem die meisten Charaktere zu Statisten degradiert werden. Zumindest dürfen Schmelzer und von Bargen im Ansatz ihr Können beweisen.

 

Eine putzsüchtige Tragödin

Viel mehr davon ist zwei Frauen vorbehalten. Koležnik fokussiert in ihrer Sparversion auf Mutter und Tochter. Riegner beeindruckt als Teenager, der die Grausamkeit im Auf und Ab der Erwachsenenwelt wahrhaftig erfährt. Sie drückt sich an die Wand, horcht, beobachtet, hütet wie einen Schatz ein Kofferradio, das meist nur Rauschen hervorbringt, versucht zu tanzen. Und Drassl schrubbt. Allein dabei zeigt sie, dass sie das Zeug zur großen Tragödin hat. Am Schluss, als es Ibsen so richtig krachen lässt, schluchzt sie wie eine putzsüchtige norwegische Medea über ein totes Kind. Das ist großes Kino auf kleinem Raum. Starker Applaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2017)

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